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Mannheim
Autobiographische Studien III 1959–1966
von
Herbert Henck
Kapitel 1: Fortgesetzte Chemie Kapitel 2: Chemie (Schluss)
Kapitel 3: Wohnen und Arbeit des Vaters Kapitel 4: Wohnen Kapitel 5: Doris Rothmund
Kapitel 6: Doris Rothmund (Forts.) Kapitel 7: Familienleben, Familiensterben Kapitel 8: Ein Flugzeug, ein Schiff und das liebe Geld
Kapitel 9: Tod der Mutter
Erstes Kapitel Fortgesetzte Chemie
In unserem Mannheimer Badezimmer richtete ich mir mit Einverständnis meiner Eltern eine Ecke ein, in der ich nach und nach mein gesamtes Arsenal an Chemikalien und
Experimentiergeräten unterbrachte. Ein alter Tisch kam unter ein Fenster zu stehen, und auf der Fensterbank wurde ein mehrstufiges Regal aufgestellt, das sich schnell mit
Flaschen und Behältern in vielerlei Formen und Größen füllte. Für die Flaschen mit ätzenden Flüssigkeiten legte ich Glasscheiben unter, da die Lackierung des Regals
zusehends litt, und auch der Tisch wurde mit einer gläsernen Arbeitsplatte geschützt. In zwei geräumigen Schubladen einer Kommode, aus welcher die zunächst darin
befindlichen Handtücher allmählich in ein anderes Zimmer wanderten, brachte ich die meisten Hilfsgeräte unter: Bechergläser, Kolben, Trichter, einen Liebigkühler,
verschiedene Stativklemmen, Rührstäbe, eine kleine Tüpfelplatte, einen Porzellanmörser, Pipetten, einen Schütteltrichter, eine Filternutsche, eine
Gaswaschflasche, Stand- und Messzylinder, Schläuche, Korken und Gummistopfen, ja selbst eine altmodische Retorte und vieles andere, dessen ich mich nicht mehr entsinne.
Einige Reste davon besitze ich noch heute, nachdem ich das meiste in meiner Stuttgarter Zeit, wo alles nur unbenutzt im Keller verpackt stand, an einen
Chemiestudenten verkaufte. Dieses Inventar baute sich natürlich erst langsam über die Jahre hin auf, da meine Mittel zu beschränkt waren für einen planmäßigen Erwerb. Eine
alte, aber noch funktionstüchtige Wasserstrahlpumpe aus Metall brachte mir mein Vater eines Tages mit, die ich an dem Wasserhahn des Waschbeckens in der Toilette
installierte, und nach langem Sparen hatte ich das Geld zusammen, mir einen Propangasbrenner samt zugehöriger Propangasflasche zu leisten, denn die Flamme
eines Spiritusbrenners erwies sich für viele Versuche und Manipulationen, wie etwa das Biegen von Glasrohren in die benötigten Formen, als unzureichend. Die schwere und
unhandliche Gasflasche besorgte ich aus einem weit entlegenen Geschäft im Süden der Stadt und schob sie durch ganz Mannheim auf dem Gepäckträger meines Fahrrads zu uns nach Hause in den Norden.
Einiges andere Zubehör erhielt ich aus unserem Gymnasium, das damals gerade auf Grund des ständigen Platzmangels um eine Etage aufgestockt wurde. Im Rahmen der
Renovierungsarbeiten, die auch den Chemiesaal und dessen Vorbereitungszimmer erfassten, rangierten die Lehrer allerlei Gerätschaften aus, die für den Unterricht nicht
mehr nutzten, teils weil sie defekt und irreparabel, teils weil sie veraltet und inzwischen durch Moderneres oder Anschaulicheres ersetzt worden waren. Man stellte die Sachen
auf einem Flur zusammen, und die Schüler konnten sich nehmen, was ihnen opportun schien. Hier fand ich ebenso einen handlichen Trockenschrank wie eine noch
funktionstüchtige und mir äußerst willkommene Schalenwaage, die auf einem kleinen Holzkasten mit Schublade für die Gewichte montiert war. Beide Beutestücke
transportierte ich wieder auf dem Gepäckträger meines Fahrrads nach Hause, stolz wie ein Spanier. Ein andermal fand ich verschiedene Teile einer ausgedienten Telefonanlage
sowie ein museumsreifes Spiegelgalvanometer mit Vorwiderstand, an dem offenbar niemand Gefallen gefunden hatte. Mit letzterem wusste auch ich zunächst nichts
Rechtes anzufangen, doch war offensichtlich, dass es sich um ein bestens verarbeitetes, hochempfindliches und einst sehr teures Messinstrument für geringste elektrische
Ströme handeln müsse. Ich schrieb einen Brief an die damals noch bestehende Herstellerfirma in München, und wider Erwarten schickte man mir alsbald Original-
Unterlagen zu, die man noch irgendwo unter alten Papieren ausgegraben hatte. Ich baute dann mit einfachen Mitteln eine Lichtquelle, die mit Hilfe einer Lupe auf den
kleinen eingebauten Spiegel ausgerichtet war, und versuchte damit die Elektrizität in den Pflanzen zu messen, die auf unseren Fensterbänken standen. War mein Vorgehen
auch naiv genug, so drehte sich das Spiegelchen jedoch bei jeder Berührung der Pflanzen und ließ einen Lichtpunkt durch das verdunkelte Zimmer wandern, ganz wie es sich gehörte.
Bald war ich im Geschäft der Gebrüder Buddeberg, die damals nahe der Jesuitenkirche, unweit des Mannheimer Schlosses ein Geschäft für Laborbedarf
unterhielten, Stammkunde geworden, und Herr Scherer, ein mir gewogener grauhaariger Verkäufer in labormäßig weißem Kittel, der meinen Forscherdrang und
meine beschränkten Finanzen erkannt hatte, schenkte mir den ein oder anderen fabrikneuen Artikel, der sich über die Jahre hin als unverkäuflich erwiesen hatte, mir
aber durchaus noch manch guten Dienst erweisen konnte. Auch ein großer, gebundener Katalog des Angebots dieser Firma wurde mir zu meiner Freude einmal
verehrt, enthielt dieser doch viele Abbildungen und Bezeichnungen, die sachkundig erklärten, was zu welchem Zweck und in welchen Größen hergestellt werde und augenblicklich lieferbar sei.
Die meisten Chemikalien erwarb ich in einer großen, für meine Zwecke idealen Drogerie in der Mannheimer Innenstadt, nur wenige Schritt von Heckels
Musikaliengeschäft entfernt, meiner Erinnerung nach Ludwig & Schütthelm geheißen. Auch hier kannte man mich bald dank meiner Sonderwünsche. Gewöhnlich wartete
ich, bis bestimmte erfahrene und geduldige Verkäufer frei wurden, die sich mit dem von mir Gesuchten auskannten, mir manchmal die Begleitung auf den Hof gestatteten, wo
häufiger verlangte Flüssigkeiten in großen kippbaren Korbflaschen lagerten, und die mir mit speziellen Hornlöffelchen oft genug nur wenige Gramm von Pulvern oder Salzen aus
größeren Behältern abfüllten und auswogen, die Tütchen oder Fläschchen beschrifteten und schließlich den Preis ausrechneten. Man brachte meiner Hingabe Verständnis
entgegen und maß sie nicht an der Höhe der Einkünfte. Nachdem sich ein vertrauteres Verhältnis eingestellt hatte, wurden mir die Kataloge der großen chemischen Firma
Merck in Darmstadt überlassen, so dass ich selbst nachschlagen konnte, was in welchen Reinheitsgraden und in welchen Mengen abgegeben werde. In mehreren
Fällen musste mich meine Mutter begleiten, damit sie sogenannte Giftscheine unterschreibe, ohne die eine Abgabe bestimmter Substanzen an Minderjährige nicht
erlaubt war. Beispielsweise fielen alle von mir benötigten Silber- oder Quecksilbersalze unter diese Regelung.
Bei meinen Versuchen trug ich gewöhnlich, zum Leidwesen meiner Mutter nicht immer, weiße Kittel, die aus alten Beständen meines Vaters stammten und die schnell durch
Säurespritzer oder Funkenflug Löcher bekamen. Auch meine Hände zeigten des öfteren Spuren, insbesondere durch den Umgang mit Salpeter- oder Pikrinsäure,
welche die Haut über mehrere Wochen hinweg gelb verfärben können. Für zahlreiche Versuche wäre sicherlich eine Schutzbrille angebracht gewesen, doch da ich ohnehin
Brillenträger war, schien diese Maßnahme entbehrlich. Schnell hatte ich verstanden, dass das Hantieren mit verschiedenen Chemikalien außerordentlich gefährlich, ja
lebensgefährlich sein könne, da es etwa keiner großen Kenntnisse bedurfte, so Bedrohliches wie Nitroglyzerin im Reagenzglas zu erzeugen. Ich verzichtete daher
lieber auf solche Versuche mit zu ungewissem Ausgang, denn da ich die Bücher, die ich benutzte, ernst nahm, zweifelte ich nicht, dass die unmissverständlichen Warnungen
darin nicht ohne Grund ausgesprochen waren.
Bedenke ich, was für Versuche ich inhaltlich im Einzelnen anstellte, so verlegte sich der Schwerpunkt nach Anfängen, bei denen alles nur Mögliche, mir unter die Finger
Geratende und mit meinen Mitteln irgend zu Verwirklichende angegangen und ausprobiert wurde, allmählich auf eine Art der chemischen Analyse. Wusste man bei
einer Substanz nicht, aus was sie sich zusammensetzte, gab es die verschiedensten Merkmale und Trennverfahren, den Inhaltsstoffen nach und nach auf die Spur zu
kommen und sie schließlich durch Gegenproben eindeutig nachzuweisen. Hierbei beschränkten sich meine Möglichkeiten darauf, nur festzustellen, welche Bestandteile
überhaupt vorlagen; zu einer Mengenbestimmung hätte es zum Teil anderer Verfahren und erheblich teurerer Apparaturen bedurft.
Wie dies üblicherweise geschieht und durchaus seine Berechtigung hat, war ich ganz von der anorganischen Chemie ausgegangen, in der die Reaktionen vergleichsweise
übersichtlich, ja lehrbuchmäßig ablaufen. Bald eröffnete sich mit den Kohlenwasserstoff-Verbindungen der organischen Chemie aber eine zweite neue Welt,
die von geradezu unendlicher Vielfalt, Verzweigungs- und Ausbaufähigkeit geprägt schien. Durch das, was ich in Büchern nachlas oder später auf der Schule lernte,
erschlossen sich mir jedoch auch hier die wichtigsten Begriffe und Ordnungen, da im Grunde alles auf denselben, in der anorganischen Chemie kennen gelernten Gesetzen
beruhte, sich systematisch vom Einfachen zum Komplexen ausbildete und einer einheitlichen Nomenklatur unterlag. Das Lernen in kleinen Schritten bewährte sich auch hier.
Meine früheren analytischen Bemühungen ließen sich durch dieses neue Feld vorzüglich ergänzen, denn es gab eine beträchtliche Anzahl organischer Verbindungen, die sehr
empfindlich auf das Vorhandensein anorganischer Salze reagierten, dieselben in neue, durch drastische Farbumschläge oder Ausfällungen gekennzeichnete Verbindungen
einbauten und somit als analytische Indikatoren eingesetzt werden konnten. Schließlich faszinierte mich der Nachweis durch organische Reagenzien so sehr, dass ich die
unterschiedlichen Methoden aus Büchern zusammentrug, mit der Schreibmaschine abtippte und in ein Buch über analytische Chemie einmünden lassen wollte. Natürlich
war dies ein Vorhaben, dem ich weder durch umfassende wissenschaftliche Kenntnisse noch durch die Fähigkeit zur Darstellung auch nur ansatzweise gewachsen war. Aber
wenn das Unternehmen, das vor allem im Sammeln, ja Horten von Material bestand, auch ganz in den Anfängen stecken blieb, reizte mich die Vorstellung, an einem Buch zu arbeiten, außerordentlich.
Keinesfalls nebensächlich war, dass viele meiner Versuche ästhetische, zum Teil sogar etwas magische Komponenten durch dramatische Licht-, Flammen- und
Farberscheinungen annahmen, die den Wert des intellektuell Erfassbaren steigerten und so deutlich Höhepunkte meiner Tätigkeit waren, dass ich bei Gelegenheit einige von
ihnen meinen Eltern, meiner Schwester oder meinen Freunden vorführte. Wie unter den Händen eines Zauberers verwandelten sich zwei wasserhelle Flüssigkeiten bei ihrer
Vereinigung zu einer tiefroten; und ließ man diese Tinte in eine dritte klare Lösung tropfen, verschwand jegliche Färbung augenblicklich wieder, und alles sah aus wie zu
Beginn. Flammen, in die man auf einem neutralen Stäbchen bestimmte Salze einbrachte, färbten sich je nach Bestandteilen in bengalisches Karminrot, Gelb, Blau oder Grün.
Rosen- und kirschrote Niederschläge flockten wolkig aus, anderes erzeugte schon in erstaunlich winzigen Mengen purpurne, smaragdgrüne, kornblumen- oder
himmelblaue Lösungen, und mit wenigen Gramm einer solchen Substanz hätte sich mühelos das Wasser eines ganzes Schwimmbeckens färben lassen. Oxidationen
brachten im abgedunkelten Zimmer eine Flüssigkeit für kurze Zeit zum Aufleuchten; goss man sie dabei in ein anderes Gefäß um, ergab sich ein kleiner Strom von Licht,
und Tropfen sprühten wie Funken. Öliger Brei begann sich auf einer feuerfesten Unterlage bald nach seinem Ansatz zu blähen und zu dampfen, entzündete sich plötzlich
unter Zischen und Knistern selbst und verbrannte mit hell violettblauer Flamme zu schwarzer Asche. Nach dem Anfachen kroch Glut durch Eisen- und Schwefelpulver,
und weiße Nebel entstanden, sobald man die benetzten Stöpsel von Ammoniak- und Salzsäureflasche nur nebeneinander legte. Das vorsichtige Schichten verschiedener
Flüssigkeiten rief an der Berührungsstelle einen blauen Ring hervor, und wieder andere Flüssigkeiten erschienen im durchfallenden Licht orange, im auffallenden Licht dagegen
grün, so dass sich, wie ich zufällig bemerkte, mit Hilfe eines Spiegels beide Wirkungen zugleich betrachten ließen. Und da gab es die tieffarbenen konzentrierten Lösungen,
aus denen sich die schönsten Kristalle heranbilden konnten, wie es, ganz unerwartet, einmal über Nacht mit einer blauen Kupfervitriollösung in solch vollkommener Weise
geschah, dass ich das Ergebnis photographierte.
In mein sechzehntes Lebensjahr fällt der Erwerb von Büchern wie Carl R. Nollers Lehrbuch der organischen Chemie oder die Organisch-chemische Experimentierkunst
von Weygand-Hilgetag, Werke von jeweils über tausend Seiten Umfang, die auch an Universitäten eingeführt waren und die ich als solide Grundlage und Nachschlagewerke
jederzeit zur Hand haben wollte. Auch Gattermann-Wielands Praxis des organischen Chemikers, das ich immer von Neuem aus der Bücherei entlieh, leistete mir gute
Dienste. Mehr auf einen jugendlich forschenden Leser und die Verbindung zur Praxis, zum Verständnis alltäglich zu beobachtender Erscheinungen war Römpps Organische
Chemie im Probierglas abgestimmt, das mit Kapitelüberschriften wie Lebensgefährliche Gangsterschnäpse, Der verzuckerte Tannenbaum oder Blitz und Donner aus
Baumwolle die Neugierde des Lernenden weckte, zugleich aber durchaus seriöse Informationen enthielt und zu manch schöner Beobachtung anregte.
Gelegentlich besuchten mich Schulfreunde und beteiligten sich an den Experimenten, darunter besonders Peter Vaith, ein treuer Freund bis zum heutigen Tag, zuweilen auch
Karl-Theodor Eisele oder Gerd Scherer. In der Gymnasialzeit bildeten wir eine Zeitlang eine Art naturwissenschaftlichen Viererblocks in den ersten beiden Bänken
gleich hinter dem Lehrertisch am Fenster. Alle drei Genannten wurden glänzende Wissenschaftler und unterrichten inzwischen als Professoren an den Universitäten in
Freiburg im Breisgau oder Straßburg, sei es in Medizin, Mathematik oder Genetik. Auch Heinrich Schneider besuchte mich des öfteren und nahm regen Anteil an
jeglichem, das mit Chemie, aber auch Musik zu tun hatte. Er studierte als Einziger von uns tatsächlich Chemie, doch starb er schon um sein fünfzigstes Lebensjahr an einer Herzkrankheit.
Zweites Kapitel Chemie (Schluss)
Bei allem Gesagten wäre es mir freilich unangenehm, wenn der Eindruck eines frühreifen oder überbegabten jungen Wissenschaftlers entstünde oder dank der
Ausbreitung meiner einstigen Interessen nun meine Kenntnisse und Fähigkeiten auf diesem Gebiet überschätzt würden. Ich erkannte später sehr wohl meine mich in jungen
Jahren nicht kümmernden, da bei Bedarf behebbaren Beschränkungen und Grenzen, die beispielsweise darin bestanden, nur ziemlich ungenaue Vorstellungen von
Vorgängen im unsichtbaren atomaren Bereich zu besitzen oder auch nur annähernd die mathematischen Voraussetzungen mitzubringen, die zur Berechnung und Erklärung
derselben vonnöten gewesen wären. Wie auch in der Musik fehlten mir damals noch wesentliche abstrahierende Fähigkeiten, das konkret und substantiell Vorliegende als
eine Spielart des Allgemeinen zu sehen und die Übertragbarkeit als Quelle des Schöpferischen zu ergreifen. Die Dinge mussten ihre gegenständliche, ja handwerkliche
Seite besitzen, damit sie mich begeisterten, sie durften sich nicht allein in meinem Kopf abspielen. Vor meinen Augen und Ohren sollte sich alles entfalten, und Sichtbares,
Hörbares, Fühl- und Anfassbares sollte mir begegnen, nicht nur gebrochen und stellvertreten durch Zahlen, Formeln oder Zeichen auf dem Papier. Da jede
Einseitigkeit die Aufmerksamkeit aber zugleich auf Dinge lenkt, die einer ausgewogeneren Betrachtungsweise leichter entgehen, hatte auch diese jugendliche,
unbekümmerte Verschiebung der Gewichte ihr Gutes, und es scheint mir nachgerade eher von Vorteil gewesen zu sein, mich in bestimmten Abschnitten meiner Entwicklung
der Begeisterung und dem Überschwang hingegeben und mehr der ein oder anderen Richtung, die mir gefiel, zugeneigt zu haben. Die Wirklichkeit holte mich immer noch früh genug ein.
Neben der Freude, die Beziehungen der Elemente, aus denen unsere Welt besteht, ganz unmittelbar betrachten und erleben zu können, und die Kräfte, die zu ihrer
Verbindung oder Trennung führen, in unabänderlicher Gesetzlichkeit wirken zu sehen, lag der hauptsächliche Nutzen meines Tuns aber vielleicht darin, dass ich mich
weitestgehend autodidaktisch in ein doch äußerst vielfältiges, ständig sich ins scheinbar Uferlose erweiterndes, modifizierendes, ja erneuerndes Wissensgebiet einarbeitete.
Dieses lenkte und leitete mich wie aus sich selbst heraus und ohne dass ich mir eigentlich mühsam etwas anzueignen hatte; denn die Bemühung um Verstehen enthielt
bereits das Lernen und wurde, weil es kein Selbstzweck war, ungezwungen eins mit diesem. Theorie und Praxis gingen Hand in Hand. Die naturgesetzlichen Grundlagen
der Materie nötigten ja geradezu zu systematischem und folgerichtigem Denken, und da falsche Überlegungen und Schlüsse auf dieser Stufe meiner Entwicklung meistens
ebenso schnell zu Tage traten wie handwerklich unsauberes Arbeiten, war alles aufs Ganze gesehen ein Teil des geistigen Erwachens und Begreifens, das sich aus dem
Erwerb und der Anwendung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Erfahrungen nährte.
Um mit dieser Schilderung meiner kleinen chemischen Laufbahn nun aber doch zu einem Ende zu kommen, sei noch eines besonderen Tages gedacht, der in den
November oder Dezember 1965 fiel und einen Punkt bezeichnet, an dem ich meine Wahl zwischen Musik und Chemie bereits getroffen hatte, vielleicht weil ich kurz zuvor
als Preisträger aus einem überregionalen Klavierwettbewerb hervorgegangen war. Meine Mutter befand sich seit Mitte Oktober im Krankenhaus, und mein Vater hatte
uns Kindern einige Wochen später eröffnet, dass mit ihrer Heilung nicht mehr zu rechnen sei und sie uns bald für immer verlassen werde. Meiner Mutter selbst
verschwieg man ihr nahendes Ende und machte ihr bis zuletzt Hoffnung, wenn auch nicht auf Genesung, so doch auf Besserung ihres Zustandes. Meine Schwester, drei
Jahre älter als ich, hatte ihr Studium der Kunstgeschichte an der Heidelberger Universität für das Wintersemester unterbrochen, um für meinen Vater und mich zu
kochen und die Wohnung zu versorgen. Bisher nicht erlebte Spannungen lagen in der Luft und ließen unsere sich stauenden Sorgen und Ängste mitunter heftig auflodern. Wie
ein gewaltiger Mühlstein, der jeden Augenblick herabstürzen konnte, schwebte das nahende Verhängnis Monate lang über uns, verschattete und lähmte alles, denn keiner
wusste, wie es weitergehen solle. Meine Schulleistungen gerieten zur Nebensache; anderes hatte jetzt Vorrang. Fand ich irgend Trost, so sicherlich mehr in der Musik als
der Chemie. Über Monate hinweg besuchte ich meine Mutter täglich im Städtischen Krankenhaus, was nicht weiter schwierig war, da ich nach Überquerung der
Friedrich-Ebert-Brücke ohnehin auf dem Rückweg von der Schule mit dem Fahrrad dort vorbei kam.
Da geschah es eines Mittags, mein Vater war abwesend, dass ich in der Küche beim Essen saß, während meine Schwester Geschirr abwusch. Wir unterhielten uns in
gereizter Stimmung, worum auch immer es ging, und es kam zu immer heftigeren Wortwechseln, Vorwürfen, Beschuldigungen und schließlich so wüsten und widerlichen
Beschimpfungen, dass ich irgendwann, im Innersten verletzt, voller Erregung aufsprang und meine Schwester schlug. War es zwischen uns als Kindern zwar des öfteren zu
tätlichen Auseinandersetzungen gekommen, so hatten Übergriffe wie der jetzige bisher nie stattgefunden, und kaum geschehen, bereute ich meine Handlungsweise zutiefst. Ich
lief aus dem Haus und fuhr mit dem Fahrrad in die Stadt.
Am Nachmittag war ich durch Vermittlung unseres Chemielehrers mit einer kleinen Gruppe anderer Schüler zu einer praktischen Übung in das riesige, einen Großteil der
Stadt einnehmende Ludwigshafener Chemiewerk der Badischen Anilin- und Sodafabrik, kurz BASF genannt, eingeladen worden, doch wusste ich nicht, was mich
dort erwarten würde. Ich nahm den Weg durch Seitenstraßen der Mannheimer Innenstadt, der mich später hinter dem Schloss zur Rheinbrücke nach Ludwigshafen
bringen sollte. Als ich an der Jesuitenkirche vorbeikam, stieg ich jedoch ab, sicherte mein Fahrrad, betrat die fast menschenleere Kirche, setzte mich irgendwo im
Halbdunkel auf eine der Holzbänke und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich war an einem Tiefpunkt meines Lebens angelangt. So blieb ich sitzen, unbeobachtet und
ungestört, von Schuldgefühlen gepeinigt, von Wehmut erfüllt, und ließ die Zeit verstreichen, bis ich mich gefasst hatte und wieder auf den Weg machte.
In dem genannten Chemiewerk wurden wir nach einigen Begrüßungsworten eines leitenden Angestellten von einem Assistenten betreut, der unsere Gruppe aus dem
Gymnasium mit einer Gruppe von Lehrlingen vereinte, die ihre Ausbildung unmittelbar im Werk erhielt. Man teilte uns mit, dass wir nun gemeinsam in einem richtigen Labor
versuchen wollten, diverse vorbereitete Gemische von Substanzen zu analysieren, wobei die Gymnasiasten im voraus erfahren sollten, um was es sich im Einzelnen
handele, während die fortgeschritteneren Lehrlinge die Aufgabe erhielten, dasselbe selbständig herauszufinden. Da mir solche Prozeduren durchaus vertraut waren und ich
mich unterfordert fühlte, nur etwas mir bereits Bekanntes zu analysieren, bat ich ebenfalls um eine unbekannte Mischung, die man mir schließlich mit skeptischen Blicken auch aushändigte.
Nach den üblichen Trenngängen war mir bald klar, um welche Salze es sich handeln müsse, und ich ging mit meiner Liste zu dem Assistenten, der nicht wenig staunte, mich
als ersten fertig zu sehen. Der Vergleich mit seiner eigenen Liste zeigte jedoch einen Fehler, und er forderte mich auf, der Sache auf den Grund zu gehen. Dies tat ich
unverzüglich, und es erwies sich, dass ich eine elementare Schwefelausfällung mit einem unlöslichen Sulfid von ähnlich gelber Farbe, ich glaube es war Antimonsulfid,
verwechselt hatte. Wieder ging ich zu dem Assistenten, und nun stimmte alles. Da ich einen weiten Rückweg hatte und es früh dunkel wurde, wollte ich mich verabschieden
und nicht warten, bis die anderen mit ihren Arbeiten fertig wären, doch der Assistent brachte mich nach kurzer Rücksprache zu seinem Abteilungsleiter. Dieser ließ mich in
seinem Büro Platz nehmen, lobte meine Kenntnisse und fragte, ob ich denn schon wisse, was ich einmal studieren wolle. Ja, das wusste ich damals schon. Musik wollte
ich studieren, und Pianist wollte ich werden, sagte ich. Als ich abends wieder nach Hause kam, waren die Spannungen sogleich wieder da. Meine Schwester hatte
meinem Vater das Geschehene natürlich auf ihre Weise berichtet. Ein Mädchen schlagen, das macht man doch nicht, zürnte er.
Ich habe diesen Tag, den ich kaum werde vergessen können, bewusst in seinem Zusammenhang erzählt, weil seine Besonderheit wohl auch darin bestand, dass, wenn
man es so nennen möchte, Triumph und Niederlage, Versagen und Erfolg, Freude und Leid so dicht beieinander lagen, wie es nicht häufig in meinem Leben geschah.
Drittes Kapitel Wohnen und Arbeit des Vaters
Der Umzug von Sinsheim nach Mannheim, von der Klein- in die Großstadt, hatte in fast allen unseren Lebensverhältnissen wieder einschneidende Änderungen mit sich
gebracht. Ich war noch keine elf Jahre, als wir eintrafen, noch keine achtzehn, als wir wieder fortzogen. Diese sieben Jahre wohnten wir im nördlichen Teil der Stadt in einem
Eckhaus der Herzogenriedstraße, deren südliche Hälfte damals nur im Bereich ihrer Einmündung in die Waldhofstraße bebaut war. Daran schlossen sich eine größere
Kolonie von Kleingärten und hieran, fast schon auf der Höhe des Landesgefängnisses und bis an die Hochuferstraße grenzend, mehrere Äcker, die bereits zu der Haftanstalt
gehörten und von Häftlingen in sogenannten Außenkommandos bestellt wurden. Südlich dieser Felder lag der Herzogenriedpark und hinter diesem in Richtung des Stadtzentrums die Neckarstadt.
Unsere Wohnung war die mittlere Etage eines geräumigen, dreistöckigen Altbaus, der Teil einer Siedlung mit Dienstwohnungen für die Angestellten des Gefängnisses war.
Die an unserem Haus abzweigende Seitenstraße führte nach etwa hundert Metern zum Haupttor der Haftanstalt, der größten des Landes Baden-Württemberg, einem riesigen
Bau aus dunklem, roten Sandstein, der noch vor Ende des Ersten Weltkriegs fertiggestellt worden war. Hier war mein Vater nun als Anstaltsarzt tätig. Nach der
üblichen Probezeit wurde er Beamter auf Lebenszeit und erhielt, zur Freude seiner Mutter, die auf solcherlei Äußerlichkeiten unverhohlen stolz war, den Titel eines
Regierungsmedizinalrates; später wurde er zum Oberregierungsmedizinalrat, und in Stuttgart schließlich zum Medizinaldirektor befördert, als welcher er auch pensioniert
wurde. Er hatte sich fortan um das gesundheitliche Wohl der Gefangenen zu kümmern, sowohl der Untersuchungsgefangenen wie auch derer, die eine Haftstrafe verbüßten,
und, wie man es von einem Arzt gerechterweise erwarten darf, hatte er jeden Fall ohne Ansehen von Person, Stand und Lebenswandel mit gleicher Fürsorge, Umsicht und Verantwortlichkeit zu behandeln.
Doch die Patienten glichen nicht immer jenen, denen er bislang begegnet war. Die Mehrzahl der vorgebrachten Beschwerden waren sicherlich echt und begründet oder
lebten, was ebenfalls der Klärung durch den Arzt bedarf und den Patienten nachzusehen ist, nur in deren Vorstellung. Andere Leiden wurden gezielt und erfahren
simuliert und dienten einzig als Mittel zum Zweck, etwas Abwechslung in die Eintönigkeit zu bringen und die allgegenwärtige Langeweile zu bekämpfen, sich mit
anderen Inhaftierten günstiger austauschen zu können, einen Fluchtversuch vorzubereiten oder zu sonstigem. Nicht allzu selten kam es auch vor, dass sich
Gefangene auf die unterschiedlichsten Arten selbst Gewalt antaten, sei es um in ihrer Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit ihrer Lage ihrem Leben tatsächlich ein Ende
zu bereiten oder sich nur in einer Weise zu verletzen, dass eine Einlieferung in die anstaltseigene Krankenabteilung, in ernsteren Fällen in das Städtische Krankenhaus
notwendig wurde. Hinzu kamen kleinere Unfälle, wie sie sich im Anstaltsbereich, besonders in den Werkstätten immer einmal zutragen, und hier war zumindest erste
Hilfe vonnöten. Ein Arzt genießt, ähnlich den Seelsorgern, freilich auch in Einrichtungen dieser Art eine Sonderstellung und wird von vielen Inhaftierten nicht zwangsläufig mit
dem Justizapparat, der ihn beschäftigt, gleichgesetzt. Wie das Beichtgeheimnis erlaubt die ärztliche Schweigepflicht ein offeneres, privateres Wort als gegenüber den
Vollzugsbeamten oder Zellengenossen, deren Diskretion nicht in vergleichbarer Weise gewährleistet ist.
Da mein Vater jedoch nicht nur als praktischer Arzt (heute spricht man vom Facharzt für Allgemeinmedizin), sondern auch auf seinem eigentlichen Spezialgebiet der
Psychiatrie und Neurologie tätig sein wollte, hatte er an seine Bewerbung die Bedingung geknüpft, nervenfachärztliche Gutachten für die örtlichen Gerichte oder die
Staatsanwaltschaft in den Räumen der Haftanstalt erstellen zu dürfen. Da es zum einen an solchen Gutachtern mangelte und zum andern die Zusammenlegung der Aufgaben
eines Gutachters und Anstaltsarztes in einer Person dem Staat aufwändige Vorführungen der Häftlinge bei auswärtigen Ärzten ersparte, ging man ohne Zögern auf
seine Bedingung ein und erlaubte ihm offiziell diese getrennt vergütete Nebentätigkeit. Nach der täglichen Visite in seinem Krankenrevier und Bearbeitung der
Krankmeldungen ließ er sich daher den jeweils zu begutachtenden Untersuchungshäftling, dessen polizeiliche Ermittlungsakten und Anklageschrift er
bereits studiert hatte, zur Exploration in sein Arbeitszimmer bringen. Er nahm dann eine Reihe neurologischer Untersuchungen und psychologischer Tests vor und führte oft
über viele Tage hinweg Gespräche mit den Beschuldigten, in denen deren Lebensweg ebenso wie die ihnen zur Last gelegten Taten in intimsten Einzelheiten zur Sprache
kamen. Sorgfältige Berechnungen der vor einer Tat zu sich genommenen alkoholischen Getränke, Rauschgifte oder Medikamente ergänzten die Befunde ebenso wie
verschiedene Untersuchungen des Gehirns, die über dessen anatomische Beschaffenheit und organische Gesundheit Aufschluss geben sollten. Letztere
Untersuchungen ließen sich wegen der hierbei erforderlichen teuren Geräte nur an großen Krankenhäusern durchführen, in denen die Häftlinge in Begleitung von
Wachpersonal eigens vorgeführt werden mussten.
Lagen alle Ergebnisse vor, was manchmal mehrere Wochen dauerte, fasste mein Vater sie zunächst handschriftlich in einer fast nur ihm entzifferbaren Schrift zusammen,
schrieb sein Gutachten dann eigenhändig mit der Schreibmaschine in mehrfacher Ausfertigung ins Reine und schickte es dem Auftraggeber zu. Dabei folgte er immer
derselben Gliederung, die nach einer fast gleichlautenden Einleitung auf die Vorgeschichte und die angestellten Untersuchungen einging, die geführten Gespräche
auswertete und in einem Beurteilung genannten Schlusskapitel zur Frage der strafrechtlichen Verantwortlichkeit Stellung nahm. Hier wurde gewöhnlich auch die
Frage diskutiert, ob eine Rückfälligkeit anzunehmen sei, und im Falle schwerwiegender psychischer Störungen oder Erkrankungen wurden Empfehlungen ausgesprochen, wie
etwa die, den Beschuldigten in eine offene oder geschlossene Heilanstalt einzuweisen und das ein oder andere therapeutische Verfahren anzuwenden. Die Begriffe der
Zurechnungsfähigkeit, verminderten Zurechnungsfähigkeit und Unzurechnungsfähigkeit im Sinne des damals gültigen Paragraphen 51 des Strafgesetzbuches und die
begründete Einstufung in eine seiner Absätze hatten hierbei entscheidende Bedeutung. Sofern man den Angeklagten die Tat oder Taten, derer man sie beschuldigte,
zweifelsfrei nachweisen konnte, oblag es dann dem Richter zu entscheiden, ob überhaupt eine Bestrafung ausgesprochen werden könne, und ob es bei der
Bemessung der Strafmaßes mildernde Umstände gebe oder nicht. Kam es zu einer Verhandlung vor Gericht, erhielt mein Vater eine offizielle Ladung zugestellt und trug
sein bereits schriftlich eingereichtes Gutachten zumeist in freier Rede vor. Anschließend hatten der Richter, die Schöffen, Geschworenen, der Staatsanwalt oder die
Verteidigung Gelegenheit, ihm Fragen zu stellen. Gab es keine Fragen mehr, wurde er vom Gericht entlassen, konnte bei wichtigen Erkenntnissen, die in sein Fach fielen und
sich erst während der weiteren Verhandlung ergaben, aber jederzeit neu vorgeladen werden. Auch wurde, je nach Ergebnis des Gutachtens, häufiger von der
Staatsanwaltschaft oder der Verteidigung ein zweites Gutachten durch andere Sachverständige beantragt, da man in bestimmten Fällen um die unterschiedlichen
Auffassungen und Lehrmeinungen der Experten wusste und sich vorbehielt, diese vor Gericht gegeneinander auszuspielen.
Diese gutachterliche Tätigkeit bot sich meinem Vater in den Mannheimer Jahren in steigendem Umfang und setzte sich bis zu seiner gesundheitlich bedingten vorzeitigen
Pensionierung bald nach seinem einundsechzigsten Lebensjahr in Stuttgart fort. Stets lagerten gewichtige, mit Bindfaden und einem speziellen Knoten verschnürte
Aktenhügel auf seinem Schreibtisch, so dass er in späteren Jahren Mühe hatte, allen Aufträgen nachzukommen. Manchen Fall musste er wegen Überlastung
zurückschicken, und gelegentlich tat er sich schwer, ein steuerlich günstiges Verhältnis zwischen seiner hauptberuflichen Tätigkeit und seinen Nebeneinkünften zu wahren.
Man schätzte seine Arbeit nicht nur wegen ihrer wissenschaftlichen Fundierung und der Sorgfalt, mit der den einzelnen Fragen nachgegangen wurde, sondern offensichtlich
auch auf Grund ihrer schriftlichen und mündlichen Form, welche die oftmals komplexen Zusammenhänge selbst dem Laien verständlich machten. Nach seinem Ausscheiden
aus dem Justizvollzug hatte mein Vater ein ganzes kleines Zimmer voller Regale, in denen er seine alphabetisch nach Personennamen geordneten Gutachten aufbewahrte -
sicherlich weit über hundert breite Ordner, vielleicht gar das Doppelte.
Mein Vater erzählte gewöhnlich gern, detailreich und anschaulich von den Fällen, an denen er gerade arbeitete, wie auch von dem, was sich unlängst hinter den hohen
Mauern und Gittern ereignet hatte. Dabei wussten wir, die ihm zuhörten, dass es sich um vertrauliche Mitteilungen handelte, und hüteten uns sehr wohl, dieses Vertrauen je
zu enttäuschen. Auf diese Weise erhielten wir sehr genaue Einblicke in die Umstände von Straftaten und die Handlungsweisen der Beschuldigten, die letztlich zu ihrer
Anklage und ihrem staatlich verfügten Gewahrsam geführt hatten. Wenigstens eine der meist kurzen und mir noch erinnerlichen Erzählungen sei hier eingerückt:
Drei junge Männer fuhren auf der hinteren Plattform einer Straßenbahn, und zwei von ihnen hatten sich abgesprochen, dem Dritten, der geistig etwas zurückgeblieben und
unschwer zu hintergehen war, einen Streich zu spielen. Zu diesem Zweck verkündete der eine des Pärchens, er werde jetzt gleich die Notbremse ziehen, um auch ohne
Haltestelle einmal dort auszusteigen, wo es ihm am bequemsten sei und er nicht wie sonst ein Stück weit zurücklaufen müsse. Dabei fasste er den roten Handgriff der
Notbremse, tat aber nur so, als ob er daran zöge. Die Notbremse ließ sich trotz seiner Bemühungen scheinbar nicht bewegen. „Ei, da muss was kaputt sein! Versuchs du
mal!“ sagte er scheinheilig zu seinem Komplicen. Doch auch dieser tat verabredungs- gemäß nur so, als ob er sich bemühe, die Bremse zu ziehen, ließ Hand
und Arm zittern, die Knöchel der Faust hervortreten und verzog das Gesicht vor Anstrengung. Doch auch er schien keinen Erfolg zu haben. Nach kurzem gab er auf
und sagte etwas ärgerlich zu dem Dritten, dem Opfer der Übung, dass die Bremse festgerostet sein müsse. Sie lasse sich keinen Millimeter bewegen. Er könne es ja selbst
versuchen, vielleicht habe er mehr Glück.
Solchermaßen herausgefordert erwartete der Dritte schwere Arbeit, holte tief Luft und riss mit aller Gewalt an dem Griff. Es gab einen Ruck durch die Straßenbahn, man
stolperte und stieß gegeneinander, Einkaufs- und Schultaschen fielen um, und im Nu kam die Bahn zum Stehen. Die Leute lärmten und sahen aus den Fenstern, was das
plötzliche Bremsen zu bedeuten habe und ob vielleicht ein Unfall geschehen sei. Autos hupten, und der Schaffner kämpfte sich durch den Wagen, um unter Umständen Hilfe
zu leisten. Auf seine Frage, wer die Notbremse gezogen habe, zeigten alle auf den Schuldigen, der völlig überrascht merkte, dass er plötzlich im Mittelpunkt stand und
dem gar nicht bewusst wurde, dass er aufs Glatteis geführt worden war. In seiner Arglosigkeit erzählte er die Vorgeschichte. Da seine Freunde sich in dem allgemeinen
Trubel aber schnell unsichtbar gemacht hatten, schenkte man seinen Worten wenig Glauben. Man schimpfte, sprach von grobem Unfug, Anzeige, Geldstrafe, dem
Fahrplan und anderem mehr und holte schließlich einen Polizisten herbei, um die Personalien des Schuldigen aufnehmen und ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen.
So kam der junge Mann, der sich nicht ausweisen konnte, nach mehreren Stationen ins Untersuchungsgefängnis, und mein Vater erhielt nach Übersendung der Akten alsbald
den Auftrag, ihn auf seine strafrechtliche Verantwortlichkeit hin zu begutachten. Zu welchem Ergebnis er kam, kann ich freilich nicht sagen.
Neben solchen Begebenheiten erfuhren wir aus erster Hand manche Einzelheiten aus dem Alltag des Gefängnisses, wie sie selten nach außen dringen. Was sich hier an
unglaublichen, zum Teil entsetzlichen und haarsträubenden Schicksalen vielhundertfach zusammenballte, lässt sich kaum beschreiben, und ich kann auch heute noch nicht
sagen, ob der Umgang mit diesen Menschen meinem Vater wirklich Freude oder wenigstens so etwas wie Genugtuung bereitete. Vielleicht wurde sein Selbstgefühl
durch das Bewusstsein gestärkt, es hier bisweilen mit den schwierigsten Menschen der Gesellschaft zu tun zu haben und sich angesichts der hartgesottensten, kaltblütigsten und
rücksichtslosesten Charaktere behaupten zu können. Dass er beschimpft oder verhöhnt, belogen und betrogen wurde, war vielleicht nicht sein Alltag, gehörte aber
gewiss ebenso zu seinem Beruf wie die Gefahr, körperlich angegriffen zu werden. Letzteres kam glücklicherweise nie vor, auch wenn sich, seinem Bericht zufolge, die
Situation einige Male zuspitzte und bedrohlich wurde. Besonders aggressive Häftlinge kamen jedoch immer in Begleitung mehrerer Aufsichtsbeamten, und die Gefangenen
wurden unter Umständen auch in Handschellen vorgeführt, ja selbst zwangsweise ärztlich versorgt, wenn dies aus medizinischer Sicht unumgänglich erschien und jede
Säumigkeit eine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung hätte nach sich ziehen können.
Wie diese Arbeitsverhältnisse indes in der Praxis aussehen konnten und mit welcher Einstellung, in welchem Geist man Probleme anging, mag ein Fall zeigen, den mir mein
Vater einst schilderte. Sein Untersuchungszimmer im Krankenrevier der Anstalt besaß eine unbenutzte und natürlich immer abgeschlossene Tür, die auf einen Korridor führte,
durch den vorübergehend, anlässlich von Bauarbeiten, immer wieder Gefangene geführt werden mussten; wohin und zu welchem Zweck spielt hier keine Rolle. Jedenfalls
hatten es sich einige Häftlinge angewöhnt, im Vorbeigehen mit der Faust gegen diese Tür zu schlagen, um meinen Vater oder wen auch immer dahinter zu ärgern. Vermutlich
war mein Vater dann des öfteren in den Flur hinaus gekommen und hatte nach der Ursache geforscht und sich die Unterlassung der Störung erbeten, hatte aber nie einen
Schuldigen ausfindig machen können. Es war nichts zu machen, der Zustand dauerte an. So sah mein Vater schließlich keinen anderen Ausweg, als den Direktor der Anstalt
auf den Missstand aufmerksam zu machen und ihn zu ersuchen, diese ständig sich wiederholende Schikane mit geeigneten Mitteln abzustellen. Der Direktor nahm die
Beschwerde entgegen, und seine einzige Bemerkung war: „Herr Dr. Henck, der Mensch ist ein Gewohnheitstier …!“ Damit verabschiedete er meinen Vater, und die Sache war für ihn vom Tisch.
Mein Vater hatte jedoch auch seine eigenen Strategien entwickelt, den besonderen Anforderungen seines Berufes nachzukommen, und es belustigte uns sehr, als er einmal
ein ebenso harmloses wie wirksames Geheimnis seiner Kunst verriet, das mitzuteilen ich mich nicht scheue, denn es schadet niemandem und wird den Glauben an die
Segnungen der medizinischen Wissenschaft kaum untergraben können. Jedenfalls verabreichte er seinen Patienten in bestimmten Fällen ein Scheinmedikament, das unter
dem Namen Placebo bekannt ist, mit etwas bedenklicher Miene und der Belehrung, hier handele es sich um ein vergleichsweise starkes Präparat, und man solle es zunächst
nur mit einer halben Tablette versuchen. Bleibe die Wirkung dann unbefriedigend, könne man die Dosis aber noch auf eine ganze Tablette steigern. Erlaubt ist, was hilft,
hieß es schon immer bei den Ärzten.
Einige Male durfte ich meinen Vater in seine Arbeitsräume innerhalb der Anstalt begleiten, sowohl in Mannheim als auch später in Stuttgart, wo ich dann mehrfach
Gefangene besuchte und mich auch länger mit diesen unterhielt. In Mannheim war ich vermutlich nur neugierig gewesen, ein Gefängnis einmal von innen zu sehen, und da
mein Vater die Verantwortung übernahm, scheint dieser Wunsch keine weiteren Probleme verursacht zu haben. An der Pforte der Anstalt gab es einen kleinen Raum, in
dem sich das diensthabende Wachpersonal aufhielt. Schellte jemand draußen am Tor, öffnete sich ein kleines vergittertes Fenster, und ein Beamter fragte, worum es ginge. In
der Wachstube dominierten Telefon- und später Videoüberwachungsanlagen. In einer Wand eingelassen befand sich eine große Zahl von Schließfächern, Postfächern nicht
unähnlich, in denen jeder hier Bedienstete den ihm anvertrauten Schlüsselbund beim Verlassen der Anstalt verwahren musste. Nach draußen durfte allein der Schlüssel für
dieses Schließfach mitgenommen werden, denn der Verlust eines Schlüsselbunds aus dem inneren Anstaltsbereich hätte unverzüglich umfangreiche und sehr kostspielige
Maßnahmen ausgelöst; sämtliche betroffenen Schlösser hätten ausgetauscht werden müssen. Der Bund meines Vaters umfasste wohl mehr als ein Dutzend Einzelschlüssel.
Sie wurden durch eine Eisenkette zusammengehalten und wogen gut und gern über ein Kilo, waren groß und stabil und hatten mir völlig unbekannte, ausgefallene Bartformen.
Gewiss waren sie unter dem Gesichtspunkt entworfen worden, jede Nachahmung irgend zu erschweren oder zu verhindern. Man wusste, dass es unter den Gefangenen
manchmal überragende Spezialisten auf diesem Gebiet gab, und so war höchste Vorsicht geboten.
Mit diesem Schlüsselbund versehen schloss uns mein Vater nun von Tür zu Tür hindurch bis zu seinem Arbeitszimmer, das allerdings mit seinem Schreibtisch, einem
Arzneischrank, einer Liege und dem üblichen medizinischen Inventar im Grunde nichts Besonderes enthielt. Einzig die vergitterten Fenster unterschieden sich von anderen
Sprechzimmern. Der Weg zu ihm war der interessantere Teil. Zumeist waren es schwere Gittertüren, durch die wir hindurch mussten, Türen, durch die man stets
hindurch blicken konnte und bei denen man somit vor Überraschungen auf der anderen Seite sicher war. Den passenden Schlüssel heraussuchen, aufschließen, hindurchgehen,
zuschließen; dieser Vorgang wiederholte sich am Ende eines jeden Flurs, an jeder Treppe, an jedem Raum, den man betreten wollte. Rings um alle Schlüssellöcher war
der weiße Lack von den herabhängenden Schlüsseln abgeschlagen, und das blanke Eisen sah darunter hervor. Alles blitzte vor Sauberkeit, und die Böden schienen eben
erst frisch gebohnert worden zu sein. Unsere Schritte hallten weit vernehmlich in den kahlen Gängen, und mehr noch dröhnte das Schließen der Schlösser und laute
Zuschlagen der Türen. Gab es Fenster, waren sie klein und ebenfalls mit kräftigen Gittern versehen. Gelegentlich begegneten wir Gefangenen, die alle blaue Arbeits-
anzüge mit roten Erkennungsstreifen an der Hose trugen. Sie fegten, wischten oder wienerten, auch wenn nirgends Schmutz zu sehen war.
Von einem runden Mittelbau, der Zentrale, zweigten vier mehrstöckige Zellenflügel ab, die der Anstalt auf Stadtplänen das Aussehen einer kleinen Windmühle verliehen. Auch
diese Architektur, gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Jeremy Bentham als „Panopticon“ konzipiert, diente natürlich der Sicherheit und leichteren Bewachung,
denn auf jeder Etagenebene konnte man so von einer in der Mitte gelegenen und mit Glas eingefassten Wachstube in diese vier Flügel blicken, von einem bis zum anderen
Ende. Links und rechts der Gänge lagen die eigentlichen Zellen. Zwischen den Stockwerken waren Netze gespannt, damit niemand, mit oder ohne Absicht, in die
Tiefe stürze. Alles war so gebaut, dass es mit einem Blick zu erfassen war und keinerlei Möglichkeit bestand, sich hinter einer Ecke, einem Vorsprung, einer Biegung oder
dergleichen zu verbergen. Die Wachstuben waren rund um die Uhr besetzt, und auch hier gab es zahlreiche technische Einrichtungen, die der Sicherheit und schnellen
Kommunikation dienen sollten. Das Tragen von Schusswaffen war dem Personal meiner Erinnerung nach untersagt, denn man befürchtete wohl zu Recht, dass bei einem
Diebstahl oder im Falle einer gewaltsamen Entwendung sofort die Gefahr einer Geiselnahme mit all ihren fatalen Folgen gegeben war.
Viertes Kapitel Wohnen
Wir wohnten im ersten Obergeschoss einer großen Dienstwohnung, deren geräumiger Flur und Eingangsbereich den Zugang zu vier Zimmern, der Küche und dem
Badezimmer ermöglichte. Die hier präsentierten Schwälmer Bauernmöbel kamen schon früher zur Sprache. Die Zimmer waren an die vier Meter hoch und mussten mit
Kohleöfen erwärmt werden. Eierkohlen, Koks und Briketts lagerten im Keller und waren eimerweise über die langen Treppen nach oben zu schaffen. Fünfzig Stufen
waren es allemal. Ein eigenes Zimmer hatte nur noch meine Schwester, da das repräsentative Wohnzimmer den Arbeiten meines Vaters vorbehalten war und das
angrenzende Balkonzimmer, in dem ich fortan schlief, arbeitete und Klavier spielte, wegen seiner Größe zumindest sonntags auch als Esszimmer und gemeinsam genutzter
Aufenthaltsraum diente. Im Parterre wohnten die Familien zweier Aufsichtsbeamten, im Dachgeschoss ein höherer Angestellter und der evangelische Anstaltspfarrer, der gerne
Marschmusik hörte und dazu im Takt in seinem Zimmer auf und ab ging. Kinder gab es außer uns zunächst keine.
Unmittelbar hinter dem Gefängnis schloss sich nach Norden das Gelände des Städtischen Gaswerks Luzenberg an. Man erblickte hier riesige Fabrikanlagen und
haushohe Kohlehalden, die zu Koks und Heizgas verarbeitet wurden. Unzählige verwinkelte Rohre verbanden alles. In regelmäßigen Abständen stiegen gewaltige
weiße Dampfwolken aus einer Esse in den Himmel, verflüchtigten sich schneller oder langsamer, rochen aber oft bedenklich und ließen es, je nach Windrichtung, geraten
erscheinen, die Fenster zu schließen oder geschlossen zu halten. Etwas abgelegen von der eigentlichen Fabrik stand ein grauer Gasspeicherturm, der alles überragte und
selbst von vielen anderen Stadtteilen aus sichtbar war. Er war nicht so romantisch wie die Kraichgauer Burg Steinsberg, hatte aber auf seine Weise auch etwas von einem
Kompass. Erblickte man ihn von ferne über den Dächern, wusste man ungefähr, wo man wohnte. Ob seiner unheimlichen Größe und seines gigantischen
Fassungsvermögens waren wir Kinder besorgt um unser Heil und fragten, was geschähe, wenn er vielleicht einmal Feuer finge und in die Luft flöge. Oder wenn es
wieder einmal Krieg gäbe und eine Bombe darauf fiele. Er hätte uns ja alle ins Verderben reißen können. Mein Vater aber meinte, dass es im Falle einer Entzündung
wohl nur eine gewaltige Stichflamme geben werde, jedenfalls keine Explosion, und dass man, wo unser Haus stand, dann kaum davon betroffen sein werde. Wir glaubten ihm wohl oder übel.
Über die gesamte Gegend breitete sich Kohlestaub aus, der besonders an den weißen Fensterrahmen sichtbar war und dort einen ölig-schmierigen Film bildete. Man wusste
meist am Geruch der Luft, aus welcher Richtung der Wind wehte, denn man wohnte in einer Stadt der chemischen Großindustrie, deren Umweltauflagen in den fünfziger und
sechziger Jahren sicher noch andere waren als heute. Wir wussten bald auch, welche Gerüche welchen Fabriken zuzuordnen waren, etwa wenn aus den Waldhofer
Zellstoffwerken ein Geruch herüberkam, der an geräucherten Schinken erinnerte. Anderes roch eher schweflig nach faulen Eiern und wieder anderes nach starken
Reinigungsmitteln. Ich würde die Gerüche noch heute, Jahrzehnte später, wiedererkennen. Doch auch hier war der Mensch ein Gewohnheitstier, und niemand,
außer vielleicht die Hausfrauen, die beim Fensterputzen einiges mehr zu leisten hatten als anderswo, regte sich groß darüber auf. Man hatte sich eingerichtet mit dem
Mannemer Dreck, man lebte ja nicht in Davos.
Es gab einen Garten, der zum Haus gehörte. Seine Ausmaße und Anlage hatten wenig gemein mit unseren üppigen Sinsheimer Verhältnissen, und entsprechend den vielen
Familien, die hier beisammen wohnten, war er durch Wege in Parzellen gegliedert. Für jeden blieben nur kleine Beete und ein Stückchen Rasen mit zwei oder drei
Obstbäumen übrig. Zudem verkleinerte eine Baugrube, stets nur das Loch genannt, die vorhandene Gartenfläche merklich. Einst war hier die Erde für einen Neubau
ausgeschachtet worden. Durch irgendwelche Umstände war man von dem Vorhaben wieder abgekommen, hatte die Grube aber nicht wieder zugeschüttet. Es blieb, wie es
war, und allmählich wucherten Gras, Büsche und Gesträuch in der Grube; für den Gartenbau wurde sie nicht genutzt.
Mein Klavierspiel erfuhr empfindliche Einschränkungen. Es gab eine Hausordnung, die zwischen ein und drei Uhr eine Mittagsruhe vorschrieb. Und auch wenn mein Vater von
seinem Dienst, meist zwischen fünf und sechs Uhr abends zurückkehrte und dann noch an seinem Schreibtisch hinter der Wand mit dem Klavier saß, konnte ich nicht
musizieren, da ihn dies bei der Ausfertigung seiner Gutachten störte. Gleichwohl ergriff ich in zunehmendem Maße jede sich bietende Gelegenheit, hatte aber, wie nicht anders
zu erwarten, auch Zeiten, wo mich andere Interessen mehr fesselten.
Fünftes Kapitel Doris Rothmund
Nachdem wir uns in die neuen Verhältnisse eingelebt hatten und auch der Übergang ins Gymnasium glücklich vollzogen war, meldete mich meine Mutter im Herbst 1959 im
Städtischen Konservatorium an, damit hier mein Klavierunterricht eine Fortsetzung finde. Ich hatte Richard Laugs, dem damaligen Direktor, etwas vorzuspielen, und er
wies mich Doris Rothmund als Lehrerin zu. Diese für mein weiteres Leben und insbesondere meine Berufswahl durchaus folgenreiche Entscheidung war mir zunächst
nicht recht, denn ich hatte mir zur Abwechslung einen männlichen Lehrer gewünscht. Nach meinen ersten Unterrichtsstunden änderte ich meine Meinung jedoch schnell.
Doris Rothmund war damals Anfang dreißig und besaß gegenüber allen anderen Lehrern oder gar Menschen, die ich bis dahin kennen gelernt hatte, den Vorzug eines
geradezu südländischen, feurigen Temperaments, das mir zunächst etwas exaltiert, wenn nicht exzentrisch erschien und an das ich mich erst zu gewöhnen hatte. Was sie
aber besonders auszeichnete und was von mir recht schnell erkannt und bewundert wurde, war der Umstand, dass sie durch und durch Pianistin und Künstlerin war, völlig
in der Musik aufging und überhaupt keine anderen Interessen zu haben schien. Unterrichtete sie nicht gerade, so übte sie Klavier, ununterbrochen, manisch. Manchmal
sah sie gleichzeitig fern, las ein Buch oder verzehrte sogar ihr Abendbrot während des Übens, wie sie mir erzählte. Um zu jeder Tages- und Nachtzeit arbeiten zu können,
hatte sie in ihren schönen Steinway-Flügel eine mit dem dritten Pedal bedienbare Dämpfungsvorrichtung einbauen lassen. Darüber hinaus besaß sie eine sogenannte
stumme Klaviatur, die sie mit auf Reisen nahm, um ihre Finger und ihr Gedächtnis auch unterwegs, auf Bahnfahrten, im Hotel oder der Konzertgarderobe ohne Störung anderer trainieren zu können.
Rothmund war mittelgroß und sehr schlank, trug gerne etwas auffällige, bunte, doch zugleich modische, damenhafte Kleider und Schuhe mit hohen Absätzen (die für den
Pedalgebrauch eher hinderlich waren), hatte rabenschwarzes Haar und schminkte sich, als müsse sie ihren Namen hierdurch noch unterstreichen, die Lippen so stark, dass an
den Mundstücken ihrer Zigaretten, die sie in großer Zahl rauchte, stets Lippenstift zu sehen war. Sie liebte besonders virtuose, ja hochvirtuose Musik, bei der man sich nicht
zurückzunehmen und sein Licht unter den Scheffel zu stellen brauchte, und sie besaß sowohl die Technik wie den Mut, sie mit Bravour anzugehen. Trug sie ein solches
Werk vor, gingen eine wunderbare Kraft, Leidenschaftlichkeit und Hingabe von ihr aus. Sie war eine Besessene, die um die Richtigkeit des von ihr eingeschlagenen Weges
wusste und sich von nichts und niemandem hätte beirren lassen. Da sie fast nie in Mannheim eingeladen wurde, habe ich sie leider nie im Konzert, sondern immer nur im
Unterricht etwas spielen hören. Sie wurde gleichwohl des öfteren ins Ausland, vor allem nach Spanien eingeladen, was nicht ohne Einfluss auf ihre äußere Erscheinung
geblieben sein mag. Ein Prospekt, den sie anscheinend auf eigene Kosten drucken ließ und der sich unter meinen Papieren erhalten hat, zeigt ihr Photo und zitiert aus
Zeitungskritiken verschiedener spanischer Städte, in denen sie konzertiert hatte.
Hin und wieder fuhr sie nach Heidelberg, um dort in einem Landesstudio des Südwestfunks Produktionen zu machen, so dass gelegentlich ihre Aufnahmen im Radio
erklangen. Auch zum Saarländischen Rundfunk, an dem Gieseking viele Aufnahmen in seinen Saarbrückener Unterrichtsjahren gemacht hatte, unterhielt sie Beziehungen.
Liszts Mephistowalzer oder seine Konzertetüden wie Waldesrauschen und Gnomenreigen waren ihr ebenso geläufig wie viele Etüden Chopins; andere Stücke, an
die ich mich erinnere, waren Beethovens Sonate op. 90, César Francks Präludium, Choral und Fuge oder Werke von Karol Szymanowski. Von Selim Palmgren und
Heimo Erbse spielte sie ebenfalls etwas, da man ihr wohl antrug, hierzulande Unbekannteres oder Zeitgenössisches aufzunehmen.
Wie es bei einer Schülerin Giesekings nahe liegt, verehrte Rothmund besonders Debussy und Ravel, und einmal verteilte sie alle zwölf Préludes des ersten Heftes auf
die Schüler ihrer Klasse. Wir spielten den Zyklus in einem Hauskonzert in ihrer Wohnung, und ich besitze noch eine kalligraphisch geschriebene und kolorierte
Faltkarte, in die das mit Maschine geschriebene Programm eingeklebt ist. Als Zeitpunkt ist nur 1962 angegeben; vielleicht führten wir den Zyklus später auch einmal öffentlich
auf. Mir selbst fiel La danse de Puck zu, ein Stück, das mir hinsichtlich seiner ungewohnten Harmonik, Rhythmik, Notation, Griffe und Fingersätze zunächst einiges
Umdenken abverlangte, das mir in seiner Neuartigkeit, Launenhaftigkeit und den vielen kleinen musikalischen Überraschungen, die es bot, aber schließlich so gut gefiel, dass
ich es auswendig lernte. Allein all diese schönen Préludes mit ihren poetischen Titeln, die immer erst am Schluss der Noten anstatt am Anfang standen, einmal als Einheit zu
hören und mit ihrer ganz eigenen Sprache und Klangwelt zugleich auch pianistisch vertraut zu werden, war eine wichtige Erfahrung und Gewinn, gleichgültig, wie unfertig vieles noch gewesen sein mochte.
Fräulein Rothmund, wie ich sie nach damaligem Verständnis immer korrekt anredete, lebte zusammen mit ihrem Vater, einem ehemaligen Lehrer, im obersten Stockwerk
eines großen Mietshauses in K 4, 20. (Die Quadratestadt Mannheim hat nur ausnahmsweise Straßennamen wie die Planken, die Breite Straße oder die Fressgasse;
die wie auf einem Schachbrett angeordneten Häuserblocks sind seit vielen Generationen nur mit Buchstaben und Ziffern bezeichnet, zu denen dann nur noch die
Hausnummern zur Vervollständigung der Adresse treten.) Rothmund verzichtete bewusst auf eine Familie und gestand mir einmal, dass es ihr schlicht unmöglich sei, sich
vorzustellen, abends einem müde von der Arbeit heimkehrenden Ehemann die Bratkartoffeln aufzuwärmen. Dies waren etwa ihre Worte. Gleichwohl war nicht zu
übersehen, dass der ein oder andere Mann ein Auge auf sie warf und sie gerne zur Frau genommen hätte, denn sie war attraktiv und lebendig, hatte eine starke,
selbstsichere Ausstrahlung, flirtete nicht ungern und machte des öfteren kleine Anspielungen, die das Liebesleben ihrer zum Teil schon erwachsenen Schüler betrafen.
Selbst ein älterer, graumelierter Herr war darunter, der seinen Unterricht, auch ohne geübt zu haben, sichtlich genoss, und es wurde, soweit ich dies miterleben und
beurteilen konnte, oft mehr gescherzt und geschwatzt als Klavier gespielt. Gleichviel taten sich ihre Verehrer manchmal schwer, den richtigen Ton zu treffen, und griffen
mitunter zu eigenartigen Methoden, sie zu beeindrucken. So erzählte sie mir, dass sie einmal nachmittags zum Tee oder Kaffee bei einem Herrn eingeladen war, der, um
seine auch in ihm waltende Liebe zur Musik unter Beweis zu stellen, eine Schallplatte von Smetanas Moldau aufgelegt und ihr dann das gesamte Stück zu den Klängen aus dem Lautsprecher vordirigiert habe.
Die oft bewiesene Souveränität Rothmunds hatte allerdings ihre Grenzen, wie ich einmal erfahren musste, als ich unmittelbar vor dem Klavierunterricht einen
Goldhamster gekauft und diesen in einem Pappkarton mit etwas Futter in meiner Aktentasche verwahrt hatte. Unklugerweise, wenn auch arglos, erwähnte ich diesen
Umstand, denn Doris Rothmund sprang wie von der Tarantel gestochen von ihrem Stuhl auf, und es hätte wenig gefehlt, dass sie auf den Flügel oder den Stuhl geklettert
wäre, um Schutz vor dem Untier zu finden. Aber Herbert …! Wie kannst du nur …! Sie war völlig fassungslos und empört, wie ich ihr dies habe antun können, so etwas in
die Klavierstunde mitzubringen, als habe es sich um einen zähnefletschenden Höllenhund und nicht ein harmloses eingesperrtes Tierchen gehandelt, das kaum größer
als eine Maus war. Vielleicht war es aber gerade diese Ähnlichkeit mit einer Maus, die sie so schockierte. Den Rest der Stunde wagte sie sich jedenfalls nicht mehr in die
Nähe meiner Tasche, sondern stellte sich so, dass ich mich stets zwischen ihr und der Tasche befand und sie letztere gut im Blick behielt, falls da etwas rascheln oder sich bewegen sollte.
Ich lernte in der Zeit bis zu unserem Umzug nach Stuttgart im Sommer 1966 eine große Zahl neuer Stücke und machte, da mir die Musik zunehmend Freude bereitete,
innerhalb der sechseinhalb Jahren Unterricht schnelle Fortschritte. Es begann mit Schuberts Scherzo in B-Dur und endete mit Rachmaninows zweitem Klavierkonzert.
Dazwischen lagen kleinere Werke von Bach, Sonaten von Mozart und Beethoven, Moment Musicaux und Impromptus von Schubert, Etüden von Chopin und Liszt,
Schumanns G-Moll-Sonate, die ich mehrfach aufführte, einzelne Stücke von Ravel und Debussy. Besonders Liszts Klavierkonzerte und sein dramatischer Totentanz gefielen
mir, zumal sie mir ziemlich gut in der Hand lagen, wie man das unter Pianisten nennt. Auch andere Klavierkonzerte wurden einstudiert, so das von Mozart in Es-Dur
KV 271 oder Mendelssohns G-Moll-Konzert. Nicht alles wurde ganz fertig und wie für einen Konzertauftritt einstudiert, denn einiges überforderte meine Möglichkeiten
doch noch zu sehr, und an mehreren Stücken verlor ich nach längerem Üben das Gefallen, so dass wir lieber zu Frischem wechselten. Andererseits versuchte ich mich
an mancherlei, was mir an Noten in die Hände fiel, wozu allerdings noch nichts aus der Moderne zählte. Musik der französischen Impressionisten und einige Rumänische
Volkstänze von Béla Bartók waren das jüngste, das mir in den Mannheimer Jahren begegnete, auch wenn ich beides mit Freude spielte. An rein technischen Studien
wurden besonders die Übungen von Hanon empfohlen und gepflegt, wenn auch nicht als völlig unerlässlich erachtet. Höhepunkt konzertanter Aufführungen waren
Beethovens Rondo für Klavier und Orchester, das ich einmal mit dem Orchester der Hochschule im Kleinen Saal des Rosengarten aufführen konnte, und Haydns
Doppelkonzert in F-Dur für Violine, Klavier und Streichorchester. Letzteres spielte ich 1962 zusammen mit dem etwas älteren Geiger Björn Kommer aus der Klasse von Claire Imhof.
Sechstes Kapitel Doris Rothmund (Forts.)
Nach etwa einem halben Jahr Unterricht baute Rothmund Debussys kleinen Ragtime Le petit nègre in eines der Programme ihrer Klavierklasse ein, wie sie damals immer
wieder einmal im Vortragssaal der Mannheimer Kunsthalle stattfanden. Dieser kleine, aber gepflegte Konzertsaal, gegenüber von meinem Gymnasium und nahe dem
Wasserturm gelegen, war für die Zahl der zu erwartenden Zuhörer ideal. Auch Richard Laugs hörte ich in diesem Saal, zu abendlicher Stunde begleitet von meiner Mutter, mit
späten Beethoven-Werken, darunter die Bagatellen und die Diabelli-Variationen; letztere langweilten mich entsetzlich, und ich hatte, zum Leidwesen meiner Mutter, die größte Mühe, still zu sitzen.
Die höchste Stufe des damals in Mannheim Erreichbaren war allerdings ein Konzert im Rosengarten am Wasserturm, in dessen beiden Sälen ich gelegentlich gastierende
Pianisten hören konnte. In besonders guter Erinnerung ist mir Stefan Askenase mit einem Chopin-Abend geblieben, doch auch Konzerte von Wilhelm Kempff, Robert
Casadeus oder Hans Richter-Haaser besuchte ich. Von einigen holte ich mir, der Sammelleidenschaft eines bestimmten Alters nachgebend, Autogramme nach dem
Konzert. Später hörte ich, ebenfalls im Großen Saal, auch manches Symphoniekonzert, wobei mir die Aufführungen mit Horst Stein und Bernard Haitink am besten gefielen.
Für meine spätere Laufbahn erwies sich der Besuch eines Klavierabends von Arno Erfurth von Bedeutung, der in die Zeit fiel, als unser Umzug bereits feststand und ich die
Gelegenheit ergriff, einen an der Stuttgarter Hochschule lehrenden Pianisten im Konzert hören zu können. Erfurth spielte unter anderem Beethovens letzte Sonate, und wenn ich
auch nicht hingerissen von seinem Klavierspiel war, so kam er doch als erfahrener Pädagoge für den Übergang in Betracht, wobei man sich auf ein solides,
traditionsbewusstes Handwerk verlassen konnte und hoffen durfte, dass er das bisher Erreichte zumindest nicht verderben werde. Fand man Besseres, konnte man immer noch wechseln.
Bald nachdem ich Debussys Le petit nègre gelernt hatte, nahm ich, vermutlich noch 1960, an einem ersten kleinen Wettbewerb teil. Er wurde von einem der größten
Mannheimer Kaufhäuser am Paradeplatz veranstaltet und fand nachmittags zur Unterhaltung der Gäste im Restaurant des Hauses vor kuchenverzehrendem und
kaffeetrinkendem, angeregt plauderndem und pausenlos mit Geschirr klapperndem Publikum statt. Die Bedienung nahm Bestellungen auf, servierte und kassierte. Ich war
nicht unzufrieden mit mir, war aber doch sehr überrascht und enttäuscht, als ich nur den achten Preis errang. Der erste Preis fiel nämlich einem kleinen Jungen zu, der auf einer
Trompete herumgequietscht und nach wenigen Minuten mit den Worten, er habe jetzt keine Lust mehr, das Podium unter dem Gelächter der Zuhörer verlassen hatte. Mit so
viel Albernheit hatte ich nicht gerechnet. So also ging es zu bei Wettbewerben. Jeder Teilnehmer erhielt ein billiges Abenteuerbuch mit handgeschriebener Widmung, dem
Dank und den Empfehlungen des Kaufhauses. Ich bewahrte es einige Jahre auf, warf es aber schließlich weg, da es immer wieder meinen Ärger wachrief, wenn ich es sah.
Meine Begeisterung für die Musik wurde durch dieses Ereignis freilich nicht gedämpft, sondern vermehrte sich stetig, und so hatte ich alsbald auch zu komponieren begonnen.
Die frühesten Stücke, die sich erhalten haben, entstanden im Frühling und Sommer 1961. Im Juli des Jahres schrieb ich eine viersätzige Sonate in F-Moll, die ich natürlich
Doris Rothmund zueignete und deren Manuskript ich ihr zu Weihnachten in den Briefkasten schob. Ich stellte aber für mich eine Abschrift her, die ich heute ebenso
noch verwahre wie den Brief, den mir Doris Rothmund daraufhin schrieb. Es ist nicht die einzige Komposition aus der Zeit bis 1963, die fertig wurde. Sicherlich waren diese
ersten Arbeiten keine Meisterwerke, sondern weitgehend Imitationen von Stilen, die ich kannte, und wenn ich auch nicht sicher bin, wie viel Talent sie zeigten, so wiesen sie
sich doch zumindest durch Energie und Anspruch aus, nahmen beherzt den gesamten Umfang der Klaviatur in Gebrauch und zeigten auf ihre Weise, was es heißt, jung zu
sein und Kraft zu haben. Für mich war es ein Anfang und ein Bekenntnis zu einer Art des eigenständigen Lernens zugleich, da niemand mir gezeigt hatte, wie man so etwas
wie eine Sonate schreibt. Ich hatte mich über alle Vorgänge und Regeln belesen und mit dem verglichen, was ich in Noten fand, vor allem im ersten Band der Sonaten
Beethovens. Eine wichtige literarische Quelle meiner damaligen Kenntnisse bildete Friedrich Herzfelds 1950 erschienenes Buch Du und die Musik. Ich entlieh es immer
von neuem aus der Bücherei und las darin manches über das musikalische Handwerk wie Biographisches über die Meister der Vergangenheit, ahnungslos, wie sehr sein
Verfasser noch Jahre zuvor dem Führer nach dem Mund geredet hatte..
Dass meine erste Sonate in F-Moll stand, hatte natürlich damit zu tun, dass schon Beethoven seine zweiunddreißig Klaviersonaten in dieser vielversprechenden Tonart
begonnen hatte. So tat ich es ihm nach. Als nächstes wollte ich dann, dem Vorbild folgend, eine A-Dur-Sonate schreiben, aber dazu kam es schon nicht mehr. Zwar füllte
ich noch viele Seiten mit unterschiedlichsten Versuchen mit meiner eigens angeschafften schwarzen Tinte, die sich unbedingt vom Königsblau der Schultinte abheben und etwas
unverwechselbar Eigenes sichtbar machen sollte, doch blieb das meiste skizzenhaft, brach nach einigen Seiten ab und gewann keine endgültige Gestalt. Der virtuose
Einfluss Franz Liszts nahm teilweise stark Überhand und mündete in Konzertetüden, aber auch sie fanden kein Ende. Es war ein langer Marsch durch die Sackgassen, wie
ihn wohl bisweilen so mancher junge Künstler hinter sich bringen muss. Vielleicht hätte zu diesem Zeitpunkt ein erfahrener Kompositionslehrer meine Versuche einmal sehen
und etwas dazu sagen sollen, um mir aus meinen Schwierigkeiten und Verwirrungen herauszuhelfen, doch ich scheute den Schritt und wollte mir in diesen mir zu privaten
Dingen von niemandem etwas sagen lassen. Der in Mannheim damals unterrichtende Komponist Hans Vogt war jedenfalls im Gespräch, aber ich habe ihn nie kennen
gelernt. Schließlich hat es ja keinen Sinn, sich etwas auszumalen und einzubilden, wenn sich etwas aus sich selbst heraus in eine andere Richtung entwickelt und sich von ganz
alleine entscheidet. Was und wie es tatsächlich und wirklich geschah, war vielleicht ohnehin das Bessere und, gab es je eine Wahl, von zwei Übeln das kleinere.
Gelang es mir auch nicht in dieser Zeit, meine musikalischen Gedanken auf dem Papier festzuhalten und so zu ordnen, dass sie mich selbst überzeugten, so hatte ich doch
zugleich begonnen, frei auf dem Klavier zu fantasieren und mich mit den Klängen, die sich in unauflösbarer Einheit sowohl aus der Vorstellung wie aus der unmittelbaren,
nächstliegenden Bewegung der Finger auf den Tasten, aus Wissen und Versuchen, Bekanntem und Neuem ergaben, mehr und mehr anzufreunden. Es war so etwas wie
das nie abschließbare Erlernen eines Vokabulars, das aus der Kenntnis der Buchstaben allmählich zu Sätzen und übergeordneten Satzfolgen wächst und mit dem sich letztlich
Eigenes, Stimmungen und Gefühle, ebenso ausdrücken lassen wie abstrakte Ideen. Meist ließen sich diese Bereiche aber gar nicht trennen.
Bald nach unserem Umzug nach Stuttgart im Sommer 1966 verlor ich den Kontakt zu Doris Rothmund. Ich war damals alles andere als ein guter Briefeschreiber und
empfand es eher als Last, von dem, was mich bewegte, jemandem schriftlich zu berichten. Gerade im Bereich der Musik hatte ich wenig Bedürfnis, ins Einzelne
Gehendes über meine Gedanken, Fortschritte oder Rückschritte, Hoffnungen und Wünsche, Enttäuschungen, Zweifel und Ängste zu sagen, schon gar nicht in einer Form,
die etwas Momentanes festhielt und vielleicht sogar zu einer gewissen Regelmäßigkeit verpflichtet hätte. Es gab genug Aufgaben, die erfüllt sein wollten, und mein Freiraum
schien mir ohnedies zu knapp bemessen. Zu solchen Mitteilungen bedarf es vor allem der Lust, andere teilhaben zu lassen am eigenen Leben, sonst wirken sie förmlich und
bleiben an der Oberfläche. Doch zu viel war zu verarbeiten, das in den letzten Monaten und Jahren in Mannheim geschehen war, und gleichzeitig gab es so viel des Neuen, das
durch unseren Umzug, die veränderten Familienverhältnisse mit der eiligen Wiederverheiratung meines Vaters, den Schulwechsel oder das bevorstehende Abitur bedingt war.
Mehrfach habe ich im Laufe meines Lebens bemerkt, dass ich, trotz einiger Versuche in dieser Richtung, keine wirkliche Neigung entwickelte, zu alten Lehrern oder zu
Orten, an denen ich einst gelebt hatte, zurückzukehren, und empfand es eher als einen mich abstoßenden und ungesunden Vorgang, das unwiederbringlich Vergangene zu
suchen, ohne durch besondere Umstände dazu gezwungen zu sein. Es glich einer Rückkehr in den Mutterschoß, einem Rückschritt in der Entwicklung und zeugte von
geistigem Anlehnungsbedürfnis. Bei Lehrern, auch denen, die man hochgeschätzt hatte, schlüpfte man, mochten sie sich noch so aufgeschlossen, tolerant und liberal geben,
unversehens wieder in die alte Beziehung zwischen Schüler und Lehrer, ähnlich der Art und Weise, wie man vielleicht immer Kind seiner Eltern bleibt und wie beide Teile die
ursprüngliche, allein durch den Altersunterschied vorgegebene Überlegenheit verinnerlichen. Hier meinem Instinkt zu vertrauen und Lehrer nach der Lehrzeit besser
zu meiden, schien mir das einzige Verhalten, das die Fruchtbarkeit des Unterrichts und die gewonnene Selbständigkeit bewies. Die Kunst des Lehrertums besteht nun einmal
darin, sich überflüssig zu machen, nicht darin, eine lebenslange Abhängigkeit zu stiften. Das Du, das mir gelegentlich angeboten wurde und das abzulehnen ich nie die
Unhöflichkeit besaß, kam mir immer schwer über die Lippen, denn das einst vorhandene Gefälle aus dem Mehr an Alter, Erfahrung und Macht lässt sich nicht mit
der Änderung einer Anredeform nachträglich ausgleichen, selbst oder gerade dann nicht, wenn der Schüler in manchen Dingen über seinen Lehrer hinausgewachsen ist
oder deutlich andere Wege eingeschlagen hatte.
Ein ähnliches ungutes Gefühl trat gegenüber Orten, an denen ich vormals gewohnt hatte, zu Tage. Die wenigen Male, da ich an solche zurückkehrte, waren unweigerlich
enttäuschend und entsprachen meinen Erinnerungen so wenig, dass ich es künftig lieber sein ließ. Niemand kannte mich, ich kannte niemanden, alles war anders, selbst das
Nass des Wassers, das Blau des Himmels und das Grün der Blätter. Nichts hatte seine Frische, seinen Zauber behalten. Allein schon das Wissen, dass die Stelle meines
Geburtshauses und unseres Gartens in Treysa durch einen Parkplatz ersetzt und das schöne Sinsheimer Wohnhaus ebenfalls abgerissen worden seien, weckte mich aus
meinen Träumereien, und ich erkannte die Gefahr, mir jene Erinnerungen, die ein Teil meiner Vergangenheit und in gewisser Weise mein unverbrüchlicher Besitz waren,
durch eine jüngere Wirklichkeit ganz ohne Not entfremden, enteignen oder zerstören zu lassen.
So sah ich Doris Rothmund nicht wieder, erfuhr auch nicht, dass sie an multipler Sklerose, einer unheilbaren Krankheit unbekannten Ursprungs litt, und hörte von ihrem
Tod im Juli 1979 erst spät und nur auf Umwegen. Ich lebte damals fast schon neun Jahre in Köln, und meine letzte Brücke zu Mannheim war Peter Vaith, der in Köln
Medizin studiert hatte, dessen Eltern nach wie vor im Mannheimer Stadtteil Lindenhof lebten und dessen Mutter einst eine Klassenkameradin von Doris Rothmund gewesen
war. Vermutlich habe ich auch durch ihn die Todesnachricht erhalten. Ich erinnerte mich nun, dass Doris Rothmund gegen Ende unserer Mannheimer Zeit gelegentlich
leicht gehinkt hatte, und mein Vater oder auch Peter Vaith, mit denen ich damals darüber sprach, deuteten dies nachträglich als mögliches frühes Symptom der
schleichenden Krankheit, deren Opfer sie wurde.
Ich las nun den Brief mit etwas anderen Augen, den sie mir als letzten kurz vor dem Jahreswechsel 1966/67 nach Stuttgart geschickt hatte. Sie antwortete damit auf einen
Brief, in dem ich ihr von meinen ersten Begegnungen mit Arno Erfurth und dem bei den Wiener Klassikern verharrenden Unterricht bei ihm berichtet hatte, und bedauerte,
mich nun auf so magere Kost gesetzt zu sehen. Ihr würde die Energie hierzu gefehlt haben, da sie selbst zu viel Freude an schwieriger Literatur habe, meinte sie. Von sich
erzählte sie, dass sie für Konzerte in Heidelberg und Brüssel arbeitete und versuchte, Szymanowskis Métopes auswendig zu lernen. Am Ende des Briefes erwähnte sie,
teilweise schon auf den Rand geschrieben, dass sie sich gerade für Untersuchungen im Krankenhaus habe aufhalten müssen und dass man das Schlimmste befürchtet habe.
Die Befunde seien aber zum Glück günstig ausgefallen, so dass sie wieder entlassen worden sei. Nur das Klavier habe ihr über diese fürchterlichen Tage hinweggeholfen,
und ihre stumme Klaviatur habe sie mit sich ins Krankenhaus genommen.
Das einzige auffindbare Lexikon, das etwas Biographisches über Doris Rothmund vermeldet, scheint Kürschners Deutscher Musiker-Kalender 1954 zu sein, der
Folgendes mitteilt (ich löse die Abkürzungen stillschweigend auf): „Rothmund, Doris, Pianistin. geboren am 26. XII. 1926 Mannheim - Elisabeth-Schule ebenda (Abitur) -
Musikstudium: 1944 Musikhochschule Mannheim, 1946 Musikhochschule Heidelberg bei Richard Laugs und Martin Steinkrüger (Klavier), 1951 Meisterklasse Walter
Gieseking daselbst - ab 1945 Konzertreisen, ab 1953 Lehrerin Musikhochschule Mannheim - Gedok [Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer
Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen] - Mannheim, K.4.20.“ Hans-Peter Range nennt sie 1964 in einer Liste im Anhang seines Buches über die Konzertpianisten der
Gegenwart. Ein Nachruf erschien am 21. Juli 1979 im Mannheimer Morgen unter der Überschrift: Pianistin und Pädagogin Doris Rothmund gestorben.
Siebtes Kapitel Familienleben, Familiensterben
Überblicke ich unsere Mannheimer Jahre als einen größeren, in sich geschlossenen Abschnitt meiner Jugend, ergibt sich ein zweigeteiltes Bild mit einer helleren und einer
dunkleren Hälfte. Dies mag zwar ebenso für alle anderen Zeiten gelten, doch sind die Gegensätze hier stärker, das Lichte strahlender, der Schatten tiefer als in späterer Zeit.
Ich weiß, ein solches Bild ist eine nachträgliche Sehensweise, wie sie im Augenblick des tatsächlichen Erlebens gar nicht möglich ist, ein Vergleich, der sich erst im
erinnernden Gegeneinanderhalten anstellen lässt. Man wusste ja in keinem Augenblick, wie der folgende aussehen wird, und täglich mischen sich die Gegensätze neu in
unabsehbarer Weise. Hinzu kommt aber wohl auch, dass in der Jugend alle Eindrücke frischer und stärker erscheinen. Alles ist auf seine Weise unbekannt und unterliegt noch
keiner die Wirkung abschwächenden Wiederholung wie in höherem Alter, wenn man alles Geschehen durch die Erinnerung an bereits Erlebtes besser einordnen, auf seine
Erfahrungen zurückgreifen und sich in manchem leichter behelfen kann.
Gehörten die Sinsheimer Jahre mehr dem kindlichen Spiel im Freien, außerhalb des Hauses und einer Zeit an, die gegenüber der fast still stehenden in Treysa nur ganz
unmerklich und sachte verstrich, so schien sich in den Mannheimer Jahren alles zu beschleunigen und im Innern der Häuser stattzufinden. Die körperlichen und geistigen
Kräfte wuchsen, entfalteten sich und forderten ihr je eigenes Recht. Ein reiches Angebot an Schulen, Konzertsälen, Theater, Opernhaus, Büchereien, Museen,
Sammlungen und vielen anderen Einrichtungen kam in der Großstadt dem Lern- und Wissbegierigen in jeder Weise entgegen, überforderten ihn sogar, und die
unterschiedlichsten Geschäfte mit ihren anspruchsvollen, luxuriösen Sortimenten konnten alle Wünsche, die sich regten, befriedigen. Neigungen und Begabungen
bildeten sich jetzt deutlicher aus, gewannen festere Form und mündeten schließlich in eine Berufswahl, die, auch wenn sie gewagt schien, keineswegs leichtfertig und ohne
Bedenken, dafür aber mit dem notwendigen Selbstbewusstsein und einer guten Portion nicht minder verzichtbarem Optimismus getroffen wurde.
Andererseits ging dieses innere und äußere Wachstum mit Entwicklungen in unserer Familie einher, die all dies nachhaltig bedrückten und betrübten. Öffneten sich auf der
einen Seite die großen Tore der Kunst und der Wissenschaft, wurde zu Hause die Welt enger und enger. Die Entfremdung meiner Eltern nahm mehr und mehr zu, und nur die
Krankheit meiner Mutter verhinderte die anstehende Scheidung. Meine Mutter, die stets nur ihre elterlichen und hausfraulichen Pflichten erfüllt und keinen Beruf erlernt
hatte, bereitete sich auf die Trennung vor, indem sie, um später als Sekretärin arbeiten können, Abendkurse in Stenographie und Schreibmaschine an der Volkshochschule
belegte. Zusätzlich suchte sie ihre bereits bestehenden Kontakte zum Roten Kreuz zu festigen und informierte sich über Lehrgänge für die dort benötigten Hilfskräfte; auch
ein Lehrbuch, das der Ausbildung von Schwesterhelferinnen diente, sah ich damals bei ihr.
Die Spannungen, die diese Schritte und Maßnahmen auslösten, waren entsetzlich. Fast täglich gab es Auseinandersetzungen und Demütigungen, Wutanfälle, Beleidigungen,
Verletzungen, Kränkungen. Folgten Versöhnungen, Rechtfertigungen und Entschuldigungen, schloss sich der Teufelskreis nach kurzem wieder, und alles begann
von vorne. Aus den nichtigsten Anlässen heraus entzündete sich Streit, und es war deutlich, dass es nicht um die Sache ging, um die gestritten wurde. Tiefer Liegendes
kam an die Oberfläche, das womöglich über Jahre hinweg im Verborgenen sich angesammelt hatte. Es schien einzig noch darum zu gehen, dem Stau der Gefühle erneut
freien Lauf zu gönnen, der inneren Zerbrochenheit die Zügel endlich wieder schießen zu lassen und gleichsam die Enttäuschungen, das Entgangene, Unerreichte und
Unerreichbare, Unerfüllte und Unerfüllbare, kurz die eigene Unzufriedenheit dem anderen aufzubürden und vorzuwerfen, als liege hier die Ursache des ganzen Übels und
allen eigenen Versagens. Doch jeder neue Ausbruch verschlimmerte zugleich das schlechte Gewissen und die eigene Schuld und schürte untergründig das Feuer. Wir
lebten in einem Krieg, in dem auch während eines zeitweiligen Waffenstillstands ein erneutes Aufflammen der Kämpfe stets zu befürchten war.
Angesichts der ständigen Reizbarkeit und Ausbrüche meines Vaters und dem Nachgeben, Hinnehmen und Sich-Zurückziehen meiner Mutter war schnell klar, dass
wir Kinder die Partei unserer Mutter ergriffen und uns gegen den Vater stellten. Dies fand seinen sichtbaren Ausdruck in den großen Ferien im Jahre 1965 darin, dass mein
Vater erstmals allein verreiste und wir zwei Kinder zusammen mit unserer Mutter drei Wochen an den Bodensee fuhren. Im Jahr zuvor war es zur Urlaubszeit bereits zu einer
ersten Verschiebung gekommen, als meine Mutter zusammen mit meiner Schwester und ich zusammen mit meinem Vater verreist waren. Es war in der Zeit unserer letzten
gemeinsamen Ferien, dass meine Mutter erneut zu kränkeln begann, nachdem sie im Jahr zuvor bereits einmal im Krankenhaus gelegen hatte. Man hatte sich auf Besserung
und Heilung eingestellt; und vom Sterben war damals noch keine Silbe verlautet. Doch dann begannen die Schmerzen von neuem und nahmen unerbittlich zu.
Achtes Kapitel Ein Flugzeug, ein Schiff und das liebe Geld
Nach einigen Jahren in Mannheim und vertrauterem Umgang mit den übrigen Angestellten des Gefängnisses gewöhnte sich mein Vater an, jeden Freitagabend mit
einigen höheren Beamten, darunter auch dem Direktor der Haftanstalt, in der am Eingangstor gelegenen Kantine Doppelkopf zu spielen und dabei dem Pfälzer Wein in
reichlichem Maße zuzusprechen. Dies zog sich stets bis spät in die Nacht hin, und gewöhnlich waren wir eingeschlafen, ehe er nach Hause zurückkehrte. Manches
unschöne, kritikwürdige Verhalten entsprang dieser Herren-, Karten- und Zecherrunde, das ich lieber mit Schweigen übergehe.
Seine übrigen Abende verbrachte mein Vater, sofern er nicht seine Gutachten schrieb, eine ganze Zeitlang in der Küche, wo er plötzlich eine schier endlose Bastelleidenschaft
entfaltete. War der Tisch nach dem Abendessen abgeräumt, holte er große Kartons und Werkzeug hervor und begann als erstes, ein aufwändiges Modellflugzeug zu bauen,
nicht nach eigenen Entwürfen, sondern mit einem Bausatz und nach genauen Anleitungen versteht sich. Die Maschine, eine einmotorige Piper, bekam einen
benzingetriebenen, ohrenbetäubenden Propellermotor, den mein Vater, zur Freude der Nachbarn, einmal mitten in der Nacht startete. Da das Modell sich nicht steuern ließ,
musste es an einem dünnen Drahtseil gehalten werden, und man konnte es dann mit Hilfe eines hölzernen Griffs in engerem oder weiterem Kreis um sich herum fliegen
lassen. Damit erschöpften sich seine Möglichkeiten.
Als alles für den Jungfernflug bereit war, begleitete ich meinen Vater zu einer Wiese zwischen der Gefängnismauer und dem Zaun des Gaswerks, da er nicht gleichzeitig den
Motor starten und das Seil, welches das Flugzeug am Davonfliegen hinderte, festhalten konnte. Etwas neugierig war ich natürlich auch, das Ergebnis so vieler Arbeit zu sehen.
Doch alle Mühe war vergebens gewesen. War der Motor endlich angeworfen, drehte sich die Maschine nur brummend um sich selbst, hob aber keinen Millimeter vom
Boden ab. Ihr Gewicht war zu groß geworden, denn zuletzt hatte mein Vater das Modell, um es zu trimmen, eigenmächtig mit großen verschiebbaren Bleioliven aus
seinem Angelkasten versehen, was sicher nicht in den Berechnungen und Vorschriften der Hersteller eingeplant war. Auch Nachbesserungen nutzten nichts, das Flugzeug flog nie.
Auch bei dieser Bastelarbeit verbarg mein Vater sein persönliches Interesse, indem er mich vorschob und mich zunächst zur Auswahl eines Modellbaukastens in ein
Spielzeuggeschäft mitnahm. Dies hielt ihn keineswegs davon ab, die gesamte Arbeit des Zusammenbaus von Anbeginn an sich zu ziehen, und es wiederholte sich das bei der
Modelleisenbahn kennen gelernte Verfahren, meine Rolle auf Handlangerdienste, im Wesentlichen aber aufs Zusehen zu beschränken. Er kannte sich ja mit Flugzeugen
durch die Segelfliegerei aus, die er in seiner Marburger Studentenzeit als Hobby betrieben hatte und die im Sinsheimer Wiesental noch einmal für kurze Zeit
wiederauflebte. Dies war mir nicht so unlieb, wie man denken könnte, denn im Grunde langweilten mich Flugzeuge, besonders wenn man sie wie einen Drachen immer an
einer Schnur halten musste und sie sich nur im Kreis bewegen konnten. So sah ich ziemlich unbeeindruckt das Gerät heranwachsen und bedauerte es sogar, dass der
Erfolg des eigentlichen Fliegens nach so vielen Anstrengungen schließlich ausblieb.
Doch der Rückschlag dämpfte die neue Leidenschaft meines Vaters keineswegs. Eher stachelte der Misserfolg seinen Ehrgeiz an, und es schien, als sei er jetzt erst richtig auf
den Geschmack gekommen. Von der Luftfahrt wechselte er zur Marine. So war sein nächstes Projekt ein Modell der Theodor Heuß, eines ferngesteuerten
Seenotrettungskreuzers, dessen Besonderheit darin lag, ein sogenanntes Tochterboot an Bord zu haben, welches nach dem Absenken einer Heckklappe gewassert, separat
gelenkt und dann wohl auch wieder eingeholt werden konnte. Der Bau an diesem keineswegs billigen Schiff, dessen Original sich nach dreißig Dienstjahren heute im
Deutschen Museum in München befindet, zog sich über viele Wochen hin, und des Sägens, Feilens, Klebens, Schmirgelns, Grundierens und Lackierens war kein Ende.
Auch hier bedurfte es einer Rechtfertigung, dem Rest der Familie die Angelegenheit plausibel erscheinen zu lassen. Diesmal wehrte die langjährige, von Kindheit an geübte
Passion meines Vaters, angeln zu gehen, jedem Verdacht unnützer Spielerei. Da ich ihn in dieser Zeit gewöhnlich zum Angeln begleitete, kam das Schiff aber natürlich auch mir
zugute, zumindest indirekt. Die Theodor Heuß sollte nämlich so eingerichtet werden, dass sich an ihr die Angelschnur befestigen ließ und sie ferngesteuert den Köderfisch an
eine geeignete, hechtverdächtige Stelle des Gewässers ziehen sollte, die durch Auswurf der Angel unerreichbar war. Am Ziel angekommen wurde die Schnur per Knopfdruck
ausgeklinkt, und das Schiff konnte zurück ans Ufer gesteuert werden.
Als wieder alles fertig war, wurde die Heuß auf einem Altrheinarm bei Lampertheim, nördlich von Mannheim, getestet, doch füllte sie sich unmerklich mit Wasser, bekam
Schlagseite und wurde plötzlich manövrierunfähig. Zum Glück hatten wir unsere Angeln dabei und konnten den Havaristen mit Hilfe eines rasch ausgeworfenen Blinkers
rechtzeitig vor dem drohenden Untergang bewahren. Abgedichtet und verbessert wurde der Kreuzer auch einige Male für den beschriebenen Zweck eingesetzt,
gleichwohl war der technische Aufwand zu groß, und die erhoffte kapitale Beute blieb aus, da zunächst einmal jeder Fisch Reißaus nahm, sobald sich das Boot mit seinem starken Elektromotor näherte.
Auch dieses Schiff berührte mich nur wenig. Begriff ich zwar noch das Vergnügen, ein solches Werk in die Tat umzusetzen und Schritt für Schritt unter den Händen
heranwachsen zu sehen, war mir die Beschäftigung mit dem Fertigen gänzlich fremd und peinlich, und ich verstand es nicht, wie man sich mit seiner kleinen Steuereinheit an
ein Brückengeländer stellen oder ein Ufer setzen konnte, um nun das Schiff vor staunenden Spaziergängern seine stolzen Runden ziehen zu lassen. Doch jedem seine
eigene Spielerei, solange ich sie nicht teilen muss.
Was an diesen Basteleien weit mehr verdross als die eher harmlose Zurschaustellung handwerklicher Fertigkeiten und teuren technischen Besitztums, war der Umstand, dass
mein Vater nicht nur uns Kinder, sondern selbst meine Mutter mit ihrem monatlich zuerteilten Haushaltsgeld ständig zur Sparsamkeit anhielt und es wegen echter oder
vermeintlicher Verstöße gegen diese Tugend immer wieder zu Streit kam. Als eines Tages das Gestell meiner Brille entzwei brach und ich ein neues brauchte, bekam er
einen regelrechten Wutanfall, da die Kosten für den Ersatz etwas höher ausfielen, als er es sich vorgestellt hatte, und dies, obwohl die sogenannte Beihilfe, bei der er als
Beamter alle nicht von der Krankenkasse übernommenen Beträge einreichen konnte, gewöhnlich die Defizite beglich.
So wurde einerseits selbst bei notwendigen und kleinen Ausgaben gerechnet und gerechtet, während andererseits für die kostspieligen Liebhabereien, und zwar nicht nur
die Basteleien, sondern mehr noch die fast alljährlich erneuerten Autos und ihre Pflege oder alles, was mit der Angelei zusammenhing, stets Mittel vorhanden waren, ohne
dass ein Wort darüber verloren wurde. Das passte nicht zusammen, ergab ein schlechtes Vorbild, und es war offensichtlich, dass hier mit zweierlei Maß gemessen
wurde. Darüber hinaus verdiente mein Vater gut, angesichts seiner Nebentätigkeit sogar überdurchschnittlich gut, und er hatte keinen Grund, die Pfennige zu zählen. Geld
war jedoch ein Thema, dem er ebenso wie Fragen der Politik aus dem Wege ging, und er beschränkte sich auf Andeutungen und Bemerkungen zu gegebener Zeit und aus
gegebenem Anlass, und man hatte stets den Eindruck, er wolle sich nicht in die Karten schauen lassen.
Nach dem Tod meiner Mutter nahm diese Empfindlichkeit in Geldfragen jedoch eine unerwartete Wendung. Mitunter schlug sie sogar ins Gegenteil um und machte einer
manchmal ins Verschwenderische gehenden Großzügigkeit Platz, die nunmehr allerdings einen unvermeidlichen Beigeschmack von Kompensation, nachträglichem
Ausgleich, Wiedergutmachung, ja selbst etwas von Bestechung erhielt und daher ebenfalls nicht geheuer war. Zu viel Unsauberes, Erniedrigendes hatte sich in den
Jahren zuvor angesammelt, und mein Vater wusste, dass wir Kinder bei einer Scheidung guten Grund gehabt hätten, lieber zu meiner Mutter zu ziehen, als bei ihm
auszuharren und seine Launen zu erdulden. Die neue Großzügigkeit bewährte sich freilich weniger im Alltag, als dass sie zunächst in einem Übermaß kostspieliger
Weihnachtsgeschenke sich entlud und gleichsam zum Zeichen wurde, dass die schlechten Zeiten nun endgültig vorüber seien. Doch es waren keine Geschenke und
nichts Materielles, Käufliches, das wir in der Vergangenheit vermisst hatten. Gemangelt hatte es vor allem an Aufrichtigkeit, an Übereinstimmung von Wort und Tat, gefehlt
hatte es an Verständnis und Zuneigung. Das Versäumte ließ sich nicht mit Geschenken aus der Welt schaffen, zumal sie in diesem besonderen Fall sichtlich auch dazu dienten,
die neue Frau meines Vaters zu beeindrucken.
Erst im Laufe der Jahre gelang es meinem Vater, ein ausgewogeneres Verhältnis zum Geld und seinem Nutzen zu entwickeln, was ihm wohl umso leichter fiel, als er sich bei
steigenden Einkünften und stetig sich mehrendem Wohlstand längst nicht mehr um seine finanzielle Zukunft zu sorgen brauchte. Und dass meine Schwester nach Frankreich zog
und heiratete und ich etwa ab Mitte der siebziger Jahre eigenes Geld verdiente, entlastete ihn zusätzlich.
Da sich in den Mannheimer Tagen mein Taschengeld aber noch in engen Grenzen hielt und ich gut haushalten musste, um mir wenigstens einen Teil meiner vielen Wünsche
erfüllen zu können, versuchte ich damals, gleich vielen anderen Heranwachsenden, meine Finanzen aus eigenen Kräften aufzubessern. Ich erteilte Nachhilfeunterricht in
den unterschiedlichsten Fächern, arbeitete eine Weile als Kegeljunge oder verteilte Werbung in Briefkästen, je nachdem, was sich bot, denn jede Mark war willkommen.
Neuntes Kapitel Tod der Mutter
Nachdem im Februar 1966 meine Mutter schon über vier Monate im Krankenhaus gelegen hatte, weckte mich mein Vater eines Sonntagmorgens. Er hatte gerade einen
Anruf aus dem Krankenhaus erhalten. Meine Mutter war in der Frühe gestorben. Mit meiner Schwester zusammen fuhren wir zum Krankenhaus und gingen die endlosen,
uns längst vertraut gewordenen Gänge zum Zimmer meiner Mutter. Es war bereits leer. Eine Krankenschwester gab uns einige, wenige Habseligkeiten, die ihr gehört hatten,
und beschrieb uns für den Fall, dass wir sie noch einmal sehen wollten, den Weg zu dem Raum, in dem sie nun lag. Wir gingen hinunter und nahmen Abschied.
Erste Eingabe ins Internet: 20. April 2004 Letzte Änderung: Montag, 5. Juli 2010
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