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„Schafft frohe Jugend!“
Rektor Henck und seine beiden Söhne
Autobiographische Studien IV
von
Herbert Henck
Kapitel 1: Vorbemerkung Kapitel 1: Verwandtschaft und Namen
Kapitel 2: Wilhelm Hencks Schulbücher Kapitel 3: Von Autos und Hunden Kapitel 4: Fritz Hencks erste Ehe mit Hedwig Scheidemann
Kapitel 5: Zweite Ehe mit Lucie. Peter Henck Kapitel 6: „Zum Licht“ Kapitel 7: Politische Verstrickungen
Kapitel 8: Entziehungskuren, Afrika, Malerei Kapitel 9: Dentist Karl Henck in Schrecksbach
Vorbemerkung
Das hier folgende Kapitel, darauf möchte ich hinweisen, ist mit einer gewissen Vorsicht zu lesen, was manche der darin ausgesprochenen Mutmaßungen, Deutungen
und sogar Sachverhalte betrifft. Da ich entgegen meinen ursprünglichen Absichten schließlich doch einige Auskünfte über Angehörige meiner Familie in Archiven und bei
verschiedenen Behörden einholte, trat manches zu Tage, mit dem ich entweder gar nicht oder nicht in jener Form gerechnet hatte, in der es nun in Erscheinung trat. Auch
Dinge, die mich nachdrücklich beunruhigten und belasteten, kamen dabei ans Licht. Besonders die Ereignisse um Peter Henck, den Sohn von Fritz Henck und Enkel von
Philipp Scheidemann, ließen sich dabei in überraschendem Umfang klären. Hiervon soll jedoch ausführlicher erst in einem späteren Kapitel die Rede sein, das als eine Art
Forschungstagebuch zwar größtenteils bereits geschrieben ist, zu dem ich aber noch die ein oder andere ergänzende Information erwarte. Ich werde das vorliegende
Kapitel in geeigneter Weise fortsetzen, sobald mir Neues zu den angesprochenen Themen bekannt wird.
Erstes Kapitel Verwandtschaft und Namen
Fritz und Karl Henck waren Brüder. Ich war noch zu jung, um diesen Zusammenhang, den man mir sicherlich erklärte, schon vollständig zu verstehen; denn Karl, meinen
Großvater väterlicherseits, der Zahnarzt in Schrecksbach war, sah ich nur selten, während Onkel Fritz, wie wir ihn nannten, damals in Treysa nur wenige Minuten
entfernt wohnte, häufig bei uns vorbeischaute und zu der unübersehbaren Schar von Onkeln und noch mehr Tanten gehörte, deren Verwandtschaftsgrad sich manchmal nur
vage mit diesen Bezeichnungen deckte oder sogar, mangels besserer Anreden, für gar nicht zur Familie Gehörige herhalten musste. Genau genommen war Fritz Henck aber
der Bruder meines Großvaters väterlicherseits und damit ein echter Onkel meines Vaters beziehungsweise mein Großonkel.
Ein Wort zu den Vornamen. Der familiäre, zugleich aber auch etwas proletarische Vorname Fritz scheint nur die Kurzform eines offiziellen und bürgerlicheren Friedrichs
gewesen zu sein, und sein vollständiger Name, wie ich ihn auf einer Meldekarte aus dem Kasseler Stadtarchiv las, lautete ursprünglich Friedrich Carl Wilhelm Henck. Die
Übernahme väterlicher und großväterlicher Vornamen oder solche der Taufpaten in die nächste Generation war in früheren Zeiten nichts Ungebräuchliches und mag selbst
dieser Tage in traditionsbewussten Familien noch vorkommen. Nicht nur Fritz Henck erhielt den Friedrich Wilhelm seines Vaters, auch mein eigener Vater, Heinrich Wilhelm
Helmut Henck, erbte die Vornamen seiner beiden Großväter; und selbst ich wäre neben meinem Rufnamen wohl noch auf zwei weitere Vornamen getauft worden,
hätten nicht zufällig meine beiden Großväter, die mir auch Pate standen, Karl oder richtiger Carl gehießen, woraus sich dann lediglich ein zweiteiliger Karl Herbert
zusammensetzen ließ. Ein vergleichbares Verfahren galt für Mädchen, so dass etwa der vollständige Mädchenname meiner Schwester Edith Marie-Luise Franziska Henck,
der meiner Mutter Irmgard Maria Elisabeth Franziska Christel lautete, wobei Christel ihr Familienname und nicht ein fünfter Vorname war.
Bei meinem Rufnamen hatte man jedoch bewusst nach einem Namen mit derselben Initiale wie der meines Vater Helmut gesucht, damit auf diese Weise, so die nachmalige
elterliche Erklärung, unsere Monogramme einander glichen, ich „später einmal“ leichter etwas aus dem Besitz meines Vater übernehmen könne und neue Einnäher, Prägungen,
Gravuren oder welche Hinweise auf den Eigentümer auch immer sich erübrigten. Ich kann allerdings nicht behaupten, dass diese guten Absichten sich „später“ als von
großem Nutzen erwiesen, und der einzige Fall, der praktische Bedeutung erlangte, wurde ein Stempel, den mir mein Vater nach einer Adressänderung oder Beförderung
überließ. Das hier abgekürzte H. Henck schnitt ich aus und bastelte daraus ein neues Stempelchen, das ich nun schon lange Jahre benutze, um meine Fernleihscheine für die
Bestellung von Büchern und Aufsätzen zu kennzeichnen.
Zweites Kapitel Wilhelm Hencks Schulbücher
Bevor ich auf Fritz und Karl Henck jedoch näher eingehe, soll einiges über Wilhelm und Emma Henck, die Eltern des Brüderpaares, vorausgeschickt werden, welches das
ein oder andere zum Verständnis der Geschehnisse beitragen mag. Das meiste weiß ich aus Berichten meines Vater, manches auch aus denen seiner Mutter, die in ihren
letzten Lebensjahren bei uns in Stuttgart wohnte und bei einem Gläschen guten und hochprozentigen Kräuterlikörs gerne von früher schwärmte, wie dies alte Menschen
eben öfters tun. Anderes, vor allem jenes, das mit Wilhelm Hencks Veröffentlichungen zusammenhing, erfuhr ich vermittelt durch bibliographische Nachforschungen und
Lektüre historischer Schriften, wobei ich mir sicher bin, dass zahlreiche Details in meiner Familie völlig unbekannt waren. Das Interesse an der Vergangenheit und
geschichtlichen Zusammenhängen hielt sich selbst dort in engen Grenzen, wo die eigene Familie betroffen war. Nur mein Vater vertiefte sich längere Zeit in Literatur
über den Nationalsozialismus, wovon bereits die Rede war. Indes möchte ich besonders darauf hinweisen, dass ich meine Urgroßeltern väterlicherseits, von denen
ich hier erzähle, nicht mehr kennen lernte, da sie vor oder bald nach meiner Geburt starben. Und sowohl von Karl wie Fritz Henck habe ich nur aus meiner in Treysa
verbrachten Zeit, die 1955, einen Monat vor meinem siebten Geburtstag, endete, persönliche Erinnerungen.
Wilhelm Henck war von Beruf Lehrer, zuletzt in der Stellung eines Rektors. Erst heute, nachdem ich die zweite Auflage seines Schulbuchs „Moderner Rechenunterricht im
ersten Schuljahr“ von 1926 für einen Euro im Internet ersteigern konnte, ersehe ich auf Grund der Unterschrift zweier Photos, die den Band als Frontispiz schmücken (vgl.
Abb. 1 und 2), dass er diesen Beruf im Jahre 1901 in Cassel-Rothenditmold und acht Jahre später an der Casseler Bürgerschule 27 in der Holländischen Straße ausübte.
Die Bilder sind beredt. Das ältere zeigt den schnauzbärtigen, gleichwohl noch jugendlich und vital wirkenden Autor in lockerer Haltung und mit dem Anflug eines
Lächelns, den Blick leicht zum Hintergrund gewendet, wo eigentlich gar keine Schüler mehr sitzen. Von den Schülern hat jeder eine Vielzahl von Kärtchen in vier Reihen
vor sich aufgebaut, auf denen die Buchstaben des Alphabets zu erkennen sind. Groß stehen die Wörter „Selbstthätigkeit“ und „Lernen ist eine Lust!“ in sauberer lateinischer
Schreibschrift mit Kreide an die Tafel geschrieben.
Abb. 1 Moderner Elementarunterricht von Rektor Wilhelm Henck in Cassel-Rothenditmold Aufnahme aus dem Jahre 1901
Das spätere Photo von 1909 bildet den nun zusätzlich backenbärtigen und etwas ergrauten Schulmann in recht strammer Haltung an seinem Lehrertisch stehend ab,
den Kopf mit ernster Miene leicht angehoben, einen Zeigestock in der rechten Hand haltend. Die Kinder, alles Knaben, die man auch hier leider nur von hinten sieht
– manche tragen ein Matrosenhemd –, sitzen zwar immer noch vor aufgereihten Kärtchen, doch hat sich deren Format verkleinert und ihre Anzahl merklich verringert.
An der Tafel stehen in Sütterlinschrift Wörter wie Mama, Mann, Maus und Mus, und an, über und neben der Tafel sind größere Zeichnungen zu sehen, die vermutlich in das
Erlernen des Schreibens einbezogen waren. Insgesamt macht das ältere Photo einen sehr viel freieren, unverkrampfteren Eindruck als das jüngere, wo alles zu geordnet,
beaufsichtigt, brav und bieder wirkt, was freilich, zum Teil wenigstens, auch auf die Wünsche des Photographen zurückzuführen sein mag.
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Abb. 2 Moderner Elementarunterricht von Rektor Wilhelm Henck in Cassel, Bürgerschule 27 Aufnahme aus dem Jahre 1909
Da Wilhelm Henck jedoch, vielleicht noch in der Kaiserzeit, Vater eines unehelichen Kindes wurde, erachtete man ihn für den Lehrerstand, zumal in seiner vorgesetzten
Position, als nicht mehr tragbar und pensionierte ihn vorzeitig. Was aus dem unstandesgemäßen Familienmitglied wurde, habe ich nie erfahren und weiß noch
nicht einmal, ob es ein Junge oder Mädchen war. Man behandelte den Fehltritt mit großer Diskretion, und mein Vater wusste auch nichts Genaues, obwohl es sich doch
eigentlich um einen Halbonkel oder eine Halbtante von ihm gehandelt haben müsste, wenn man diese Verwandtschaftsbezeichnungen gelten lassen will.
Wilhelm Henck kam ursprünglich aus Trier, wo er 1865 geboren wurde. 1889 übersiedelte er von Gelsenkirchen nach Kassel oder richtiger nach Rothenditmold,
denn dieses wurde erst 1906 nach Kassel eingemeindet. Hier heiratete er 1891, und in den beiden darauf folgenden Jahren kamen seine beide Söhne Fritz und Karl zur
Welt. In Kassel ging er seinem Lehrerberuf nach, und hier schrieb er seine zahlreichen Unterrichtsbücher, die meisten in den ersten zwei Jahrzehnten des neuen Jahrhunderts.
Sie stehen noch immer in Bibliotheken oder sind vereinzelt in Antiquariaten oder bei Auktionen zu finden, wo sie allerdings keine ungewöhnlich hohen Preise erzielen, da
Schulbücher wohl immer in höheren Auflagen hergestellt werden und somit keinen Seltenheitswert beanspruchen können.
Inhaltlich gehörten diese Schriften der sogenannten reformpädagogischen Bewegung an, die um die Jahrhundertwende bis zu ihrem jähen Ende im Jahre 1933 versucht
hatte, auf Eigenart und Bedürfnisse der Kinder schon in den ersten Schulklassen, ja bereits im Kindergarten einzugehen und durch Anschaulichkeit und Lebensnähe
eine grundsätzliche Freude am Lernen zu erwecken. Nicht mehr bloßes Zuhören, Auswendiglernen und Gehorsam wurden gefördert, sondern ein tieferes, innigeres
Verständnis aus dem Wesen der Dinge heraus, ein tätiges Begreifen und ein gleichermaßen körperliches, geistiges wie seelisches, kurz ein ganzheitliches und vor
allem auch lustbetontes Erfassen des zu erlernenden Stoffes. „Schafft frohe Jugend!“ nannte sich programmatisch aufmunternd eines der Bücher Wilhelm Hencks, und
„Fröhliches Lernen“ ein anderes, ebenfalls 1904 erschienenes, das sich laut seinem Untertitel die anspruchsvolle Aufgabe gestellt hatte, die Jugend durch die deutsche
Kunst in Verbindung mit der heimatlichen Natur harmonisch zu bilden.
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Abb. 3 Eine schreibende Klasse unter freiem Himmel aus: Wilhelm Henck und Valentin Traudt, Schaffen und Wirken, Kahla-Jena 1910, S. 225
Die frühesten Veröffentlichungen, die bereits vor der Jahrhundertwende erschienen waren, sollten die reifere weibliche Jugend über unsere Genuss- und Nahrungsmittel
unterrichten oder ihr als Wegweiser zur hauswirtschaftlichen Selbständigkeit dienen. Ernährung, Kleidung, Wohnung, Krankheiten und Hausmittel wurden hier ebenso
behandelt, wie man Abbildungen von Maschinen und Hausgeräten, etwa Herden, Öfen oder Nähmaschinen, fand, mit denen die künftige Haus- und Ehefrau zu hantieren
hatte. Auf Grund dieser frühen Schriften nahm ich zunächst an, dass Wilhelm Henck entweder in einer Mädchenschule gearbeitet oder er die schulische Vernachlässigung
von Mädchen als besonderen Mangel empfunden hatte. Im November 2007 konnte ich „Das Buch von der Hauswirtschaftskunde“ jedoch preiswert erwerben, und
auf seinem Titelblatt war angegeben, dass Wilhelm Henck damals Lehrer an der Bildungsanstalt für Hauswirtschaftslehrerinnen und am Töchterheim des evangelischen Diakonievereins zu Kassel war.
Abb. 4 Das Buch von der Hauswirtschaftskunde von W. Henck und A. Ruperti, Hannover u. Berlin: Carl Meyer (Gustav Prior), 1898, Außenansicht
Die Mehrzahl der folgenden Bücher befasste sich jedoch mit dem elementaren Schreib-, Lese-, Sprach- und vor allem Rechenunterricht für Kinder, wenn es auch
solche zur praktischen Formen- und Raumlehre oder zu Naturkundlichem wie der Zoologie, Botanik und Mineralogie, dem Magnetismus und der Elektrizität gab.
Mit der Hinführung zu ersten Glaubensfragen beschäftigte sich Rektor Henck in dem Büchlein „Wie ich meinen Kleinen die biblische Geschichte erzähle“, das er als eine
Auswahl neutestamentlicher Erzählungen für die erste religiöse Unterweisung in Haus, Kindergarten und Schule bezeichnete. Einen Druck mit dem ähnlich lautenden Titel
„Biblische Geschichten für kleine Leute“ konnte ich 2007 für 1,99 € erwerben. Sein Vorwort ist unterschrieben: „Cassel, im Frühlingswehen 1910“, und er ist mit
zahlreichen Illustrationen von August Reukauf und dem Nazarener Julius Schnorr von Carolsfeld geschmückt (siehe Abb. 5). Insgesamt habe ich an die vierzig solcher Titel
pädagogischen Inhalts gezählt. Viele waren bebildert, manche davon in Farbe, erreichten mitunter zehn Auflagen oder fanden bis ins vierzigste Tausend Absatz.
Abb. 5 Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1872), Holzschnitt aus den 240 Bibelillustrationen (1851-1860),
einbezogen in dem genannten Buch (S. 78) am Ende der Nacherzählung „Jesus segnet die Kinder“.
In den Jahren zwischen 1899 bis 1901 wurde, wie dies von mir bisher nicht eingesehene Dokumente im Hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden belegen,
ein Vorverfahren gegen Rektor Wilhelm Henck zu Rothenditmold und den Mittel-schullehrer Karl Wilhelm Schlitzberger zu Kassel wegen des Nachdrucks eines
von dem Rektor Dr. Otto Schmeil in Magdeburg verfassten „Lehrbuchs der Zoologie“ eingeleitet. Bei dem möglicherweise unautorisierten Nachdruck handelte es sich wohl
um das 1898 veröffentlichte „Lehrbuch der Zoologie für höhere Lehranstalten und die Hand des Lehrers“, das wie andere Bücher Schmeils alsbald zum Klassiker wurde.
Von meinem Vater habe ich noch die Bände „Leitfaden der Tierkunde“ (in der 146. Auflage) und „Leitfaden der Pflanzenkunde“ (143. Auflage), beide 1930 in Leipzig
gedruckt, in denen der schwarzviolette Stempel des Schülers zu sehen ist: HELMUT HENCK | SCHULPFORTE | NAUMBURG (SAALE)-LAND. Aus meiner eigenen
Gymnasialzeit besitze ich noch Schmeils „Pflanzenkunde“ in 177. Auflage aus dem Jahre 1955. Ich habe diese drei Bücher über die Jahre hin immer wieder einmal zur
Hand genommen und befragt, wenn ich den Namen einer Pflanze suchte oder ich mich über ein Tier belesen wollte. Aus pädagogischer Sicht kam der Ansatz Schmeils dem
meines Urgroßvaters sicherlich entgegen, denn Schmeil ging von der unmittelbaren Beobachtung der Natur aus und wusste seine Bücher durch verständliche Texte und
reiche Bebilderung anregend zu gestalten.
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Abb. 6 Anschauungsunterricht in freier Natur aus: Wilhelm Henck und Valentin Traudt, Schaffen und Wirken, Kahla-Jena 1910, S. 224
Etwa in der Mitte der siebziger Jahre, als ich im Rahmen meiner Forschungen über den württembergischen Pietismus fast täglich in der Kölner Stadt- und
Universitätsbibliothek arbeitete, versuchte ich mit Hilfe der dortigen Fernleihe, alle Bücher Wilhelm Hencks heranzuziehen, die ich bibliographisch nachweisen konnte.
Manche Titel ließen sich indes nicht mehr beschaffen und schienen dem Krieg zum Opfer gefallen zu sein, sofern sie überhaupt in öffentliche Sammlungen eingegangen
waren. Anderes, das seinerzeit in Jena oder Chemnitz-Gablenz verlegt worden war, war nur noch im östlichen Teil Deutschlands vorhanden, was vor der
Wiedervereinigung den Zugang zwar nicht ausschloss, zumeist aber erheblich verzögerte.
Gleichwohl trug ich nach und nach manches zusammen, photokopierte es vollständig und reichte die Kopien an meinen Vater weiter, der mir meine Auslagen erstattete und
die losen Blätter in der Buchbinderei des Stuttgarter Gefängnisses mehr bibelartig als schulbuchmäßig in glattes, schwarzes Ganzleder mit Goldprägung oder in ein weniger
ernstes hellbraun genarbtes Rindsleder binden ließ. Die so wiedererstandenen Bücher verwahrte er hinter Glas in seinem Andenkenschrank, einem kleinen Haus- und
Familienmuseum, in dem allerlei von den Vorfahren Überliefertes dekorativ vereint lagerte – ein perlmuttverziertes Opernglas neben einer Lorgnette, das Mutterkreuz
seiner Großmutter, die vier Kinder geboren hatte, seine Erkennungsmarke als Soldat, aus der Kaiserzeit ein Pfeifenkopf aus Porzellan mit einer kleinen Pickelhaube als
Verschluss, ein Ammonshorn aus der Rhön, Geldscheine aus der Inflation, eine Blumenvase fürs Armaturenbrett im Stil der fünfziger Jahre und vieles andere mehr.
Vom Inhalt der genannten Bücher habe ich damals nur wenig zur Kenntnis genommen; es ging zunächst nur darum, sie wiederzufinden und in unserer Familie, der geraden
männlichen und damit namentlichen Erbfolge, wieder vorhanden zu wissen. Heute hätte ich sie gerne zur Hand genommen, nicht um sie von vorne bis hinten durchzulesen,
sondern um darin zu blättern, mir über ihren Stil und Tonfall, ihre Anlage und Bebilderung und sicherlich auch manchen Gedanken darin eine bessere Vorstellung
und Meinung bilden zu können. Leider sind mir diese Bücher jedoch nicht mehr zugänglich, und ich scheue den Aufwand, das bereits einmal mühsam Beschaffte
dreißig Jahre später erneut zu suchen. Die einzige Ausnahme bildet das schon erwähnte Rechenbuch, in dem ich neben viel Eigenwerbung doch auch sehr viel Erfreuliches und mir richtig Erscheinendes fand.
Wenigstens sieben von Wilhelm Hencks Publikationen entstanden in Zusammenarbeit mit dem Kasseler Pädagogen, Dichter und Schriftsteller Valentin Traudt (1864–1951),
nach dem damals schon die Schule im Kasseler Stadtteil Rothenditmold benannt war. Hier wirkte Wilhelm Henck zunächst. Vermutlich war Traudt sowohl Gründer wie
Leiter dieser Schule. Die „Schaffen und Wirken“ betitelte Schrift von 1910 hatte dabei beträchtlichen Umfang und behandelte den modernen Arbeits-Unterricht. Traudt blieb
seinen Schülern in bester Erinnerung, weil er es als einziger Lehrer (der Urgroßvater bildete anscheinend keine Ausnahme) abgelehnt haben soll, sie zu schlagen, und er das
seltene Talent besaß, den zu behandelnden Stoff auch ohne Hausaufgaben dauerhaft zu vermitteln. Er schrieb Gedichte, Theaterstücke, Erzählungen mit hessischem,
heimatgeschichtlichem Hintergrund und mehrere Romane, darunter nach dem Krieg in hohem Alter noch den Roman „Jahre der Schmach“, der von der Zeit des Nationalsozialismus handelt.
Erwähnenswert scheint mir auch, dass Gertrud Caspari (1873–1948), die man die Malerin des deutschen Bilderbuches nennt, in der zweiten Hälfte der zwanziger
Jahre mehrere Lehrbücher Wilhelm Hencks illustrierte und zum Teil auch mit Umschlagbildern versah. Caspari gilt als Begründerin der Bücher für Kleinkinder,
und ihre Arbeiten, darunter Bilderbücher, Adventskalender, Illustrationen von Fibeln, Märchenbüchern und Spielen, Umschlag- und Einbandbilder, wurden millionenfach
verbreitet; sie werden zum Teil noch heute als Klassiker ihres Genres angeboten und nachgedruckt, und Sammler zahlen hohe Preise für die Erstausgaben. Im Mai 1945
wurde Casparis Wohnung in Dresden-Klotzsche von russischen Soldaten geplündert, wobei ihre sämtlichen Arbeiten und Manuskripte vernichtet wurden, ein Schlag, von
dem sich die Künstlerin nicht mehr erholte. Heute sind in Dresden eine Straße und eine Grundschule nach ihr benannt.
Doch 1933 begann eine Epoche in Deutschland, in der man von Staats wegen neuen Idealen huldigte und in der man nichts mehr wissen wollte von einer individuellen,
natürlichen Entfaltung der Anlagen des Kindes und einer wie immer gearteten „Selbstthätigkeit“. Der Einzelne verlor seine Bedeutung immer mehr im Feldgrau
des Kollektivs. Reformpädagogische Schulbücher hatten da nichts zu suchen; Anderes, Wichtigeres stand an, Nationales, Völkisches hatte Vorrang. Bedenkenlos münzte man
das pädagogisch Brauchbare für die eigenen Ziele um und trichterte schon den Kindern und Jüngsten ihre Pflichten gegenüber dem Vaterland ein, die in erster Linie in
Gehorsam, Kampfbereitschaft und Opferwillen bestanden. Systematisch rüstete man sie für ein wehrhaftes Deutsch- und Soldatentum in Heer, Luftwaffe und Marine, das
sich in hohlem Stolz und Dünkel geradlinig und blind auf die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs und ein millionenfaches Elend zubewegte.
So teilten die Bücher Wilhelm Hencks das Schicksal vieler Schul- und Lehrbücher. Unter dem Druck der politischen Ereignisse veralteten sie von heute auf morgen und
wurden von einem Zeitgeschehen überrollt, in dem Kinder allenfalls als niedliche Staffage figurierten, die dem Führer ihre Blumensträußchen entgegenstrecken durften
und im Hinblick auf eine ungreifbar ferne Zukunft stets willkommener Vorwand waren, die eigenen repressiven und machthaberischen Gelüste bequemer und brutaler in die
Tat umsetzen zu können. Die Folgen sind bis heute spürbar.
Abb. 7 Wilhelm Henck, Das Buch der Liebe. Erzählungen für jung und alt Wandsbek: Verlagsbuchhandlung Bethel, Copyright 1935
Wilhelm Hencks letztes Buch, ein leinengebundenes Oktavbändchen, erschien 1935 und hieß „Das Buch der Liebe“. Dank seines diskreten Äußeren und verheißungsvollen
Titels soll es besonders in Bahnhofsbuchhandlungen eine neugierige Kundschaft gefunden haben, die sich nach dem Kauf in ihren Erwartungen aber rasch enttäuscht
sah. Denn in diesen „Erzählungen für jung und alt“ kam weder Anrüchiges noch Verbotenes zur Sprache, sondern nichts Geringeres als die christliche Botschaft.
So verwundert es auch nicht, dass der deutsche Erzieher sich in seinem Vorwort, welches mit den Worten „Der große Führer“ beginnt, nur auf den Herrn Jesus
und niemanden sonst als Vor- und Leitbild bezog.
Drittes Kapitel Von Autos und Hunden
Emma Henck, die Frau des Rektors und eine meiner vier Urgroßmütter, war eine geborene Heyde aus Treysa. Sie besaß zwei etwas ausgefallene Leidenschaften. Eine
von ihnen bestand in der Zucht von Bernhardinerhunden, und ich erinnere mich an ein altes Photo, das eine lange Reihe dieser treuen Tiere, sicher ein ganzes Dutzend,
in mustergültiger Ordnung zeigte. Es waren noch die Zeiten, da Bernhardiner als Rettungshunde dienten und, wie man sagte, stets ein Rumfässchen um den Hals
trugen, um es den im Schnee Verschütteten zur Stärkung zu bringen.
Zum andern war „Oma Emma“ eine passionierte Autofahrerin, die sich gelegentlich an Marathon- oder Etappenfahrten beteiligte. Eine derselben nahm ihren Ausgang in
Königsberg und führte quer durch Europa bis Lissabon oder Sevilla oder eine andere Stadt weit unten im Süden. Offenbar ging sie aus solchen Rennen mitunter als Siegerin
hervor, denn jahrzehntelang beherbergte meine Familie aus ihrem Nachlass einen überlebensgroßen olivenfarbenen Kopf aus nachgedunkeltem Messingblech mit
pieksendem Lorbeerkranz, um dessen Hals sich ein Schriftband mit Angaben über Namen, Ort und Zeit des Rennens rankte. Erst verdüsterte er unsere Wohnung, später
stand er dann im Keller auf einem alten Küchenschrank und leistete den Spinnen Gesellschaft. Wir nannten ihn ausschließlich „den Sieger“, betrachteten ihn aber
lediglich als Staubfänger und erwiesen ihm keinerlei Reverenz. Auch zwei oder drei silberne Pokale waren erhalten, Trophäen, die sich ähnlichen Wettfahrten verdankten
und sich in unserem Wohnzimmerschrank an ungleich würdigerer Stelle präsentierten.
Diese wohl nicht ganz billigen Steckenpferde seiner Frau wusste „Opa Willi“ nicht ungeschickt mit seinen eigenen Begabungen und Interessen zu verbinden, und er
entwickelte, möglicherweise auch unter wirtschaftlichem Druck, ein pragmatisches, kaufmännisches Gespür, mit dessen Hilfe er die Bezüge aus seiner vermutlich
geschmälerten Rektoren-Pension bisweilen aufzubessern verstand. Begleitete er seine Frau auf ihren ausgedehnten Autoreisen, führte er nämlich stets ein Päckchen seiner
Schulbücher im Kofferraum bei sich und warb unterwegs für diese oder vertrieb sie auch selbst, je nach Gelegenheit. Im Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs
veröffentlichte er in Cassel die Broschüre „Der Hund auf dem Schlachtfelde – Briefe über seine Geschichte, Erziehung und Verwendung im Felde“, eine Schrift, in der sich
Zeitgeschehen, Pädagogik und Hundezucht nutzbringend zusammenfanden.
Noch 1915 erschien ein ähnlicher Druck, der „In 10 Stunden erfolgreiche Hundedressur“ hieß und in Chemnitz verlegt war, doch kenne ich beide Schriften, von
denen mein Vater aber einen besaß, nur aus Katalogen. Im September 2007 erhielt ich durch eine Zusendung jedoch Kenntnis von einem Gedicht, das in beiden Ausgaben zu
stehen scheint und darüber hinaus auch als Einzeldruck auf einer Faltkarte veröffentlicht war. Sein Titel ist „Mein guter Kamerad – Lied der freiwilligen Sanitätshund-Führer“,
wurde von Wilhelm Henck im Oktober 1914 verfasst und trägt die Widmung: „Meinem Sohn, dem freiwilligen Sanitätshundführer Fritz Henck, z. Zt. im Felde, in
Liebe zugeeignet.“ Von den neun Strophen, die sich auf Silchers Melodie „Ich hatt’ einen Kameraden“ singen lassen und deren erste Uhlands Worte in die Gegenwart
tragen, seien wenigstens Anfang und Ende hier wiedergegeben:
Ich hab’ einen Kameraden Einen bessern findst du nit. Die Trommel schlägt zum Streite, Er geht an meiner Seite, In gleichem Schritt und Tritt.
Wir teilen, was im Beutel, Ist’s Brot nur oder Wurst Wir löschen auch im Graben, Wenn wir nichts and’res haben, Zusammen unsern Durst.
Er teilt mit mir das Lager,
Ob weich, ob hart und kalt, Ob im geschützten Hause, In einsam schöner Klause, Im Zelte oder Wald.
. . .
Wer ist mein Kamerade, Auf weitem Erdenrund? Es ist mein treuer guter,
Mein lieber, wohlgemuter, Mein braver, braver Hund.
Als seine Schulbücher nach 1933 nicht mehr gelten sollten, ließ sich der deutsche Erzieher auch von der zweiten Passion seiner Frau zu einer kommerziellen
Unternehmung inspirieren, womit er allerdings zugleich einem populären Großprojekt des Dritten Reichs in die Hände arbeitete. „Auf der Reichsautobahn – Der Weg zum
Ziel, ein deutsches Spiel“ nannte sich das von ihm erdachte zeitgemäße Gesellschaftsspiel für zwei bis acht Personen. Neben einem großen bunten Spielplan
enthielt es in einer Schachtel acht Reisestrecken, zwei Würfel, acht Setzkegel in verschiedenen Farben und Spielpfennige. Von seiner Existenz erfuhr ich erst im
Februar 2004 durch eine Auktion im Internet, die bei über sechzig Euro endete und meine finanziellen Möglichkeiten überstieg. Gleichviel konnte ich der Beschreibung des
Verkäufers die vorstehenden Einzelheiten entnehmen und die Spielschachtel zumindest als Photo auf dem Bildschirm betrachten; die eigentlichen Spielregeln blieben mir aber
unbekannt. Nachdem das Spiel im Juli 2006 erneut in einer Internet-Auktion zur Versteigerung gekommen war, bat ich den Verkäufer nach erteiltem Zuschlag, eines
der von ihm angefertigten Bilder hier einbeziehen zu dürfen, was er mir auch großzügig erlaubte.
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Abb. 8 Wilhelm Henck, Auf der Reichsautobahn Das zeitgemäße Gesellschaftsspiel für 2-8 Personen
D.R.G.M. [Deutsches Reichsgebrauchsmuster, frühestens 1936] Nr. 1312878
Wilhelm und Emma Henck wohnten in Kassel und sollen in den vierziger Jahren kurz nacheinander verstorben sein. Der letzte Eintrag auf ihrer Kasseler Meldekarte lautete:
„beide 1943 von Amtswegen nach unbekannt“. Ob sie vielleicht bei dem vernichtenden Großangriff auf die Stadt im Oktober 1943 ausgebombt wurden, weiß
ich nicht. Zuletzt waren sie 1938 in der Hohenzollernstraße 135 eingezogen, wo sie ihre Wohnung im ersten Stock hatten. Sie kamen wohl gelegentlich zu Besuch nach
Treysa, wo die Familie ihres Sohnes Karl vor dem Umzug nach Schrecksbach in der Wagnergasse in einem Haus lebte, das unweit der Schwalm lag. Auch Heydes, aus
deren Familie Emma Henck stammte, könnten hier noch gelebt haben. Mein Vater erinnerte sich, als Kind seine Großeltern mehrfach am Bahnhof abgeholt zu haben,
wobei sich immer dieselbe Szene abgespielt haben soll: Man steht am Bahnsteig und wartet, der Zug trifft ein, Opa Willi steigt aus. Und was hat er in der Hand? Eine Tafel Schokolade!
Meine Annahme, dass beide Urgroßeltern 1943 nach Treysa kamen, um hier bei der Verwandtschaft unterzukommen, bewahrheitete sich freilich ebenso wenig wie ihre
Bestattung auf dem Treysaer, dem Schrecksbacher oder dem Kasseler Friedhof. Alle Anfragen bei den zuständigen Behörden, Verwaltungen und Ämtern verliefen im
Sande, und so weiß ich bis heute nicht, was aus ihnen wurde, wann genau sie starben und wo sie beigesetzt sind.
Viertes Kapitel Fritz Hencks erste Ehe mit Hedwig Scheidemann
Wir Kinder liebten Onkel Fritz. Er war für uns einer der umgänglichsten, freundlichsten Verwandten überhaupt und meist zu allerlei Späßen und Possen aufgelegt. Witz und
Onkel Fritz gehörten zusammen, allein schon weil beide ähnlich klangen und sich gut reimen ließen. Auch sprachen wir öfters von einem Fritzen, etwa einem Angelfritzen
oder Radiofritzen, wenn es sich um jemanden handelte, der sein Gewerbe nur etwas nebenbei und mehr wie eine Liebhaberei betrieb. Dieser Fritze, der durch andere
Tugenden als die der Professionalität glänzte, war trotz langer Wartezeiten bei seiner Kundschaft nicht unbeliebt, denn letztlich wusste jeder, der ihn bemühte, worauf man
sich einließ, und so konnte ihm niemand von Herzen gram sein.
Und wie man mundartlich von einem Karl als Karle sprach, so wurde aus einem Fritz alsbald ein Fritze, was den Vornamen etwas von ihrer schicksalsschweren Bedeutung
nahm und ihnen mehr Einheimisches, Gleichgestelltes und Geselliges gab. Fritz (ich lasse den Onkel und alle Varianten des Vornamens fortan beiseite) konnte, was auch
die anwesenden Erwachsenen amüsierte, Personen treffend nachahmen, und man musste ihn nicht bitten, sich hierfür mit einfachen Mitteln zu verkleiden. Er war
mittelgroß und außerordentlich schlank, fast hager, trug meist ältere, dunkle, etwas ausgebeulte und leicht an ihm schlotternde Anzüge sowie oft eine Baskenmütze, die
ihm zusammen mit der unvermeidlichen Zigarette im Mundwinkel ein südfranzösisches Flair gaben.
Häufig wechselnde Tätigkeiten, bei denen man nicht eigentlich von Berufen sprechen konnte, künstlerische Ambitionen im Bereich der Malerei, des Stückeschreibers und
der Gelegenheitsdichtung, politische Neigungen oder ein etwas sorgloser Umgang mit Geld, all dies und mehr schuf ein schwer einzuordnendes, wenn nicht verwirrendes Bild
von seinem Wesen, und sicher nicht nur in dem kleinbürgerlichen Treysa. Wenn auch Zuverlässigkeit und Standkraft nicht zu seinen Stärken zählten, war ihm eine
beeindruckende Vielzahl von Begabungen zuteil geworden war, Begabungen, die den Bereich des Bürgerlichen häufig ausklammerten und unter denen das Talent, Ruhe
zu finden oder glücklich zu sein, wohl nur in untergeordnetem Maße angelegt war.
Nicht zuletzt dank seiner charmanten Art und guten Manieren hatte Fritz Erfolg bei den Frauen und galt als Schwerenöter, ja notorischer Schürzenjäger – was ich
selbstverständlich erst in späteren Jahren und zunächst mehr andeutungsweise als durch konkrete Beispiele belegt erfuhr. Er war viermal verheiratet, darunter in erster Ehe mit
Hedwig Scheidemann, der jüngsten der drei Töchter des sozialdemokratischen Politikers Philipp Scheidemann, welcher am 9. November 1918, zu Eberts Ärger,
etwas beiläufig und gerade noch im Reichstag am Mittagstisch bei einer wässrigen Kartoffelsuppe sitzend, die Republik ausgerufen und damit die jahrhundertealte
Monarchie in Deutschland beendet hatte. Fritz und Hedwig heirateten 1914, nachdem zwei Jahre zuvor aus der Verbindung bereits ein Kind, die Tochter Johanna Emma,
hervorgegangen war. 1922 wurde die Ehe wieder geschieden; beide Parteien hatten sich wechselseitig des Ehebruchs bezichtigt. So wenigstens wurden die
skandalträchtigen Ereignisse, historisch nicht immer ganz korrekt, von dem Major a. D. Adolf Stein ausgekostet, der unter dem Pseudonym Rumpelstilzchen das Berlin der
zwanziger Jahre in wöchentlichen Feuilletons kommentierte; wer mag, kann dies alles und noch einige pikante Extras in seiner vierzigsten Glosse von 1922 nachlesen.
Fritz Henck kannte die Familie der Scheidemanns vermutlich aus seiner Kasseler Zeit, denn auch Philipp Scheidemann (gleichaltrig wie Rektor Henck) stammte von hier.
Hier und im hessischen Umland hatte seine politische Karriere begonnen, und nach seiner Ablehnung des Versailler Vertrags – „Welche Hand müsste nicht verdorren …“
– und dem anschließenden Rücktritt kehrte er als Oberbürgermeister in seine Heimatstadt zurück. Als Hitler Kanzler wurde, ergriff er vor den Nationalsozialisten
die Flucht ins Ausland und starb sechs Jahre später in Kopenhagen. Ein Teil seiner Aufzeichnungen und Druckschriften wurden jedoch noch im August 1933 von der
Gestapo bei Hedwig Henck – der Name ist aktenkundig, das Dokument mehrfach publiziert – in ihrer Charlottenburger Wohnung beschlagnahmt oder, wie es im
Wortlaut des Befehls hieß, zugunsten des Preußischen Staates eingezogen. Nach Scheidemanns Flucht und Ausbürgerung soll seine Tochter Hedwig, ihre Tochter
Anna und deren Mann Otto Pirschel immer wieder Verhören und Schikanen der Nationalsozialisten ausgesetzt gewesen sein. Die Tochter Johanna war damals
einundzwanzig Jahre alt. Hedwig Henck erlitt auf Grund der politischen Hetze, wahrscheinlich aber auch durch familieninterne Vorgänge, von denen später die Rede
sein wird, mehrere Nervenzusammenbrüche und starb 1935 an einem Herzanfall, zweiundvierzig Jahre alt.
Fünftes Kapitel Zweite Ehe mit Lucie. Peter Henck
In seiner Treysaer Zeit, die somit erst in den dreißiger Jahren begonnen haben dürfte, war Fritz nach dem Krieg mit einer Frau mit Vornamen Lucie verheiratet und hatte eine
Tochter, Liane geheißen. Er wohnte in der Herbstgasse Nr. 5, und ein Rauhaardackel namens Hetsche oder Hätsche vervollständigte die Familie. Liane heiratete dann
einen Mann namens Lothar Schramm, der jung an einer zu spät erkannten Blinddarmentzündung verstarb. An sie alle kann ich mich erinnern. Jahre später, als das
Wirtschaftswunder über das Nachkriegsdeutschland hinweggegangen war, arbeitete Liane als Putzfrau in Hamburg. Auch Fritz zog schließlich nach Hamburg, wo er in den
dreißiger Jahren schon einmal gewohnt hatte, und heiratete in einem Altersheim zum vierten und letzten Mal. Er ehelichte hier eine etwa gleichaltrige, an den Rollstuhl
gefesselte Frau, die ich nur von Photos kenne.
Mein Vater erzählte von einem Sohn, Peter Henck, von dem ich zunächst nicht wusste, aus welcher Ehe oder anderweitigen Verbindung von Fritz er eigentlich
hervorgegangen war. Peter Henck soll entwicklungs- oder sogar etwas geistesgestört gewesen sein, habe tagelang nur im Bett gelegen, und wenn er austreten musste, habe
er einfach die Bettdecke zurückgeschlagen und aus dem Bett heraus ins Zimmer uriniert. Später sei er in ein Konzentrationslager gekommen und dort umgebracht
worden. Mehr weiß ich nicht, und meines Wissens wurden auch zu keiner Zeit Nachforschungen angestellt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob mein Vater Peter Henck
persönlich kennen lernte und wie er von den Einzelheiten des Falles erfuhr. Da er aber in Treysa häufiger mit Fritz gemeinsam zum Angeln an die Schwalm hinunter ging und
er beruflich mit vergleichbaren Krankheiten zu tun hatte, nehme ich an, dass auch diese traurige Geschichte zwischen dem Onkel und Neffen einmal zur Sprache kam und der
vom Schicksal gedemütigte Vater dem meinen sein Herz ausschüttete.
Peter Henck scheint damit das einzige Mitglied unserer gesamten Familie, väterlicher- wie mütterlicherseits, gewesen zu sein, das ein wirkliches Opfer des
Nationalsozialismus wurde. Eine weitere Ausnahme könnten allenfalls Rektor Henck und seine Frau gewesen sein, denn der Zeitpunkt ihres Weggehens von Kassel gibt zu
denken. Alle, die eingezogen wurden und an die Front mussten, kehrten unversehrt in die Heimat zurück, und niemand büßte sein Haus oder seine Wohnung ein, denn die
meisten lebten mehr oder minder auf dem Lande oder in Kleinstädten, wo nur wenige oder gar keine Bomben fielen. Selbst die amerikanischen Besatzungstruppen verhielten
sich hier am Ende des Krieges vergleichsweise gesittet, und von Gräueln, wie sie die Rote Armee 1945 im Osten verübte, ist mir nichts bekannt geworden.
Dass dieses eine Opfer gerade der Sohn jenes Mannes war, der einen von ihm einst für den Vormarsch des Sozialismus veröffentlichten Sprechchor mit dem Titel „Zum
Licht, Die Geschichte einer Nacht“ 1933 als ein Sprech- und Singspiel aus dem Frühling einer neuen Zeit überarbeitete und in „Deutsche Jugend marschiert – Licht,
Leben, Liebe“ umtaufte, ist jedenfalls so bemerkenswert wie befremdlich. Zunächst nahm ich vorschnell an, Fritz sei in seiner Nonchalance oder aus reinem
Opportunismus zu den Nationalsozialisten übergelaufen und habe sich mit der überarbeiteten Fassung seines Sprechchores den neuen Machthabern empfehlen
wollen, denen seine vormalige politische Zugehörigkeit zur Linken früher oder später bekannt geworden wäre und unangenehm hätte auffallen können.
Aber ganz so einfach war es vielleicht doch nicht gewesen. Denn nun las ich, dass nach Philipp Scheidemanns Emigration außer seiner Tochter Hedwig auch die Tochter Anna
und ihr Mann von den Nazis drangsaliert worden waren und dass Lina Katz, die älteste Tochter Scheidemanns, und ihr Mann, der Bankier Ernst Katz, den Freitod
gewählt hatten, weil man auf Grund des Familiennamens Katz ständig eine jüdische Abstammung unterstellte und sie den Druck schließlich nicht mehr aushielten. Und so
will ich nicht ausschließen, dass Fritz’ scheinbar unrühmliche politische Kehrtwende vom linken ins rechte Lager eine Strategie, ein durch die Umstände erzwungener
Schachzug und so etwas wie eine Präventivmaßnahme war, seine einstigen, aber doch auch nächsten Familienangehörigen und natürlich auch sich selbst vor unmittelbar
drohender Verfolgung zu schützen. Man weiß, wie Scheidemann, klaren Blicks, auch im Exil mit Hilfe der internationalen Presse ständig vor Hitler als einem Diktator,
Geisteskranken und Verbrecher gewarnt hatte, der Deutschland unweigerlich in den Krieg führen werde, und dass die Nationalsozialisten alles daran setzten, es dem
„Novemberverbrecher“ und „Staatsfeind Nr. 1“ auf ihrer ersten Ausbürgerungsliste heimzuzahlen. Eine vierzehnteilige Artikelserie, die ab Ende 1933 im „Angriff“ erschien,
manipulierte Passagen aus Scheidemanns abgefangenen und später vermutlich auf Goebbels’ Geheiß verbrannten Tagebüchern – nicht weniger als sechsundzwanzig
Bände –, um ihn als „Seine Excellenz der Hochverräter“ an die Wand zu stellen.
Sechstes Kapitel „Zum Licht“
Im April 2004 erhielt ich Fritz Hencks „Zum Licht“ über die Fernleihe aus der Kasseler Universitätsbibliothek. Ich war zu neugierig geworden und wollte das Stück
nun doch einmal mit eigenen Augen gelesen haben, um nicht von der leicht abfälligen Art, in der mein Vater immer davon gesprochen hatte, allzu stark beeinflusst zu sein.
Dabei bin ich mir durchaus nicht sicher, dass mein Vater wirklich das ganze Stück kannte; eher halte ich es für wahrscheinlich, dass er den Text nur überflog und allenfalls
bei der ein oder anderen Stelle verweilte, denn gereimte Dichtung, zumal aus dem Bereich der politischen Poesie, gehörten gewiss nicht zu dem, was er gerne las. Auch
wollte ich wissen, was es mit der Überarbeitung des Stückes „für die Nazis“ auf sich habe, von der mehrfach die Rede gewesen war, und so war ich froh, zunächst schon
einmal die ältere, 1927 in Kassel erschienene Schrift in Händen zu halten. Dabei erinnere ich mich dunkel, dass mein Vater auch die spätere Ausgabe von 1933 besaß,
auf deren Umschlagbild ein Hakenkreuz gleich einer Sonne am Horizont aufging. Aber das zu überprüfen, steht noch an.
Der wohl mit Recht als selten, schwer ersetzbar oder ortsgeschichtlich wertvoll eingestufte Druck unterlag besonderen Restriktionen und durfte nur im Lesesaal der
Zevener Bücherei benutzt werden, über die ich ihn bestellt hatte. Auch durfte er nicht photokopiert werden, so dass ich mich genötigt sah, innerhalb der großzügig auf acht
Wochen bemessenen Leihfrist einige Exzerpte von Hand anzufertigen. Andererseits wurde die Schrift unversichert als offene Büchersendung dem Postweg anvertraut,
was zwar der billigste Weg war, dem ansonsten betonten Wert des Verschickten aber widersprach. „Ex fundatione fratrum Murhard“ – aus dem Bestand der von
den Brüdern Friedrich und Karl Murhard gestifteten Bibliothek (heute ein Teil der Universitätsbibliothek) – lautete ein Stempel in der vierundzwanzigseitigen Broschüre,
die man einst in einen Schutzumschlag aus einfachem Karton gebunden hatte.
Die Beschreibung des Szenariums lautete: „Das Stück spielt beim Mondenlicht auf einem Friedhof. Im Vordergrund schaufelt der Totengräber ein neues Grab.
In seiner Nähe steht der Erdgeist. Von Stunde zu Stunde steigen aus den Gräbern im Hintergrunde Kinder, Frauen, Männer empor. (Alles Weitere ergibt sich aus der
Handlung.)“ Neben dem Erdgeist und dem Totengräber spielt ein beträchtliches Aufgebot an Personen mit, die jedoch nur ausnahmsweise als Individuen, sondern eher
stellvertretend für bestimmte soziale Gruppen auftreten: ein Kind, die Herrgottsliesl, eine junge Mutter, vier Frauen, je ein Bergarbeiter, Landarbeiter, Fabrikarbeiter und
Kopfarbeiter, ein Bettler, ein Soldat, ein Kapitalist, ein Pfarrer, ein Richter und ein Erzieher, je ein Chor der Kinder, der Mütter, der Männer, ein Chor des Leichenzuges
sowie unsichtbare Stimmen und unsichtbare Chöre. Hinzu kamen eine Stimme aus dem Publikum des Zuschauerraumes und ein Kinderreigen. Orgelklänge, ein Tusch aus der
Ferne oder das Erklingen eines Liedes untermalten das Geschehen auf der Bühne musikalisch.
Das Stück beginnt mit einem musikalischen Vorspiel. Im Vordergrund der Szene schaufelt der Totengräber an einem Grabe, neben ihm steht der Erdgeist.
Erdgeist: Tiefer, tiefer,
Breiter, breiter!
Grabe weiter,
Weiter, weiter!
Wacker, wacker,
Wühl den Acker,
Weck die Geister,
Die zum Meister,
Erdgeboren,
Heimgezogen.
(Man hört aus dem Hintergrunde klagende Tierstimmen.)
Jag’ die Fratzen
Eul’ und Katzen,
Wild im Kreise ....
Totengräber: Leise, leise ....!
Aus den Gräbern steigen nun Kinder, Frauen und Männer empor und beklagen einzeln oder in Chören eine Welt, die für sie im Leben nur Leid, Mühe, Entbehrung und
Entrechtung bedeutet hatte. Nur die Herrgottsliesl und der Bettler werden konkreter in der Schilderung ihres tragischen Loses. Ein Kapitalist gesteht seine Verfehlungen ein
und leistet Abbitte. Doch dann verkündet ein Soldat, der Widerstand sei bereits im Gange und die Stunde der Befreiung sei gekommen, und gemeinsam mit dem
Bühnenchor und dem Zuschauerpublikum stimmt er einen Vers der „Internationalen“ an oder, so die Regieanweisung, den passenden Vers eines anderes Kampfliedes.
Noch ehe das Lied verklungen ist, hört man hinter der Bühne vereinzelt Schüsse, die sich zu einer Schiesserei steigern. Das Ende des Liedes geht darin unter. Dann mahnen
verschiedene Stimmen zu Vernunft und Besinnung und begrüßen den langersehnten neuen Tag, die neue Freiheit. Unter Orgelbegleitung nähert sich jetzt ein Trauerzug,
doch ist das Gefolge des Sarges festlich, nicht trauermäßig gekleidet. Der Sarg enthält die alte Zeit, die bei der vorangegangenen Schiesserei offenbar ihr Dasein beendete
und nun symbolisch zu Grabe getragen wird. Der gesamte Chorzug deklamiert:
Alte Zeit,
Wir sargten dich ein,
Sollst für ewig
begraben sein!
Der Pfarrer schwört den vergilbten Bibelbänden ab, ein Mundus nobiscum, mundus vobiscum! ersetzt die alte Kirchenformel und macht den Wandel der Werte deutlich.
Jubel über den Sieg, die endlich errungene Freiheit, die Anrufung des Geistes der Wahrheit und die Bitte um seinen Segen beschließen das Stück.
Soweit die Handlung. Den Umschlag der Ausgabe zierte eine ganzseitige, auf dunkelroten Karton gedruckte Zeichnung des Malers Schibu aus Kassel. Da sein
Name nirgends sonst auffindbar war, handelt es sich vielleicht um ein Pseudonym, das Fritz Henck sich für eine eigene Arbeit zulegte. In holzschnittartigem und
möglicherweise bewusst grobem Strich ranken sich Elemente der Handlung um eine runde, sonnenartige Schrifttafel, die den Titel des Stückes und seinen Verfasser
benennt. Darunter sieht man den langbärtigen Totengräber, beide Hände auf den Spaten gestützt, und den hohlwangigen und kahlköpfigen, aber ebenfalls bärtigen
Erdgeist, der aus dem Boden ragt. Hinter der Friedhofsmauer kommt der Trauerzug herbei; der Kapitalist ist durch einen Zylinder gekennzeichnet. Rechts gegenüber sieht
man den Erzieher oder den Pfarrer mit langem Mantel, ein Kind auf seinen Armen, darüber eine Frauengruppe. Den Frauen gegenüber gibt es eine Gruppe von Häusern
und oben, unter dem Himmel, einen Reigen fünf kleiner Kinder, die sich an den Händen fassen.
Die vorletzte Seite des Heftchens zitierte aus einer Besprechung der Uraufführung anlässlich einer sonntäglichen Morgenfeier am 16. Januar 1927 aus dem „Lübecker
Volksboten“. Meine erste Vermutung, dass in dieser sozialdemokratischen Zeitung, die damals die ersten Artikel des fünfzehnjährigen Willy Brandt abdruckte, nur ein Bericht
über die in Kassel stattgefundene Uraufführung gestanden hatte, bewahrheitete sich nicht. Nach Korrespondenzen mit den Stadtarchiven in Kassel und Lübeck erwies sich
zum einen, dass es in Kassel zu jener Zeit gar kein Stadttheater, von dem in der Besprechung die Rede war, gegeben hatte. In Lübeck entdeckte man dagegen in der
Ausgabe des Vortages der Aufführung eine Ankündigung, aus der zweifelsfrei ein Teil der nachgedruckten Stückbeschreibung stammte. Aus dieser Quelle war auch zu
erfahren, dass das Lübecker Arbeiter-Kulturkartell der Veranstalter war, die Aufführung von dem Genossen Heidmann geleitet wurde und dass Ernst Tollers
Revolutionschor „Requiem den gemordeten Brüdern“ der Uraufführung vorausgehen solle.
Aufs Ganze gesehen schien mir der Sprechchor von Fritz Henck zumindest ebenso stark von Goethes Faust (2. Teil) wie vom Kommunistischen Manifest beeinflusst.
Dem Geist seiner Entstehungszeit entsprechend sollte er wohl eine Art politischen Lehrstücks sein, das auch dem Arbeiter und einfachen Mann auf der Straße zugänglich
war. Das Stück, das sogar einen kurzen zeitgemäßen Bewegungschor enthielt, konnte seinen bildungsbürgerlichen Hintergrund indes kaum verleugnen und entging nicht der
Versuchung, die grundsätzlichen Probleme mehr zu ästhetisieren als einer praktischen Lösung zuzuführen. Da dies jedoch bei den meisten politischen Lehrstücken zu
beobachten ist und vielleicht auch zu ihrer Natur gehört, wäre dieser Mangel Fritz Henck wohl nicht im Besonderen anzukreiden.
Siebtes Kapitel Politische Verstrickungen
Zur Frage der politischen Zugehörigkeit und Standfestigkeit meinte mein Vater, dass Fritz sich innerhalb der Parteien, deren Mitglied er war, aus taktischen Gründen stets
in der Opposition befunden habe. Waren die Linken am Ruder, fand er seinen Platz auf deren rechtem Flügel, um deutsch-nationale Ziele zu verfechten; hatten die
Konservativen das Sagen, plädierte er für soziale Gerechtigkeit und vertrat die Interessen der Arbeiterschaft. Ein Wechsel seiner Parteizugehörigkeit fiel somit, je
nach dem Ausgang von Abstimmungen und Wahlen, nicht sonderlich auf oder war zumindest plausibel vorbereitet.
Diese gewiss nicht sehr schmeichelhafte Beobachtung, die meinen Verdacht des Opportunismus anfangs genährt hatte, fand ich zwar indirekt dadurch bestätigt, dass
Fritz, auch wenn er nie aus der zweiten Reihe hervortreten wollte oder konnte, zunächst mit dem radikalen Spartakusbund sympathisiert haben soll – so wenigstens
mein Vater –, er sich im Verlauf der revolutionären Ereignisse, die vom Kaiserreich zur Weimarer Republik überleiteten, aber zunehmend nach rechts bewegte, ohne den
Sozialdemokraten grundsätzlich untreu zu werden. Vielleicht hat mein Vater aber, der sich nicht sonderlich für die Geschichte der Weimarer Republik interessierte, da auch
etwas durcheinandergebracht oder missverstanden. Eine Hinwendung von den Spartakisten zu deren erklärten Gegnern, zu denen ja nicht nur die Rechten, sondern
auch die Sozialdemokraten gehörten, lässt sich mit den greifbaren Quellen und Fakten nur schwer in Übereinstimmung bringen. Darüber hinaus hätte es mit den
Scheidemanns sicherlich die heftigsten innerfamiliären Auseinandersetzungen gegeben, wäre Fritz ein Anhänger der Kommunisten gewesen.
In den bürgerkriegsähnlichen Unruhen vom Januar 1919, die als Spartakusaufstand bekannt geworden sind, stand jedenfalls Fritz Hencks Name zusammen mit dem
von Albert Baumeister unter einem Flugblatt des Freiwilligen Helferdienstes der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der von den Brüdern Sklarz finanziert
wurde und in das Ebert- und Scheidemann-treue „Regiment Reichstag“ überging. Dieses Freikorps, das im Reichstagsgebäude sein Quartier hatte und von diesem
seinen Namen ableitete, suchte mit allen Mitteln eine von Liebknecht drohende bolschewistische Revolution und Räteregierung nach russischem Vorbild zu verhindern.
Anfang 1919 war Fritz Schriftleiter der neu gegründeten „Volkswehr“, des Organs des selbsternannten Regiments, eine Aufgabe, die er sich mit dem deutsch-böhmischen
Reisejournalisten Colin Ross teilte. Der Verlag für Sozialwissenschaft, in dem die nur wenige Monate bestehende Zeitung erschien, gehörte Dr. Alexander
Helphand, dem „Genossen Millionär“, auch „Parvus“ genannt. Dieser sozialistische Revolutionstheoretiker und Großunternehmer, der ein persönlicher Freund Trotzkis
war und die Lehre von der „Permanenten Revolution“ mitbegründete, hatte in geheimer Mission und mit Geldern der kaiserlichen deutschen Regierung die russische
Oktoberrevolution befördert und 1917 die Durchreise Lenins durch Deutschland in dem legendären plombierten Eisenbahnwagen von der Schweiz nach Russland
maßgeblich in die Wege geleitet. Auch mit Scheidemann, von dem er als Verleger einige Schriften veröffentlichte, verkehrte er freundschaftlich, und seine Villa auf der
Berliner Insel Schwanenwerder, in die später Goebbels einzog, wurde zu einem Treffpunkt der parteipolitisch Mächtigen, wobei es an Vergnügungen aller Art nicht
gemangelt haben soll. – Colin Ross wirkte für kurze Zeit an den Geschehnissen der Novemberrevolution mit, fuhr ansonsten aber „mit Kind und Kegel“ (so der Beginn
eines seiner Buchtitel) durch die Welt und hielt seine eher konservativ gefärbten Eindrücke in mehr als zwanzig Büchern und zahlreichen Dokumentarfilmen fest. Trotz
einiger ideologischer Unterschiede zu den rassistischen Lehren des Dritten Reichs konnte er sich auch in jener Zeit behaupten. Als die Amerikaner Ende April 1945
immer näher rückten, begab er sich mit seiner Frau auf die letzte gemeinsame Wanderung, wie es sinngemäß in einem Abschiedsbrief hieß; dann erschoss sich das
Ehepaar. Der Physiker Werner Heisenberg, der das Ehepaar Ross kannte und damals zufällig traf, hat in seinem Tagebuch die Begebenheiten festgehalten.
In den Ereignissen, die zur Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg führten, spielte Fritz dann eine mir vorerst noch etwas undurchsichtige, möglicherweise
aber keine sehr ehrenvolle Rolle, wie ich etwas betroffen feststellte. Denn sein Name fiel später im Sklarz-Prozess mehrfach im Zusammenhang mit einer Belohnung von
hunderttausend Mark, die zu gleichen Teilen als eine Art Kopfgeld den Mördern der beiden linksradikalen Politiker zufallen sollten. Auch hier weiß ich nicht, ob diese
Vorgänge meinem Vater bekannt waren, und meine Kenntnisse gehen allein auf die Lektüre von Büchern, Aufsätzen und Internetseiten zurück, die sich mit den
Geschehnissen jener Tage befassen. Wenn ich Fritz Henck jedenfalls hier in einem Kreis mehr oder minder illustrer Namen nenne, so allein deshalb, weil er mit diesen
Personen tatsächlich direkt oder indirekt zu tun hatte, und nicht, um etwas vom Glanz anderer auf ihn abfärben zu lassen oder ihm umgekehrt irgend etwas anzuhängen oder
unterstellen zu wollen. Eine abschließende Meinung kann ich mir ohnehin nicht anmaßen, denn die damalige politische Situation war sehr verworren, und es bedürfte
eines eingehenden Studiums der Dokumente, von Akten, Tagebüchern, Zeitungen und Memoiren, um sich über die Haltung und Aufgaben von Fritz Henck in diesem
speziellen Fall ein einigermaßen gerechtes Bild zu machen.
Als spätes Echo seiner sozialdemokratischen Vergangenheit sandte uns Fritz in den sechziger Jahren aus Hamburg ein postkartengroßes Photo von Willy Brandt, das
dieser ihm signiert hatte. Natürlich mussten wir das Erinnerungsstück, nachdem wir es gebührend bewundert hatten, dem Genossen Fritz zurückschicken.
Achtes Kapitel Entziehungskuren, Afrika, Malerei
Mehrere Entziehungskuren versuchten Fritz’ starkem Trinken Einhalt zu gebieten. Gewöhnlich stand er unter der strengen Aufsicht seiner Frau Lucie, doch er war
geschickt und fand Mittel und Wege, sie zu umgehen. So stand er einmal beim sonntäglichen Kaffeetrinken in seiner Treysaer Wohnung auf, um sich mit dem Hinweis
auf seinen empfindlichen Magen, der den starken Kaffee nicht vertrage, lieber Tee in der Küche aufzugießen. Was dann auch wie Tee in seiner Tasse aussah, mit der er
alsbald zurückkehrte, soll indes nichts Geringeres als purer Cognac gewesen sein. Ein Gedicht (er reimte ziemlich mühelos aus dem Stegreif), das er in unser später verloren
gegangenes Gästebuch neben eine Buntstiftzeichnung schrieb, begann mit den beziehungsreichen Worten
Dazu muss gesagt sein, dass Antabus ein bisweilen heute noch benutztes Medikament zur Alkoholentwöhnung ist, das bei jeder Rückfälligkeit heftige Übelkeit auslöst. Fritz’
Gedicht bezog sich in der Hauptsache indes auf das gemeinsame Angeln mit meinem Vater, und die zugehörige Zeichnung zeigte eine lange Reihe von Kränen, die an Stelle
der Petrijünger die Fische aus der Schwalm hievten. Der Begleittext, der die Wendung Rinn – raff – raus! enthielt, bezog sich auf das Auswerfen der Angeln, den Anbiss und
die Landung des Fangs. Leider kann ich mich nur noch an das Vorkommen eines Fidibus und das Ende des Gedichts erinnern, wo sich sein Verfasser nach einem Potz Blitz! mit Onkel Fritz unterzeichnete.
Fritz Henck war in Kassel, das sich noch bis in die zwanziger Jahre Cassel schrieb, der Tanzstundenherr meiner Großmutter Elisabeth, der Mutter meines Vaters gewesen.
Auch mein Großvater Karl Henck besuchte diese Tanzstunde, und Liesel, wie sie viele nannten, schwärmte noch in ihrem Alter ob der stadtbekannten fabelhaften Erscheinung
der beiden schwarzhaarigen Brüder, in denen das französische Blut, das einem Zweig der Familie innewohnen sollte, wieder zum Vorschein gekommen sei. Man munkelte
von Verwandtschaft aus Grenoble, wusste ein Weniges um hugenottische Vorfahren und verwies zum Beleg nicht ungern und mit leichtem Stolz auf den französischen
Namen Credé, der in einem Zweig der Familie einmal auftrat. Die Einzelheiten kenne ich nicht, erinnere mich aber, den Namen Credé einst in unserem Stammbuch gelesen
zu haben, und weiß, dass dieser Name auch heute noch in Treysa vorkommt. Mein Vater besaß ein Buch von Carl Credé-Hoerder, das „Vom Corpsstudenten zum
Sozialisten, Der Roman eines Arztes“ hieß und 1928 erstmals in Dresden erschienen war; eine handschriftliche Widmung, vielleicht die des Verfassers, zierte den
dunkelroten Leinenband. Bei dem Autor, dessen Verwandtschaft mit meiner Familie ich freilich nicht ohne eingehendere Prüfung unterstellen möchte, handelte es sich um
einen in Celle ansässigen Arzt, der sich im Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen Ende der zwanziger Jahren einen Namen gemacht hatte. Er verfasste damals neben
seiner Autobiographie auch einige Bühnenwerke, unter anderem „Frauen in Not, § 218“, ein Stück, das in Erwin Piscators Inszenierung berühmt wurde. Seine Schrift
„Volk in Not! Das Unheil des Abtreibungsparagraphen“ illustrierte Kaethe Kollwitz mit sechzehn Schöpfungen, wie sie es nannte.
Erneut muss ich mein Unwissen im Detail und meine Unfähigkeit zu genauerer chronologischer Einordnung bedauern, wenn ich von Fritz’ Aufenthalt in Afrika
berichte. Gleichwohl steht außer Frage, dass er dort längere Zeit in einer französischen Kolonie verweilte, lange genug, um eine eingeborene Afrikanerin zu ehelichen und
mit ihr zumindest ein Kind in die Welt zu setzen. Diese Station Afrika auf seinem Lebensweg ging offenbar weniger auf seine eigenen Wünsche zurück, als dass sie eine
verspätete Erziehungs-, ja Abschiebemaßnahme seiner Eltern war, die mit Fritz, wie und warum auch immer, nicht mehr zurecht kamen und denen die Probleme, die er
verursachte, über den Kopf wuchsen. So wenigstens mein Vater, der auch wiederholt versicherte, dass Fritz’ Eltern ihn sogar bis ans Schiff begleitet hätten, um sich seiner
Abreise zu vergewissern, denn sie befürchteten wohl, er könne sich die Sache noch einmal anders überlegen. Ich halte es nach Kenntnis der Umstände von Scheidemanns
Exil aber auch für möglich, dass Fritz’ Eltern nach dem Tod seiner Frau Hedwig ihren Sohn dem Zugriff der Nazis zu entziehen wünschten und ihm zu seinem eigenen Schutz
den Aufenthalt in Afrika verordneten.
Mein Vater entsann sich, dass Fritz gelegentlich Postkarten aus Afrika schickte, auch einmal ein Photo von seiner farbigen, nur zum Teil bekleideten Frau und seiner neuen
Familie. Einmal kam auch ein unverpackter Balken Ebenholz, an dem lediglich die Empfängeranschrift befestigt war, und wieder ein andermal traf eine Stange Kakao ein.
Auch zwei Tiere aus Ebenholz kamen aus Afrika, ein Elefant mit Äuglein und Stoßzähnchen aus Elfenbein und ein Krokodil mit einer rautenförmigen elfenbeinernen
Einlegearbeit auf dem Rücken, Schnitzarbeiten der Eingeborenen, die später meine Schwester und ich als Spielzeug erhielten. Ich vermute, dass auch der Name von Fritz’
Tochter Liane von seinen Erlebnissen im afrikanischen Urwald beeinflusst war.
Wieder zurück in Treysa – all dies war vor meiner Zeit, ich hebe dies letztmalig hervor – arbeitete Fritz eine Zeitlang bei der Post, sammelte und handelte wohl auch mit
Briefmarken und begann danach in einem neuem Anlauf, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, Champignons zu züchten. Dazu benutzte er einen Teil jener alten und
offenbar für diesen Zweck geeigneten Gewölbe, die unter der Stadtmitte von Treysa verlaufen. Sie wurden vor Jahrhunderten angelegt, um im Belagerungsfall einen
unterirdischen Fluchtweg zwischen der Totenkirche und der Stadtkirche zu schaffen, und müssten auch heute noch vorhanden sein. Ich habe in der zweiten Hälfte der
sechziger Jahre, nachdem ich mich kundig gemacht hatte, einmal ein Haus am Marktplatz besucht, in dem es noch einen Zugang zu diesen Kellern gab, doch kam
man meiner Bitte nicht nach, den Schlüssel zu suchen und mir den Eingang zu öffnen. Man traute meiner Jugend nicht und befürchtete wohl, dass ich irgend welche
Dummheiten anstellen könne. Leider wurde auch das Geschäft mit den Champignons ein Misserfolg, und Fritz gab es, wie noch manches andere, bald wieder auf.
Ein Wort noch zur Malerei von Fritz. Selbst wenn man mir durchaus eine gewisse positive Voreingenommenheit unterstellen darf, bin ich doch weit davon entfernt zu
glauben, dass es sich hier irgend um große Kunst gehandelt habe, die er hervorbrachte. Im Gegenteil, es war eine Art von Hobbymalerei, wie man sie überall findet und die
sich bedauerlicherweise durch wenig Eigenes auszeichnet, die sich aber natürlich allein schon durch den Umstand rechtfertigt, dass ihre Entstehung dem Maler Freude bereitet
hat. Technisch waren die Bilder, soweit ich dies mit meinen geringen Kenntnissen auf diesem Gebiet beurteilen kann, ohne Fehl, allein es mangelte an etwas Besonderem,
einer persönlichen Sicht der Gegenstände, einer individuellen Farbe oder was auch immer. Das meiste, das mir zu Gesicht kam, waren Landschaften, Wege zwischen
Feldern, die von Birken gesäumt sich in der Ferne verliefen. Auch Stillleben gab es. Aus dem Nachlass meines Großvaters Karl Christel besitze ich ein
großdimensioniertes Ölgemälde, das eine Vase voll roter Mohnblumen zeigt und in einen würdigen Rahmen gefasst ist. Meine Schwester hat es mir eines Tages
mitgebracht, ohne dass ich je den Wunsch danach geäußert hatte. Da ich aber keinerlei Neigung empfand, es täglich zu sehen, steht es seit Jahren in unserem Heizungskeller,
warm und trocken, aber verlassen.
Fritz’ Bilder schmückten indes nicht nur unsere Treysaer Wohnung, sondern auch die der näheren Verwandtschaft, denn der Maler scheint sich des öfteren mit ihnen aus
finanziellen Engpässen geholfen zu haben. Konnte er das ein oder andere nicht unmittelbar verkaufen, so setzte er mitunter ein Bild zu seiner Schuldentilgung ein oder
verschenkte es bei feierlichen Anlässen. Man kann kaum glauben, dass es sich hier um die Kunst eines Mannes handelte, der einige Jahre nahezu im Zentrum der deutschen
Politik und revolutionärer Ereignisse verbracht hatte und den das Schicksal keineswegs geschont hatte. Vielleicht drückten diese anheimelnd ländlichen, idyllischen Bilder, die
eher einer kleinbürgerlichen Welt angehörten, etwas von der Ruhe aus, nach der sich Fritz sehnte.
Als wir bereits in Stuttgart wohnten, gab es noch einige wenige Briefe, die zwischen meinem Vater und Fritz gewechselt wurden, dann hörten wir nichts mehr von ihm.
Vermutlich starb er in den siebziger Jahren. Nur sein Geburtsdatum 15.6.1892 konnte ich in Erfahrung bringen; in Hamburg scheint er jedenfalls nicht verstorben zu sein. Ich
komme später wieder auf ihn zurück.
Neuntes Kapitel Dentist Karl Henck in Schrecksbach
Wenn es auch einige auffällige Gemeinsamkeiten gab, scheint mir Karl Henck in mancherlei Hinsicht das genaue Gegenteil seines Bruders Fritz gewesen zu sein. Von
einem Ebenbild kann man jedenfalls kaum sprechen. Hatte Fritz etwas von einem Bohemien und war so unstet wie untreu, verfügte Karl über mehr bürgerlichen Sinn und
wurde schnell sesshaft, ja bodenständig wie die Bauern, deren Zähne er behandelte. Fühlte Fritz, der auch Französisch sprach, sich mehr dem Savoir-vivre verbunden, so
war Karl des Englischen mächtig und eher der britischen, konservativen Lebensweise zugetan, die er seit seiner Internierung auf der Isle of Man im Ersten Weltkrieg kennen
und schätzen gelernt hatte. Beide waren starke Raucher, und beide schauten gerne tief, sehr tief ins Glas, was aber natürlich weit verbreitete Unsitten sind. Fritz war aber auch
hier den Lastern und Zwängen stärker ausgeliefert, während Karl immer und überall unter der strengen, gelegentlich herrischen Obhut seiner Frau stand, die in seiner
Familie ein für allemal das Sagen hatte. Zumindest sah so das Bild aus, das sich mir später aus den verschiedensten Erzählungen und Erinnerungen der Älteren ergab.
Karl hatte in Schrecksbach, einem Dorf im Herzen der Schwalm, etwa in der Hälfte zwischen Ziegenhain und Alsfeld gelegen, ein einfaches, zweistöckiges Haus im
Wasserweg 3 gebaut, vieles daran mit eigenen Händen. Der Wasserweg, damals weder gepflastert noch asphaltiert und kaum mehr als ein besserer Feldweg zu nennen,
führte am nördlichen Ortsende einen Hügel zur Hauptstraße hinunter, und gab es Regen, sahen wir den Grund seines Namens schnell ein, denn lehmfarbene Bäche
strömten den Hügel herab und wuschen tiefe Furchen aus.
Vielleicht hätte die Welt oder zumindest ein jugendlicher Teil von ihr nie etwas von diesem Dörfchen Schrecksbach erfahren, wäre nicht hier 1966 die deutsche
Beatgruppe der Petards, der Knallfrösche, entstanden und hätte sie nicht einen selbst heute mancherorts noch unvergessenen Ruhm und Namen erlangt. Sie bezogen
mitunter die Schwälmer Mundart in ihre Lieder ein, verkauften einige ihrer Schallplatten zu Hunderttausenden und wurden ehedem in einer Unzahl von Fanclubs verehrt. Dies
alles geschah freilich erst lange, nachdem Karl Henck gestorben war. Zur Gruppe der vier Band-Gründer gehörten die Brüder Klaus und Horst Ebert, die Söhne des
praktischen Arztes von Schrecksbach, der auf dem etwas höher gelegenen Nachbargrundstück, im Wasserweg 5, gebaut hatte.
Und dann gab es, meiner Erinnerung nach ganz oben im Wasserweg, einen Künstler, den ich als Kind vielleicht nie sah, von dem ich aber hörte, einen Maler mit Namen
Emil Beithan – wir sprachen das, zu Recht oder nicht, Beit-Hahn aus. Er war kurz nach dem Krieg nach Schrecksbach gezogen und hatte jener nicht unbedeutenden
Willingshausener Malerkolonie angehört, deren Mitglieder – Carl Bantzer an der Spitze –, nicht fern von Schrecksbach, das Leben der Schwälmer unnachahmlich in
großer Schönheit und bunter Pracht festgehalten hatten – ihre Trachten und Feiern, ihren Glauben und Ernst, ihre Arbeit und vor allem ihre Gesichter. Beithan, der mit
Hermann Ebert, dem Arzt im Nachbarhaus, befreundet war, starb nur wenige Wochen nach meinem Großvater, und heute trägt eine Schrecksbacher Straße seinen Namen.
Zunächst hatte Karl Henck im Dorf Wohn- und Praxisräume von Michel Stumpf, dem Besitzer des Schrecksbacher Hofs, eines kleinen Guts mit Gasthaus, gemietet. Nach
bestandenem Examen durfte er sich staatlich geprüfter Dentist nennen, und dies war der Beruf, den er in den folgenden Jahrzehnten hindurch ausübte. Heinz Ital, der
jüngste von seinen drei Schwägern, ging bei ihm in die Lehre und eröffnete dann in Jesberg, einem Dorf nördlich von Treysa, eine eigene Praxis, die er bis zu seinem Tode
führte. Heinz’ Sohn Rolf Ital wurde später ebenfalls Zahnarzt und wurde in Ziegenhain ansässig.
Der Hausbau hatte die finanziellen Mittel weitgehend aufgezehrt. Große Sprünge konnte man nicht machen, und so war Karl allein durch die Hypothek, mit der er
sein Haus hatte belasten müssen, unablässig zur Arbeit angehalten. Die Zeiten, in denen sich Zahnärzte gelegentlich eine Luxusvilla mit Swimming Pool leisten konnten,
waren noch nicht angebrochen. In Geldfragen dürfte sich freilich seine Frau als die Sachverständigere erwiesen haben. Des öfteren sah man sich genötigt, über die Dörfer
Holzburg, Röllshausen, Schönberg, Heidelbach oder wie sie alle hießen zu ziehen, um Schulden für geleistete Behandlungen einzutreiben, wurde aber nicht selten an Stelle
von Bargeld mit Naturalien wie einer Gans, einem Huhn, Hausmacher Würsten oder einer Seite Speck entlohnt, auch wenn die Banken solcherlei Güter als Schuldzins oder
zur Darlehenstilgung sicher nicht akzeptierten.
Karls Schrecksbacher Leben war von ständiger Anwesenheit und großer Regelmäßigkeit bestimmt, dafür sorgten allein seine Sprechstunden und das selten leere
Wartezimmer, im Familienjargon Wartemüsser genannt. Zahnpflege war weitgehend unbekannt, Vorsorgeuntersuchungen schon gar nicht, und grundsätzlich ging man erst
zum Arzt, wenn etwas schmerzte, denn kaum jemand war versichert. Die nächsten Zahnärzte hatten in Ziegenhain und Alsfeld ihre Praxis, und man besaß noch keine
eigenen Autos, die etwa zwanzig Kilometer in beiderlei Richtung in nur ebenso vielen Minuten zurückzulegen. Tagtäglich ging es um schlechte Zähne, Füllungen, Gebisse,
Brücken und Kronen, ums Bohren, Plombieren, Betäuben und Ziehen. Trat er nur ans offene Fenster seines Hauses und unten ging ein Schwälmer vorbei, konnte es
vorkommen, dass dieser mit einem Finger in seinen weit aufgerissenen Mund zeigte und dem droben am Fenster Stehenden mit kaum noch verständlichen Worten bedeutete, wo es ihm jetzt wieder weh tat.
Karl hätte als junger Mann ursprünglich gerne ein Handwerk erlernt und wäre Tischler geworden, doch das Schicksal und wohl auch er selbst entschieden letztlich anders.
Gleichviel erhielt sich sein Vergnügen, mit Holz umzugehen und dieses zu bearbeiten, ein Charakterzug, den mein Vater erbte, der auf mich aber nur noch ansatzweise
überkommen ist. Ein Schachbrett ist erhalten, wenn auch nicht in meinem Besitz, in dem Karl einst auf einem schweren, mehrere Zentimeter dicken Brett die
zweiunddreißig weißen Felder in hellem Holz sehr sauber eingelegt hat. Die dunklen Felder waren Teil der Grundplatte. Anschließend war das Ganze gebeizt und mit einem
klaren Lack überzogen worden, und es war ein handwerklich durchaus schönes, wohlgeratenes Stück. Ein einziger Schnitt war über sein Ziel hinausgegangen und fiel im
Gesamtbild kaum auf, hatte aber, so mein Vater, einen gotteslästerlichen Fluch des Handwerkers gezeitigt. Ein zweifächriger Sperrholzkasten, etwas gewöhnlicher in der
Ausführung, aber in ähnlicher Lackierung, diente zur Aufnahme der Figuren und war mit veilchenfarbenem Seidenpapier gepolstert.
Dass Karl dieses Spielbrett und dieses Behältnis baute, hatte vermutlich seinen Grund darin, dass er von einem Treysaer Tischler, der in Geldschwierigkeiten steckte, einen
Satz Schachfiguren erworben hatte. Hierbei handelte es sich nicht um etwas Einfaches, Alltägliches, sondern um das nur schweren Herzens veräußerte Meisterstück des
Tischlers, das aus einem kunsthandwerklich anspruchsvollen Satz von zweiunddreißig aufs Zierlichste gedrechselten und dann lackierten Holzfiguren bestand. Mein Vater
und ich spielten in Mannheim gelegentlich damit, auch wenn die Figuren etwas zu leicht waren und schnell umfielen, sobald man unachtsam war und sie nicht mit sehr spitzen
Fingern aufhob. Bei den Königinnen hatte der angehende Meister sich einen besonderen Schmuck ausgedacht und einen kleinen Ring aus dem Holz
herausgearbeitet, der den Figuren locker wie eine Kette um den Hals hing. Leider war die weiße Dame irgendwann zerbrochen oder verloren gegangen, und man hatte den
Meister gebeten, sie nach bestem Vermögen nachzubauen. Doch sei es, dass ein völlig gleiches Holz nicht zu beschaffen war, dem Mann seine Geschicklichkeit abhanden
gekommen war oder er einfach keine Lust hatte, das einst so vollkommen Verfertigte und zwangsweise Veräußerte erneut herzustellen, jedenfalls glich der Ersatz weder in
Farbe noch Qualität der Ausführung dem Vorbild und hob sich etwas nachteilig von den anderen Figuren ab.
Viele Jahre später versuchte der Tischler, dessen Namen mir trotz langen Grübelns unwiederbringlich entfallen scheint, sein Meisterstück für gutes Geld zurückzukaufen,
doch lehnte dies mein Vater ab, auch wenn bei niemandem in unserer Familie das Schachspiel zu einer Leidenschaft geworden war, die Figuren nur selten benutzt
wurden und ich sogar den Vorschlag gemacht hatte, es dem Mann als Geschenk zu überlassen. Dinge wie dieses Meisterstück waren nicht mit Geld zu bezahlen, und es
war nicht recht, sie ohne Not zu einer Handelsware werden zu lassen. Es hing zu viel an Persönlichem daran, und die Vorstellung, dass sich der Hersteller über den Verlust
grämte, hätte später meine Spielfreude zu sehr beeinträchtigt. Zumindest hätte man sich auf irgend einen Tausch einigen können. Gleichwohl war zu bedenken, dass für meinen
Vater die Figuren inzwischen vielleicht unauflöslich mit dem von seinem Vater gearbeiteten Brett und der Schatulle für die Figuren zusammen gehörten, er um seiner
eigenen Erinnerungen willen an dem Spiel hing und dass er die nachträglich entstandene Einheit nicht zerstören wollte.
Ein kleines rundes Rauchtischchen ist neben drei schwergewichtigen, nachgebundenen Bänden über den Völkerkrieg 1914-18 aus dem Nachlass von Karl Henck in mein
Eigentum übergegangen. Das Tischchen, das einst den Schrecksbacher Salon zierte, hat eine schöne, über den Rand gezogene Messingplatte als Abdeckung, die vielfach
sich verzweigende, orientalisch ziselierte Muster zeigen. Manche gleichen arabischen Schriftzeichen, die ein Kunsthandwerker in das Metall getrieben hat. Unter der Platte
befindet sich ein kleines Schränkchen, das rings mit geschliffenen Glasfenstern versehen ist und das man auf einer Seite mit einem Türchen öffnen kann. Das Holz ist
dunkelbraun gebeizt, die vier Füße sind leicht geschwungen und wenig über dem Boden nochmals kreuzweise verbunden. Es war sicher keine ganz billige Anschaffung
gewesen und könnte heute fast schon den Namen einer Antiquität beanspruchen. Die getriebene Metalldecke weist an einer Stelle eine etwas unregelmäßige, kantige
Vertiefung, kurz eine Delle auf, und mein Vater, den ich nach der Entstehung derselben fragte, erklärte mir, dass sein Vater einmal in blinder Wut, warum auch immer, mit
einem Hammer auf das Tischchen geschlagen habe.
Zu den wenigen Erinnerungen, die ich an das Schrecksbacher Leben noch habe, gehören ein oder zwei mehrwöchige Sommeraufenthalte Anfang der fünfziger Jahre.
Zusammen mit meiner Schwester, die damals vielleicht schon zur Schule ging, machte ich gewissermaßen bei den Großeltern Urlaub in der Sommerfrische auf dem Lande.
Eine Postkarte, die meine Mutter am 18. Juli 1952, zehn Tage vor meinem vierten Geburtstag, an mich nach Schrecksbach schrieb, hat sich erhalten. Ich konnte sicher
noch nicht lesen, doch hatte mein Vater einige kleine Zeichnungen von Werkzeugen (Hammer, Säge, Meisel) auf die Karte gemalt und die Namen der Gegenstände in
Blockschrift hinzu geschrieben, vielleicht um mich zum Lesen anzuregen. Die Vorderseite der farbigen Karte zeigte ein Schwälmerkind, gemalt von Henner Knauf.
Wir Kinder hatten unsere Freude in Schrecksbach, und zu viert unternahmen wir mit den Großeltern mehrfach kleine Ausflüge in die nahen Wälder zum Sammeln von
Pilzen, Heidelbeeren oder selbst Mutterkorn aus den Ähren des Getreides. Letzteres konnte man gegen ein kleines Entgelt bei den Apotheken abgeben, da es sich zur
Herstellung von Arznei eignete, und die Bauern waren froh, es nicht im Korn zu haben. Auch Bucheckern fanden wir manchmal in großer Zahl, öffneten und aßen sie.
Natürlich wurde ohnehin immer Proviant und etwas zum Trinken mitgenommen, um unterwegs ein kleines Picknick einzulegen und vor dem Rückweg auszuruhen. Einer
der Ausflüge führte uns in das nahe Schönberg, wo es in einer Kapelle eine Glocke gab, die man das Silberglöckchen nannte. Mag sein, dass wir Kinder da etwas falsch
verstanden hatten, aber wir nahmen die Bezeichnung wörtlich und stellten uns vor, tatsächlich ein aus Silber bestehendes Glöckchen zu sehen und zu hören. Und so
waren wir doch recht enttäuscht, am Ziel der Wanderung nur ein unscheinbares, verschlossenes Glockentürmchen auf dem Gipfel des Berges vorzufinden. Mochte die
Kapelle auch an die tausend und das Silberglöckchen, das wir weder sehen noch hören konnten, an die fünfhundert Jahre zählen, so kannten wir ja das große
Abendläuten im Treysaer Buttermilchturm, dessen schweres Geseil von Hand gezogen wurde und von dem sich die Glöckner, war die Sache einmal in Schwung gekommen,
manchmal in die Luft hinauftragen und beim nächsten Glockenschlag wieder absetzen ließen. Mit solcherlei Sehenswertem konnte man hier nicht mithalten, mochte das
Glöckchen noch so alt sein und silbern klingen, wie man behauptete.
Eine der Geschichten, die man uns Kindern auf diesen Ausflügen wiederholt erzählte und von deren Wahrhaftigkeit zumindest ich damals fest überzeugt war, lautete, dass
hinter irgend einem Waldstück, nicht unweit der Gegend, durch die wir eben kamen, die Welt mit Brettern vernagelt sei. Eine zweite besagte, man solle immer ein wenig
Salz mitnehmen, denn wenn ein Hase sich zeige und man es ihm schnell auf sein Schwänzchen streue, werde er nicht mehr davonlaufen, sondern sitzen bleiben und sich
vielleicht sogar streicheln lassen. Natürlich war beides ausgemachter Unsinn, auch wenn er die Neugierde von uns Kindern erregte, Anlass zu mancherlei Überlegungen
gab und uns immer wieder Ausschau halten ließ, ob wir die Stelle, wo die Welt hinter einem Bretterverhau zu Ende sei, nicht zufällig einmal erblickten. Zu gerne hätten wir
doch durch eine Ritze oder ein Astloch gelinst, um zu erfahren, was dahinter verborgen sei. Ein großes dunkles Loch vielleicht? Oder sah man sogar die Sterne? Die Sache mit
dem Hasen schien schwieriger, denn wie sollte man sich ihm unbemerkt nähern? Die meisten liefen ja bereits davon, falls man sie überhaupt zu sehen bekam. Heute bin ich
freilich der Ansicht, dass es genug Unerklärliches auf unserer Welt gibt und keine Notwendigkeit besteht, den Kindern noch derlei müßige Rätsel aufzutischen, Rätsel,
deren Charakter sie eines Tages durchschauen und unvermeidlich zu der Einsicht bringen werden, man habe sie auf den Arm genommen und sich über sie lustig gemacht.
Aus dem Jahre 1950 ist ein Brief erhalten, in dem Karl Henck von meinem Aufenthalt bei den Schrecksbacher Großeltern berichtet und den er mit mehreren
kleinen Zeichnungen (Abb. 9) versehen hatte. Zwei dieser Bildchen seien hier wiedergegeben. Sie zeigen mich zwischen den beiden Großeltern, ein rotes „Gewehr“
(oder was immer ich als solches bezeichnet haben mochte) geschultert, einmal stehend, ein andermal leicht in der Luft schwebend („Engelein fliieeeg ...!“), einmal von hinten
und einmal von vorne. Die Großmutter hat sich fein gemacht, während des Großvaters Gesicht die bekannte Weisheit illustriert: „Vom Branntewein und dem Likör, da kommt
die rote Nase her“. Dieser Brief ist sein einziger, der auf mich überkommen ist. Nur zufällig entdeckte ich ihn inmitten alter, ungeordneter Post, doch erkannte ich ihn auch
nach über fünfzig Jahren fast sofort wieder. Die Jahreszahl ist nachträglich (jedoch sicher nicht von mir) an den Anfang des Briefs geschrieben und möglicherweise nur
geschätzt, so dass sich alles auch in etwas späterer Zeit zugetragen haben mag, zumal ich für ein zweijähriges Kind zu alt auf den Bildern erscheine.
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Abb. 9
In den letzten Monaten und Wochen seines Lebens hörten wir Kinder nichts mehr über unseren Großvater Karl in Schrecksbach. Die Eltern erzählten uns nichts oder nur das
Notwendigste über seine Krankheit, die zudem in jene Zeit fiel, da wir uns auf den Umzug nach Sinsheim vorbereiteten. Als er am letzten Maitag 1955 starb, standen wir
einen Monat vor der Abfahrt nach Sinsheim, und die großen Veränderungen, die der Wohnungswechsel mit sich brachte, drängten den Tod des Großvaters in den
Hintergrund. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass meine Eltern zur Beerdigung nach Schrecksbach fuhren, was sie sicherlich taten. Auch an ein Gefühl des
Verlustes oder der Trauer kann ich mich nicht entsinnen; es war ein Geschehen, das sich wie in einer anderen Welt zugetragen hatte und das auch meine Eltern nicht weiter
zu berühren schien. Die einzige Mahnung, die uns der Großvater mehrfach für den Umzug gegeben hatte, dass wir nämlich nicht versäumen sollten, den Hackklotz zum
Spalten des Feuerholzes mitzunehmen, wurde im Trubel des Umzugs schließlich doch vergessen, und so blieb derselbe in Treysa zurück. Er hätte uns freilich auch wenig
genutzt, denn in der neuen Wohnung gab es keine Öfen mehr, sondern eine Zentralheizung, für die man kein Kleinholz brauchte.
Später hörte ich von meinen Vater, dass es mehrere Operationen gegeben hatte und dass der Sauerbruch-Schüler Rudolf Zenker aufgesucht worden war. Zenker arbeitete
damals an der Marburger Universitätsklinik, galt im Bereich der Chirurgie landesweit als Kapazität und gehörte später zu den deutschen Pionieren der Herztransplantation.
Nach seiner Konsultation und seiner eigenhändigen Operation konnte man sich sagen, man habe sämtliche Möglichkeiten ausgeschöpft und das Menschenmögliche getan.
Doch es war und blieb Speiseröhrenkrebs, gegen den noch kein Kraut gewachsen war und bei dem alle Medizin versagte. Karl starb nicht in einem Krankenhaus, sondern in
dem Schrecksbacher Haus, das er gebaut hatte, betreut bis zum bitteren Ende von seiner Frau, die ihm in der Stunde seines Todes beistand und seine erkaltende Hand
hielt. Viele Jahre später stieß ich in unserem Stuttgarter Keller durch Zufall auf einen kleinen Karton mit jenen persönlichsten Dingen, die ihm zuletzt gehört hatten –
darunter seine Armbanduhr, seine Zigarettenspitze und seine Lesebrille. Und in einer kleinen runden Messingbüchse lag die Trillerpfeife, derer er sich in seinen letzten
Wochen bedient hatte, um seine Frau zu rufen, wenn er ihrer bedurfte, denn auch seine Stimme hatte all ihre Kraft verloren.
Nach Karl Hencks Tod übernahm ein Zahnarzt namens Werner Wolff die Praxis. Durch eine eigentümliche testamentarische Verfügung meines Großvaters war er
gehalten, den Namen Henck seinem eigenen voranzustellen, so dass er, gleichsam seine Nachfolge nach außen hin kenntlich machend, fortan den Doppelnamen
Henck-Wolff führte. Ich lernte ihn in den siebziger Jahren flüchtig kennen, als er uns einmal in Stuttgart besuchte, habe ihn aber trotz der Kürze der Begegnung in sehr
angenehmer Erinnerung. Meines Wissens lebt er noch, und ich vermute, dass er sich inzwischen seinem achtzigsten Lebensjahr nähert oder dieses vielleicht sogar schon erreicht hat.
Deinstedt, 2004 ff.
Erste Eingabe ins Internet: Freitag, den 24. September 2004. Danach zahlreiche Ergänzungen. Letzte Änderung: Sonntag, 12. Juli 2009
© 2004-2009 Herbert Henck
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