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Ein Zufallsfund
von
Herbert Henck
Die folgende Begebenheit ist keine Erfindung. Ich las sie vor Jahren zufällig in einer Zeitung auf einer jener Seiten, die über Merkwürdigkeiten aus aller Welt berichten. Später musste ich öfters an
sie zurückdenken, so dass ich sie heute, soweit sie mir erinnerlich ist, festhalten möchte.
In Madrid oder einer anderen Großstadt Spaniens lebte eine Frau, die ein wertvolles Schmuckstück besaß. Da sie dieses eines Tages einer kleinen Reparatur wegen zu einem Goldschmied bringen wollte,
verwahrte sie es, um es vor zudringlichen Blicken zu schützen, in einem einfachen Papierumschlag.
Wie es sich fügte, blieb der Umschlag mit dem kostbaren Inhalt nicht auf seinem vor- bestimmten Platz, sondern fiel unbemerkt zu Boden, gelangte durch ein weiteres Miss-
geschick in einen Papierkorb und geriet von dort in den Hausmüll, den kurz darauf die Müllabfuhr mitnahm.
Als die Frau den Verlust bemerkte und ihr klar wurde, welchen Weg ihr Schmuck ge- gangen war, war sie untröstlich, und in ihrem Kummer wusste sie sich keinen anderen Rat, als zu dem Bürogebäude der
Müllabfuhr zu fahren, bis zu einem der Direktoren vorzudringen und ihm ihr Leid zu klagen.
Der Mann hörte sich an, was geschehen war, bedauerte den Vorfall, machte der jam- mernden Frau jedoch keinerlei Hoffnung, dass sich der Umschlag mit ihrem Schmuck wiederfinden lasse. Um sie aber auf
andere Gedanken zu bringen und zugleich von der Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit einer Suche zu überzeugen, bot er schließlich an, mit ihr zu jener Deponie zu fahren, auf welcher die Müllwagen geleert
wurden.
Dort angekommen, zeigte der Direktor der Frau die unübersehbar große Halde und die unentwegt eintreffenden Lastwagen, die hier ihren Inhalt entluden und gleich wieder in die Stadt zurückkehrten,
um neuen Müll heranzuschaffen und ihn zu dem alten zu kippen.
Wie sollte angesichts solcher Mengen von Abfall und Abertausender von Papierfet- zen, die rings verstreut lagen, gerade jener Umschlag mit dem Schmuck wieder zum Vorschein kommen? Bei jedem beliebigen
Papier könne es sich um das Vermisste han- deln, nur: bei welchem? Und wie um seine Worte zu unterstreichen, hob der Direktor ein Stück Papier vom Boden auf. Wo solle man anfangen zu suchen?
Er zuckte mit den Achseln.
Die Frau wusste nichts zu erwidern, ließ den Kopf sinken und begann die Aussichts- losigkeit ihres Falls zu begreifen. Da fiel ihr Blick auf die Hand des Direktors, die noch immer jenes wahllos
aufgehobene Papier hielt. Und mit einem Mal erkannte sie, dass der Mann nichts anderes in seiner Hand hielt als den Umschlag mit ihrem Schmuck.
Mai/Juni 2007
Erste Eingabe ins Internet: Juni 2006 Letzte Änderung: Sonntag, 10. Juli 2011
© 2007-2008 Herbert Henck
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