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»Herz, ich bitt’ Dich, lass mich weinen!«
Autobiographische Studie aus musikalischem Hause
Autobiographische Studien I
von
Herbert Henck
Kapitel 1: Noten und Bücher Kapitel 2: Mein Vater
Kapitel 3: Meine Mutter Kapitel 4: Schaukeln und Hopsen
Erstes Kapitel Noten und Bücher
Da ich seit längerem versuchte, einen Überblick zu gewinnen, was sich mir von meinen Eltern oder anderen Vorfahren in musikalischer Hinsicht vererbt habe, zog ich erst aus
meinen Büchern, dann aus meinen Notenbeständen all das heraus, von dem mir bekannt war, es habe sich einst in Familienbesitz befunden und sei auf mich
überkommen. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich zwar, das ein oder andere in meiner kleinen Bibliothek sei diesem Erbe zuzurechnen, doch hatte ich nur eine sehr ungenaue
Vorstellung von der Menge und der Herkunft desselben im Einzelnen. Ich beachtete nun besonders die handschriftlichen Besitzvermerke und Datierungen auf dem Inneren
der Buchdeckel oder den ersten Seiten wie auch alle sonstigen persönlichen Eintragungen und versuchte, sofern kein Erscheinungsjahr angegeben war, mit den
üblichen bibliographischen Hilfsmitteln festzustellen, wann die Drucke veröffentlicht waren. Hiermit glaubte ich, den Ablauf der Geschehnisse besser nachvollziehen zu
können. Zur Erleichterung der Übersicht nahm ich alles Aussortierte in einer nach verschiedenen Merkmalen gegliederten Liste auf, die schließlich etwas mehr als
zweihundert Titel erfasste, eine Anzahl, die ich bisher weit unterschätzt hatte.
Doch war über die Jahre nicht alles meinen eigenen Beständen einverleibt worden. Stets hatte es ein oder zwei gewichtige Kartons gegeben, in denen vornehmlich die
Tanz- und Filmmusiken der dreißiger und frühen vierziger Jahre sowie die von meiner Großmutter übernommenen Musikalien aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg,
Salonmusik insbesondere, ein Schattendasein führten. Wann sie in meinen Besitz gekommen waren, vermag ich heute nicht mehr zu sagen; vermutlich hatte sie mein
Vater einmal in der Annahme mitgebracht, bei mir seien sie besser aufgehoben als bei ihm. Da sie mir aber vorerst in keiner Weise dienlich schienen, hatte ich den auf den
Regalen verfügbaren Platz für Aktuelleres nutzen wollen. Vieles hatte sich durch gelegentliches Suchen, Umräumen und Umzüge immer wieder neu vermischt, was dem
Äußeren der Noten nicht gut bekommen war. Die Ränder ungebundener Einzelausgaben waren häufig geknickt, eingerissen oder im Falle schlechten Papiers,
wie man es in schlechten Zeiten, etwa bei kriegsbedingtem Rohstoffmangel, oft hatte verwenden müssen, auch gebrochen. Anderes war durch langjährigen Gebrauch oder
unsachgemäße Lagerung aus dem Leim gegangen, dunkel und teilweise stockfleckig geworden. All dies ordnete ich nun, so gut ich konnte. Einige Bruchstücke blieben
freilich übrig und kamen in einen eigenen Umschlag, nachdem ich ihre verbliebenen Kennzeichen notiert hatte, um eine Zuordnung ergänzender Funde leichter zu bewerkstelligen.
In einem schwarzen, schon recht lädierten Sammelband meiner Großmutter, in dem ein Buchbinder zahlreiche Einzelausgaben von Salonstücken nicht vor 1910 (so das
späteste Copyright) vereint und manche darunter sogar restauriert hatte, entdeckte ich dann zufällig auch das Lied »Herz, ich bitt’ Dich, lass mich weinen!« jenes Berliner
Kapellmeisters und Operettenkomponisten Louis Ital, der zur Familie meines Vaters gehörte und den meine Großmutter, eine geborene Ital, leicht persönlich hätte kennen
können. Der Liedtext stammte von Anton Herrnfeld, dem »Director des Budapester Possen- u. Operetten-Theaters zu Berlin«, wie es auf dem Titelblatt hieß. Zwei
Strophen nahmen unmittelbar Bezug auf Ereignisse des Jahres 1898, so dass das Lied frühestens in diesem Jahre entstanden sein konnte – die vierte Strophe erwähnte den
Tod des Kanzlers Otto von Bismarck, und die sechste begann:
Ein Schmerzensschrei tönt heut durch Oestreichs Gauen, vom Kaiserhaus hallt’s durch das Weltenall: Die Kaiserin, die edelste der Frauen, sie sank dahin durch feiger Buben Stahl.
Hiermit musste das Attentat auf die Kaiserin Sissi gemeint sein, die im September 1898 in Genf von einem italienischen Anarchisten mit einer Feile erstochen wurde. Auch eine
Parodie »Fuhrmann Henschel«, die ein Verlags-Eigeninserat auf dem Umschlag der Ausgabe als »Urkomische Soloscene« anpries, verwies indirekt auf das Jahr 1898, in
dem Gerhart Hauptmanns gleichnamiges Drama in Berlin uraufgeführt wurde. Der Copyright-Vermerk 1899 auf einer Werbeseite belegte indes, dass der Druck nicht vor diesem Jahr erschienen war.
Louis Ital, der von 1878 bis 1929 lebte und seit Ende 1910 auch ein Theaterorchester in den ehemaligen »Prachtsälen« leitete, die man in ein Lichtspieltheater umgebaut hatte,
war Sohn des 1844 in Paris geborenen Eckardt Ital; und Eckardt Itals Bruder, Johannes Ital (1839–1876), war einer meiner Ururgroßväter, denn sein Sohn Heinrich
(1868–1933) wurde der Vater meiner Großmutter Elisabeth Ital (1895–1977), der Mutter meines Vaters. Eine musikalische Betätigung lässt sich jedoch noch eine
Generation weiter zurückverfolgen, denn Eckardt und Johannes Itals Vater George Ital (1797–1876) war von Beruf Musikant, Wirt und Ackermann. Fast alle diese Angaben
entnehme ich einem Stammbaum, den Mark Ital, gleich mir ein Urenkel Heinrich Itals, im Jahre 1991 zusammengestellt hat und den mir mein Vater seinerzeit für meine
persönlichen Dokumente übersandte. Später bewahrheitete sich, was ich ebenfalls diesem Stammbaum entnahm, dass nämlich Gerta Ital, die als Verfasserin von drei
Büchern über den Zen-Buddhismus bekannt wurde, die Tochter von Louis Ital war. In ihrem Buch »Auf dem Wege zu Satori«, das 1971 erschien, beschreibt sie nämlich ihre
Jugend und den Tod ihrer Eltern, und bei dieser Gelegenheit kommt auch manches aus dem Leben ihres Vaters zur Sprache, das eine Verwechslung ausschließt.
Es liegt mir fern, aus der Kenntnis dieser genealogischen Zusammenhänge irgend etwas ableiten zu wollen, etwa hinsichtlich meiner eigenen musikalischen Betätigungen und
Fähigkeiten. Zu oft hatte ich den Eindruck, dass Forschungen dieser Art allein der Aufgabe dienen, einen aus dem Leben entweichenden Sinn durch die Geborgenheit in
einer möglichst langen Ahnengalerie aufzufangen und den Mangel an Eigenem durch den Stolz auf die Altvordern zu ersetzen. Jedes Mitglied einer Familie erhält hier allein
dank seiner Existenz auf Erden so unbestreitbar eine Stellung und Bedeutung, dass leicht vergessen wird, ein Stammbaum stehe ausnahmslos hinter jedem Menschen, ja
jedem Geschöpf, und verliere sich früher oder später gnädig, erst im Dunkel der Geschichte, dann der Primatologie, bevor er in die wohl unvermeidliche Erkenntnis
mündet, eigentlich müsse jeder mit jedem verwandt sein. Der Stammbaum dokumentiert zudem oft nur das zufällige Vorhandensein von Dokumenten, die
Belegbarkeit, wie er die Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Traditionen und Brüche in einer Familie hervorhebt. Keineswegs ist es ein Verdienst, Kaiser, Könige, Künstler,
Staatsmänner, Nobelpreisträger oder welche Würdenträger auch immer zu seinen Vorfahren rechnen zu dürfen, wie es einem Menschen gerechterweise nicht zum
Nachteil gereichen darf, dergleichen nicht oder schlimmstenfalls nur Bösewichte unter seinen Angehörigen ausmachen zu können.
Indes kann ich mein Forschen, das ich hier nun auch noch schriftlich festhalte und öffentlich nachlesbar mache, nicht besser begründen als mit dem Wunsch, nicht nur ein
möglichst konkretes, wenngleich notwendig bruchstückhaftes historisches Wissen über meine Vorfahren zu erlangen, sondern auch eine Art Gefühl für jene spezifische
Vergangenheit zu entwickeln, aus der heraus ich selbst zum Leben und zum Bewusstsein erwachte. Erst das Zusammenspiel von Kenntnis und Empfindung scheint
mir die Voraussetzung zu bilden, die Prägung durch die Familie ebenso klar wahrzunehmen wie jene leichter spürbare, weil von außen kommende durch den Staat
mit seinen Gesetzen, Einrichtungen und Vorschriften. Mein Ausgliedern des materiell Ererbten aus dem, was ich mir selbst erworben hatte, stellte zugleich aber eine Form
der inneren Abgrenzung dar, das Erbe nicht als Selbstverständliches, Unbewusstes, hinzunehmen, sondern es als allzu Nahes, Gewohntes, Übertragenes, Überantwortetes
in eine Entfernung zu rücken, aus der heraus es sich leichter betrachten und einschätzen ließ. Dies einen Akt der Befreiung zu nennen, wäre gewiss ein zu großes Wort für einen
Vorgang, bei dem die ernst gemeinte Bemühung vielleicht schon das Nehmen der ersten Hürde bedeuten mag. Abstand nehmen im Dienste der Perspektive, gleich wie
ein Betrachter abrückt von einem Bild, wäre wohl die treffendere Bezeichnung.
War in meiner Familie kaum mehr als die Tatsache bekannt, einer der Ital-Vorfahren sei in Berlin Kapellmeister gewesen, so war ich erstaunt, jetzt eine Komposition von
ihm in Händen zu halten; und noch mehr überraschte mich, seinen Namen in Frank-Altmanns »Tonkünstler-Lexikon«, das auf der Ausgabe von 1936 fußt,
alsogleich nachschlagen zu können. Diesem Lexikon zufolge war Louis Ital einst Kapellmeister des Berliner Herrnfeld-Theaters gewesen und hatte Operetten, Couplets
sowie Tänze verfasst. Das »Gebrüder-Herrnfeld-Theater« des komödiantisch hochbegabten jüdischen Brüderpaares Anton und David Donat Herrnfeld, die als
Unternehmer, Stückeschreiber und Hauptdarsteller fungierten, war in den 1890er Jahren am Bahnhof Alexanderplatz hinter den Königskolonnaden eröffnet worden.
Bald erfreute es sich so großer Beliebtheit, dass der Begriff »Herrnfeldtheater« zur Redewendung wurde. 1906 konnten die Brüder, die Millionen verdienten, in der
Kreuzberger Kommandantenstraße ihr eigenes Theater in einem Neubau eröffnen (unter Hitler und Hinkel war hier der Jüdische Kulturbund untergebracht). Kurt
Tucholsky gehörte zu den rückhaltlosen Bewunderern der Herrnfelds, schrieb in der »Schaubühne« über sie und berichtete, er habe sich über die Scherze der beiden »krank und wieder gesund gelacht«.
Alle diese Dinge kamen in meiner Familie nie zur Sprache; und zu einer Zeit, da noch Verwandte lebten, die ich hätte fragen können, interessierte mich diese ferne
Vergangenheit nicht, wie sie offenbar auch niemanden sonst interessierte. Die Tatsache, dass meine Großmutter zwar eine Komposition Louis Itals besessen hatte, andererseits
von diesem gewiss nicht mit mir und wahrscheinlich auch nicht mit meinem Vater sprach, gibt indes zu denken. Vielleicht hüllte sie in den dreißiger und vierziger Jahren
ihrem Sohn gegenüber einen Mantel des Schweigens um diese Verwandtschaft, um nicht unnötigerweise in der eigenen Familie ein Vorbild für den Musikerberuf zu liefern
– dazu noch aus dem Bereich der »leichten Muse«, die man zwar liebte, die zum Lebensinhalt aber ebenso wenig taugte wie zum Lebensunterhalt. Vielleicht schreckte
sie auch der Gedanke, Louis Itals langjährige Zusammenarbeit mit dem jüdischen Unternehmen der Herrnfelds, die ihr Judentum auf der Bühne so provokant wie lustvoll
zur Schau gestellt hatten, könne den Nazis zu Ohren kommen und sich irgendwie nachteilig auswirken. Sicherlich hätte mir auch mein Vater von Louis Ital erzählt, wäre
ihm etwas bekannt gewesen, das über die Eintragungen im Ahnenpass unserer Familie hinausging. Ob es sich bei jenem Joseph Auer, dessen Namenszug auf dem Titelblatt
des genannten Herrnfeld-Italschen Liedes steht, um jenen Geistlichen, religiösen Schriftsteller und Komponisten gleichen Namens handelte, der von 1855 bis 1911
lebte, muss vorläufig dahingestellt bleiben; zeitlich scheint es aber möglich.
Erst jetzt, Ende Juni 2001, da ich die überkommenen Noten zu drei übersichtlichen Stapeln geordnet griffbereit neben mir liegen sehe, stelle ich durch Zufall fest, dass der
genannte Sammelband mit Salonmusik genau das gleiche schwarze Material als Einband hat wie eine nachgebundene Ausgabe von Mozarts Sonaten, die ich in jungen
Jahren zur Einstudierung benutzte. Dies führt zu dem Schluss, dass auch diese Mozart-Ausgabe meiner Großmutter gehörte, und dass das nachträgliche Bindenlassen
von Noten hier seinen Anfang nahm. Denn sowohl an der Sinsheimer Kreispflegeanstalt wie an den Mannheimer und Stuttgarter Straf- später: Justizvollzugsanstalten, an denen
mein Vater arbeitete, gab es Buchbindereien, die den Angestellten dieser Institutionen für wenig Geld ausgezeichnete handwerkliche Qualität lieferten. Viele Dutzende meiner
Notenhefte und Bücher wurden hier dauerhaft, manche darunter bibliophil gebunden und mit passenden Schubern versehen, und auch mein Vater machte regen Gebrauch von dieser Einrichtung.
Zweites Kapitel Mein Vater
Mein Vater hieß mit vollem Namen Wilhelm Heinrich Helmut Henck. Er wurde am 6. Juni 1920 in Kassel geboren und starb am 31. Dezember 1994 in Edertal-Hemfurth.
Geschwister hatte er keine. Sein Vater war Karl Henck (1893–1955), Zahnarzt, zuletzt wohnhaft in Schrecksbach zwischen Ziegenhain und Alsfeld. Dieser war der
Sohn von Wilhelm Henck, einem vorzeitig pensionierten Schulrektor und Verfasser zahlreicher vor 1933 erschienener Unterrichtsbücher für die ersten Schuljahre. Die
Mutter meines Vaters hieß mit Mädchennamen Elisabeth Ital (1895–1977); sie war die Tochter des Kasseler Hoteliers Heinrich Ital (1868–1933) und seiner Frau Anne
Christine Emilie (1871–1949), die mit Mädchennamen Hansen hieß und aus Frederiksberg in Dänemark stammte.
Die wichtigsten musikalischen Anregungen erhielt mein Vater in seiner Kasseler Gymnasialzeit, der ein Aufenthalt von knapp eineinhalb Jahren (Oktober 1932 bis
März 1934) an dem traditionsreichen Internat »Schulpforte« bei Naumburg an der Saale vorausgegangen war. Dieses Internat war von meinen Großeltern nicht in erster
Linie gewählt worden, um meinem Vater eine überdurchschnittliche Schulbildung zukommen zu lassen, sondern war gewissermaßen eine aus der Not geborene, letztlich
eigene Erziehungsunfähigkeit eingestehende Maßnahme gewesen. Mein Vater hatte nämlich zu Beginn seiner Gymnasialzeit eine außerordentliche Aggressivität und
Aufsässigkeit entwickelt, die darin gipfelten, dass er einen Lehrer, der ihn züchtigen wollte, körperlich angriff und durch einen Tritt an der Hand verletzte. »Schulpforte«
war eine der Konsequenzen dieses Vorfalls.
Über die musikalische Ausbildung in »Schulpforte« ist mir aus Erzählungen meines Vaters nichts bekannt; die Berichte beschränkten sich vor allem auf die hohen
Ansprüche und die streng überwachte Disziplin dieser »Elite-Anstalt«, an der einst Berühmtheiten wie Klopstock, Fichte, Ranke und Nietzsche zur Schule gegangen
waren. Jüngere Schüler wurden von den älteren beaufsichtigt und bei Verstößen gegen die Hausordnung wohl auch von diesen gemaßregelt; zu bestimmten Stunden des Tages
gab es ein Schweigegebot, und in den obersten Klassen hatte die lateinische Sprache im Unterricht als alleiniges Verständigungsmittel zu dienen. Mein Vater bewahrte die
ihm verbliebenen Ausgaben der »Pförtner Blätter«, des Organs der Schule, sorgfältig auf, und sie standen, später in einem schwarzledernen Konvolut vereint, in einer Vitrine
mit Familiendokumenten. Zu diesen wie zu anderen persönlichen Dokumenten, auch zu solchen aus meiner eigenen Vergangenheit, habe ich heute infolge innerfamiliärer
Streitigkeiten keinen Zugang mehr. An die Umschläge der »Pförtner Blätter« mit ihrem »gotischen« dunkelbraun düsteren Druck auf dunkelgrünem Karton kann ich mich aber noch besinnen.
Noch bevor »Schulpforte« offiziell in eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt umgewandelt wurde, verließ mein Vater das Internat wieder und kam für den Rest
seiner Gymnasialzeit in die Gauhauptstadt Kassel zu einer vielköpfigen Pflegefamilie namens Krug. Ihr Oberhaupt, »der alte Krug«, war ein ehedem als Lehrer tätiger
Frühpensionär, dessen Erziehungsstil sich dadurch hinreichend kennzeichnet, dass er, sobald er Wohnung und Haus verließ, seinen Hut auf den Küchentisch legte und mit
diesem Popanz seine Herrschaft auch in Abwesenheit kundtat. Körperliche Züchtigungen waren auch hier keine Ausnahme. Die Zeit am Kasseler Wilhelms-
Gymnasium erstreckte sich schätzungsweise von 1935 bis 1938/39 zum Abitur.
Das musikalische Interesse war wohl vor allem durch die Mutter meines Vaters, die Klavierunterricht genommen hatte und gerne als »höhere Tochter aus besserem Hause«
galt, angeregt worden und wurde nun in Kassel besonders von dem bewunderten Musiklehrer (Hans?) Maser gefördert. Seinen Namen fand ich einige Male in
Zeitschriften der dreißiger Jahre im Zusammenhang mit Choraufführungen erwähnt. Mit Maser scheint mein Vater recht vertraut, ja fast befreundet gewesen zu sein, was eine
kleine Begebenheit bei der mündlichen Abitur-Prüfung in Musik zeigte. Die Rede war auf die 1937 in Kassel uraufgeführte Volksoper »Tobias Wunderlich« von Joseph
Haas gekommen, der seinerzeit als einer der bedeutendsten deutschen Komponisten galt, heute gleichwohl fast vergessen ist. Trotz dieser Popularität fiel meinem Vater,
vom Prüfer befragt, Haas’ Name nicht ein, auch wenn er ihm auf der Zunge gelegen haben müsste. Maser versuchte nun zwar, hinter dem Rücken des Prüfers vorzusagen,
indem er sich beide Hände mit empor gestreckt wackelnden Fingern an den Kopf hielt, um die Ohren eines Hasen nachzuahmen und so der Erinnerung auf die Sprünge zu
helfen; doch es nutzte nichts. Helmut Henck musste passen und erhielt nur eine Zwei, anstatt der erhofften Eins.
Eine Eins wäre gleichwohl auch ohne die Kenntnis von Haas’ Namen berechtigt gewesen, denke ich, denn mein Vater hatte mittlerweile so respektabel Querflöte
spielen gelernt, dass er gelegentlich im Kasseler Staatsorchester als Aushilfe einsprang. Seine Flöte, die er bis ans Ende seines Lebens in dem erwähnten Geschichtsschrank
verwahrte, war aus schwarzem Holz mit neusilbernen Klappen-Beschlägen gefertigt, bestand jedenfalls im Wesentlichen nicht aus Metall, denn man legte im Kasseler
Orchester besonderen Wert darauf, nur echt hölzerne Holzblasinstrumente zu verwenden. Bei wem mein Vater damals Flötenunterricht nahm, weiß ich nicht, könnte
mir durch seine Verbindung zum Orchester aber leicht dessen Ersten oder Zweiten Flötisten als Lehrer vorstellen.
Sein Interesse am Flötenspiel oder überhaupt an jeder Art selbständiger, praktischer Musikausübung erlahmte nach dem Kriege jedoch mehr und mehr und erlosch mit den
Jahren völlig. Die letzten Versuche auf seiner Flöte fielen in unsere Sinsheimer Zeit (1955–59). Später, in Mannheim, Stuttgart oder in Hemfurth am Edersee holte er die
Flöte überhaupt nicht mehr hervor, zumindest nicht in meinem Beisein. Vielleicht glaubte er, nicht mehr so glänzen zu können, wie er es sich wünschte, oder mit diesem
Instrument verband sich zu viel für ihn, und es erinnerte ihn an verwehrte, unterdrückte Jugend, den Krieg und zu viele unerfüllte Hoffnungen.
Auch vor diesem freiwilligen Verzicht habe ich meinen Vater allerdings nie üben hören. Der feierliche Zusammenbau und die stets überfällige Wartung der Flöte, die zerlegt in
dem dunklen Samtbett eines schwarzen, nochmals von einer braunen Leinentasche ummantelten Futterals schlief und deren Metallteile stets Ansätze von Grünspan zeigten,
bewiesen bereits so viel Kennertum und Könnerschaft wie das Ölen der Klappengelenke oder das Nachziehen von Schräubchen mit einem winzigen
Schraubenzieher, für den gar eine eigene Mulde vorgesehen war. Die schließlich folgenden virtuosen Passagen, die noch in den Fingern verblieben waren, waren fast
schon Beiwerk oder dienten mehr der gleichmäßigen Verteilung des Öls und dem Gängigmachen der Klappengelenke, als dass sie wahre Spielfreude ausdrückten.
Schnell verschwand die Flöte wieder in ihrem Futteral. Neben der Querflöte gab es auch eine einfache, aber sehr laute und hohe Querpfeife, deren Funktionstüchtigkeit
noch seltener erprobt wurde und die wohl dem Bereich der Militär- und Kapellenmusik zugehörte und in Spielmannszügen oder bei Platzkonzerten zum Einsatz gekommen sein
mag. Ein gemeinsames Musizieren meiner beiden Eltern ist mir nicht erinnerlich, ist aber zumindest in der Zeit ihrer Verlobung und den ersten Jahren ihrer Ehe doch
wahrscheinlich. Ein gemeinsames Musizieren mit mir oder meiner Schwester, die ebenfalls einige Jahre Klavierunterricht erhalten hatte, wurde nicht einmal ansatzweise versucht.
Doch hatte sich die musikalische Betätigung meines Vaters nicht auf das Flötenspiel beschränkt. Unter dem Eindruck einer Klassenfahrt nach Leipzig zu einer Aufführung
der »Meistersinger« war seine Liebe zur Musik und speziell zu Richard Wagner und zur Oper so hell entfacht, dass er selbst eine Oper mit dem Titel »Olaf« zu komponieren
begann. Ich habe die Partitur des Werkes, das er nicht zu Ende führte, früher mehrfach durchgeblättert, ohne mir über seine Qualität ein rechtes Urteil bilden zu können. Als
ich es in späteren Jahren erneut hervorholte, fand ich es etwas einfältig mit seinen mir allzu volksnahen »Hoch soll er leben«-Chören. Doch sollte weder die Entstehungszeit
(die zweite Hälfte der dreißiger Jahre) noch das damalige Alter meines Vaters übersehen werden, und heute denke ich, dass es doch eine außergewöhnliche, ja
bewundernswerte Leistung des jungen Mannes war, sich hinzusetzen und etwas so Komplexes und Kompliziertes wie eine Opernpartitur niederzuschreiben, gleichgültig,
wie traditionsgebunden, unfertig und abhängig alles noch sein mochte. Von anderen Kompositionsversuchen meines Vaters weiß ich nichts.
Mehrfach erzählte mein Vater von einer Aufführung der »Meistersinger«, die er im Kasseler Opernhaus einige Jahre später besucht hatte. Man wird sich vielleicht
erinnern, dass am Ende des zweiten Aufzugs im Anschluss an die »Prügelszene« ein Nachtwächter auftritt (»Hört, ihr Leut', und laßt euch sagen: die Glock' hat eilfe
geschlagen« usw.). Dann geht nach einem Hornruf der Vollmond auf und scheint in die Gasse, die der Nachtwächer hinabschreitet. Als er um eine Ecke biegt und
verschwindet, fällt der Vorhang zu den letzten Klängen der Musik. Nun hatte man diesen Mondaufgang wohl etwas zu sorglos geprobt, denn als in der abendlichen
Aufführung der Mond in Erscheinung treten sollte, war die Mondscheibe, hinter der sich eine Glühbirne verbarg, unbemerkt von der Vorrichtung in die Kulissen abgefallen.
So stieg vor den Augen des erstaunten Publikums anstelle des Mondes nur eine einsam leuchtende Glühbirne am nächtlichen Bühnenhimmel empor und trug nicht wenig zur
Entzauberung der romantischen Szene bei.
Ich erlaube mir eine kleine Abschweifung, denn selten kann ich an das vorstehend Geschilderte denken, ohne dass nicht in meiner Erinnerung ein zweites Missgeschick
der Opernbühne wiederaufersteht. Eine amerikanische Sängerin, die dem Geschehen beigewohnt hatte, erzählte einmal davon, als die Rede auf dergleichen Vorfälle kam,
und da ich keinen besseren Ort als den gegenwärtigen weiß, sei die Episode hier eingerückt. Es handelte sich dabei freilich nicht nur um das Ende eines Aufzugs,
sondern um das dramatische Finale, den Schluss- und Höhepunkt einer ganzen Oper. Wie man weiß oder leicht nachlesen kann, stürzt sich Tosca in Puccinis gleichnamiger
Oper nach Scarpias und Caravadossis gewaltsamem Tod schließlich von der Brüstung der Engelsburg und begeht Selbstmord, um ihren Verfolgern zu entrinnen. Nun konnte
die Sängerin der Tosca auf der Bühne dieses Geschehen natürlich nur zum Teil realistisch darstellen, und damit sie sich bei dem Sturz, der sie dem Blick des
Publikums entzog, nicht verletze, hatte man eine Art von Trampolin in die Kulissen gebaut. War seine Stellung bei der Aufführung etwas anders als bei den Proben oder
hatte die Sängerin zu ihrem Sprung mehr Schwung als sonst genommen – auf jeden Fall federte das Trampolin so stark, dass Tosca, soeben noch in Tod und Tiefe gestürzt,
plötzlich wieder lebendig kurz nach oben kam und das Publikum ihrer erneut ansichtig wurde. – Doch damit Scherz und Schadenfreude beiseite und zurück zu Richard dem Dreizehnten.
Eine mir vorliegende, 1931 erschienene Schrift von Ferdinand Pfohl mit dem Titel »Was weißt Du von Wagner?« stammt wohl noch aus der Zeit der frühen
Wagner-Verehrung meines Vaters. Ihr plakathaft gemaltes Umschlagbild, ein riesiger flammend-roter Bühnenvorhang vor einem tiefschwarzen Orchestergraben, aus dem
ein Dirigent hervorragt, zeigt besser als viele Worte die Art des Mystizismus, der sich damals um Wagner ausgebildet hatte. Wie solch ein Bild sich jungen Menschen, wie
meinem Vater, in Verbindung mit der Erinnerung an einen ersten Opernbesuch einprägen musste, sei dahingestellt; doch dass es sich hier schon um eine gezielt
vereinnahmende, mehr dem Kult als der Kultur dienende Propagandaschrift handelte, die zumindest ebenso viel mit Politik wie mit Musik zu tun hatte, scheint mir außer Frage zu stehen.
Auch andere »Wagneriana« sind auf mich überkommen. Wahrscheinlich noch von den Eltern meines Vaters stammen aus der Reihe »Musik für alle, Eine Notensammlung zur
Pflege guter Hausmusik« die Hefte über den »Lohengrin«, die »Walküre«, den »Siegfried« und die »Götterdämmerung«; darüber hinaus gibt es ein Klavier-Album
»Unser Wagner«, das wohl noch vor dem Ersten Weltkrieg erschienen ist. Sein Titelblatt trägt den handschriftlichen Besitzervermerk »Franz Trysna«, von dem ich nie
habe reden hören. Die Frage, ob es sich hier um denselben Franz Trysna handelt (der Name ist ja selten), von dem 1943 in Düsseldorf das Buch »Hölzerne Hausdächer«
erschien, muss vorerst offen bleiben.
Neben Wagner war es vor allem Richard Strauss, dessen virtuose Orchestermusik mein Vater schätzte. »Till Eulenspiegels lustige Streiche« und »Don Juan« gehörten
zusammen mit der mir immer etwas zu breitbeinigen »Meistersinger«-Ouvertüre und Smetanas »Moldau« (die Flöten beginnen) zu seinen klassischen Lieblingsstücken,
und ich vermute, dass er die Stücke in Kasseler Konzerten gehört, wenn nicht selbst mitgespielt hatte. Notenausgaben von Strauss-Werken sind mir im Elternhaus indes nie
zu Gesicht gekommen, vermutlich überstiegen aber die umfänglichen und somit teuren Partituren die finanziellen Möglichkeiten.
Mein Vater beabsichtigte jedenfalls eine Zeitlang, Musik zu studieren, und wenn vielleicht auch nicht Komponist, so doch wenigstens Dirigent zu werden, Pläne, die an
dem Einspruch seiner Mutter scheiterten. Sie, die Tochter eines Kasseler Hoteliers (»Hotel Maus«, in Bahnhofsnähe gelegen – im Krieg wurde das Gebäude zerstört –),
war bürgerlich, ja großbürgerlich aufgewachsen (man hatte die Eltern zu siezen), suchte Anerkennung und wollte »Staat machen« mit ihrem Sohn. Mit einem Künstler-Sohn,
einem Musikus, ließ sich wenig anfangen; man hätte sich leicht sogar der Lächerlichkeit preisgegeben, denn in Treysa wohnte man in einer engen, strengen Kleinstadt, später in
Schrecksbach auf dem Dorfe, und man wusste viel, oft zu viel voneinander. Mit großem Verständnis für die Künste war hier nicht zu rechnen, es sei denn, man hatte
Erfolg, wurde berühmt oder wenigstens wohlhabend, wurde Professor, Direktor einer Schule oder ähnlich Einflussreiches, wobei Dirigent natürlich schon ein Schritt in die
richtige Richtung gewesen wäre, denn man befand sich so sichtbar in einer überlegenen Position. Karl Henck, der Vater meines Vaters war »nur« staatlich geprüfter Dentist
gewesen, wie das damals hieß, Landzahnarzt, der mit einer Tretbohrmaschine begonnen hatte, keinen Doktortitel führte und sich jahrein, jahraus mit den ungeputzten
Zähnen der Bauern abrackerte, im Keller seines Hauses Gebisse, Brücken und Kronen selbst anfertigte, unter der Fuchtel seiner Frau stand und, wen wundert es, allzu gerne
im Verborgenen ein Gläschen trank. Die Aussicht, an Stelle eines latenten Alkoholikers einen echten Mediziner, ja Akademiker in der Familie zu haben, verhieß dagegen
Ansehen und Sicherheit sowie kostenlosen Beistand bei jedem Wehwehchen. Ärzte brauchte man immer, und der Ausbruch des Krieges überhob sicher der letzten Zweifel
an der Richtigkeit solcher Berufswahl, denn die deutsche Ärzteschaft sah sich nun vor die national verhängte Aufgabe gestellt, Gesundheit zu erhalten und zu stählen, oder die
kriegsbedingt eingebüßte wiederherzustellen, die Befähigung des deutschen Mannes zum Dienst an Führer, Volk und Vaterland zu bescheinigen und Drückebergern das
Handwerk zu legen, kurz: die Wehrkraft bis an die Grenzen des Vertretbaren und womöglich noch ein gerüttelt Maß darüber hinaus zu steigern; man war nicht zimperlich.
So begann mein Vater sein Studium der Medizin in Marburg an der Lahn, erwarb sich standesgemäße Trinkfestigkeit in den »Kneipen« der Burschenschaft Arminia, deren
»Zirkel« er auch später noch aus dem Gedächtnis zeichnen konnte, und beteiligte sich an allerlei studentischen Streichen, ohne es aber zugleich an Fleiß und Ehrgeiz fehlen zu
lassen. Zwischenzeitlich wurde er zur militärischen Grundausbildung einberufen und zum Arbeitsdienst mit dem Spaten an der Autobahn herangezogen, wie er vordem als
Schüler zur Erntehilfe verschickt worden war. Schließlich erhielt er seinen Gestellungsbefehl und kam an die Ostfront. Als Kind sah ich mehrfach 8-mm-Filme,
die er mit einer kleinen federwerkbetriebenen Kamera in Russland aufgenommen hatte. Junge Soldaten mit langen schwarzen Uniformmänteln stapfen im Schnee, klirrende
Kälte, jeder Atemzug ist sichtbar; alle bewegen sich etwas zu schnell. Schneidig und gutgelaunt, doch zugleich auch etwas verlegen grüßen sie, gegen die Sonne blinzelnd, in
die Kamera. Und oben aus der Panzerluke schauend sich selbst filmend in Großaufnahme das Gesicht meines Vaters mit runder Nickelbrille und einer Mütze mit
heruntergeklappten Ohrenschützern. Oder waren es Kopfhörer? Es sind Jahrzehnte vergangen, seit ich den Film zuletzt sah, und meine Erinnerungen verblassen.
Wiederholt berichtete mein Vater von dem berühmten »Kessel von Demjansk«, aus dem er ausgeflogen worden war, ein Ereignis, das in die ersten Monate des Jahres
1942 – er war einundzwanzig – gefallen sein muss. Vielleicht hatte er es zum Teil seinem begonnenen Medizinstudium zu danken, dass er im Sanitätsbereich, in
Lazaretten etwas abseits der Front, arbeiteten konnte und daher unverletzt blieb. Aber sein Studienfreund Horst Wittneben, Sohn seines späteren Chefs an den Anstalten
Hephata, hatte weniger Glück; er trat auf eine vergrabene Mine und wurde zerrissen.
Mein Vater wurde zum Panzerfahrer ausgebildet, eine Sache, die ihm offenbar auch einiges Vergnügen bereitete. Einer Begabung zum Erfinden folgend – sie erbrachte ihm
später zumindest eine Patenturkunde für eine sogenannte Färbebrücke, ein Hilfsgerät in medizinisch-diagnostischen Laboratorien – entwickelte er im Felde eine kleine
Verbesserung der Visiereinrichtung, die dann serienmäßig in Panzer eingebaut worden sein soll. Aber auch wenn er physisch verschont blieb, sah und erlebte er doch Dinge,
die selbst den angehenden Mediziner, dem seine Vorlesungen in Pathologie und Anatomie so manches Grausige schon gezeigt hatten, nicht unberührt lassen konnten.
Ich kannte alles nur aus Filmen und Büchern, von Fotographien oder mündlichen Erzählungen. »Nie wieder Krieg!« hatte uns in den sechziger Jahren ein weißhaariger
Mannheimer Gymnasiallehrer, der sich noch immer um sein verlorenes Haus grämte, einmal groß in unsere Mathematikhefte schreiben lassen, und ein als Religionslehrer
tätiger Pfarrer hatte von dem unvergesslichen Anblick berichtet, wie in der Mannheimer Innenstadt der Flügel einer musikliebenden jüdischen Familie von Nazis hoch oben aus
dem Fenster geworfen wurde und auf dem Pflaster zerschellte. An konkret sichtbaren Folgen gab es allenfalls noch den Treysaer Kriegerfriedhof, über den ich als Kind
manchmal streifte (gelangweilt von seinen uniformen Gräbern, alle anderen waren interessanter), die vereinzelten brettervernagelten Ruinengrundstücke in der
Mannheimer oder später der Kölner Innenstadt und gelegentlich die Löschwasser- spuren in den von mir entliehenen Büchern aus den öffentlichen
Bibliotheken. Als Kind und selbst als Schüler hatte ich noch häufiger Männer gesehen, die einen Jackenärmel oder ein Hosenbein nach oben umgeschlagen und mit einer
Schließnadel befestigt trugen, weil ihnen ein Arm oder Bein fehlte, oder solche, die mit einer hässlichen, kaum vom Schmiss einer Mensur herrührenden Gesichtsnarbe
gezeichnet waren. Doch sie alle verschwanden nach und nach aus dem Straßenbild.
Dagegen hatte mein Vater die unfassbaren Schrecken mit eigenen Augen gesehen – die Getöteten, Verwundeten, Verstümmelten, Verkohlten, Geblendeten, Erstickten,
Siechenden und Sterbenden; Menschen, die so entsetzlich verbrannt waren, dass man sie nur noch in Badewannen, in Öl liegend, transportieren konnte, wie er erzählte. Und
dann die Menschen, die seelisch litten, die zwar Leib und Leben hatten retten können, dafür aber die Liebsten, Kinder, Angehörige, Freunde, Nachbarn, Hab und Gut und
nicht zuletzt das Werk ihrer Hände auf immer verloren hatten und buchstäblich vor dem Nichts standen. So erlebte er den Untergang eines Systems und einer Regierung, die,
für viele glaubhaft, mit dem Ziel des Aufbaus eines neuen, besseren Deutschlands angetreten war, die bald aber ihren Sinn nur noch aus der Unterdrückung, ja
Vernichtung anderer Völker und der Terrorisierung des eigenen Volkes zog, Menschen zu Bestien machte und für die Welt zum Albtraum wurde. Auch dieses Erwachen und
Erkennen, man habe sich entsetzlich getäuscht in den großmäuligen »Machtergreifern«, habe die vorhandenen Zeichen in einer Mischung aus kollektiver Angst, Feigheit,
Gutgläubigkeit, Eitelkeit und Bequemlichkeit verdrängt und so letztlich selbst, wenn auch nur durch das eigene Nichtstun, zum Untergang beigetragen, mussten bittere
Erfahrungen gewesen sein, die sich wie alles andere Leid kaum in Worte fassen lassen.
Ich habe mich später oft gefragt, wie mein Vater mit all dem, was er sah an Bildern des Grauens, zu leben imstande war. Hätte ich ihn direkt gefragt, wäre er mir
wahrscheinlich ausgewichen oder hätte nur geantwortet, dass ein Arzt sich auch an Anblicke der schlimmsten Art gewöhnen müsse, um helfen zu können. Ein Arzt muss
Ekel aushalten, muss Blut sehen können, muss, um Leben zu retten, gelernt haben, auch vor dem Ärgsten nicht die Augen zu verschließen, muss schlimmste körperliche und
seelische Wunden und Qual versachlichen können, um sie zu behandeln. Doch dass das Erlebte, seine Vergangenheit, ihn bei aller ständischen Kühle dennoch nicht los ließ,
dass das Verdrängte arbeitete und zur Sprache kommen wollte, zeigte seine Lektüre. Als er in seinen Vierzigern stand, entlieh er sich die gedruckten Protokolle des
»Nürnberger Prozesses« aus der Anstaltsbücherei des Mannheimer Gefängnisses und las und las zu mitternächtlicher Stunde, über Monate, ich glaube sogar über mehrere
Jahre hinweg, über zwanzig gewaltige Bände, einen Band nach dem andern, Tausende von Seiten, von vorne bis hinten. Wie eine Bußarbeit hatte er es sich auferlegt, alles
noch einmal lebendig werden zu lassen. Ergänzend las er Kogons »SS-Staat« oder Zentners »Illustrierte Geschichte des Zweiten Weltkriegs«, las Biographisches und
Psychoanalytisches über Hitler und wohl noch manches andere Buch, an das ich mich nicht mehr erinnere. Er versuchte, das Geschehene zu begreifen, die weltbewegenden,
historischen Ereignisse ebenso wie die mit ihnen schicksalhaft verketteten eigenen Erlebnisse, um als Opfer und Täter, Kläger und Angeklagter, Verteidiger,
Sachverständiger und Zeuge in einem schließlich selbst auch ein Urteil fällen zu können.
An Notenausgaben hatte mein Vater einen ganzen Stapel Flötenliteratur, doch weiß ich keine Einzelheiten mehr, außer dass sich zwei ziemlich alte Plattendrucke darunter
befanden, bei denen man in dem groben Papier noch die Vertiefung des Druckstockes sehen und fühlen konnte. Auch an Noten von Friedrich dem Großen kann ich mich
erinnern. Einige Stücke aus seinem Notenbestand, darunter die Eulenburg-Partituren von Brahms’ Dritter Symphonie und Beethovens »Serenade« op. 25 für Flöte, Violine
und Viola sowie des Komponisten eigene Fassung für Flöte und Klavier befinden sich heute in meinem Besitz.
Mehrere Musikbücher und Notenhefte, die sich mein Vater im Zusammenhang mit seinen Studienplänen angeschafft haben mag oder die man ihm in Kenntnis seines
Interesses geschenkt hatte, hatte er mir indes schon frühzeitig zum Gebrauch überlassen. Als ich dann Musik studierte, war es klar, dass ich sie behalten konnte.
Eine Ausnahme bildete das großformatige Pamphlet »Entartete Musik«, das ähnlich wie zwei schwere blaue Leinenbände über die Olympiade 1936, ein von Hakenkreuzen,
Paraden, Aufmärschen, Massenkundgebungen, Feiern, Fahnen und Führerposen strotzender Bildband über die Errungenschaften des Nationalsozialismus oder das
grässliche Reemtsma-Cigaretten-Bilderdienst-Album »Raubstaat England« mit der den Globus umkrallenden Klaue auf dem Umschlag zu den ganz persönlichen,
unveräußerlichen Erinnerungsstücken aus dem Dritten Reich gehörte. Zwar las er nicht darin, doch nahm er (teilweise zu Recht) an, dass sie »noch einmal wertvoll« würden,
zumal man sie vor dem Zugriff der nach »Nazi-Souvenirs« lüsternen amerikanischen Besatzung gerettet hatte. Auf die Mitnahme anderer Musikbücher, wie Zdenko von
Krafts Wagner-Roman »Welt und Wahn«, die Dumoulin-Biographie über Cosima Wagner (zumindest letztere stammte aus dem Besitz seiner Eltern) oder den mich als
Heranwachsenden zu Tränen rührenden Liszt-Roman »Ungarische Rhapsodie« von Zsolt Harsanyi verzichtete ich später aus Desinteresse.
Zwar weiß ich bei mehreren Büchern aus meinem Elternhaus nicht mehr, ob ich sie aus väterlichem, mütterlichem oder großmütterlichem Vorbesitz habe; auf Grund der
handschriftlichen Namenszüge kann ich jedoch mit Sicherheit sagen, dass Hans Joachim Mosers, noch zu meiner Studienzeit benutztes und seines Einbandes wegen als
»gelbe Gefahr« tituliertes »Lehrbuch der Musikgeschichte« (1936) sowie Pfitzners »Über musikalische Inspiration« (1940) einst meinem Vater gehörten. Den ersten Titel
erwarb er 1937, den zweiten 1942.
Bücher musikalischen Inhalts schenkte mir mein Vater auch in späteren Jahren noch gelegentlich, wobei er sich zumeist auf die ihn periodisch erreichenden Listen moderner
Antiquariate stützte. Manchmal fand er auch etwas in Buchhandlungen während der Mittagspausen der Gerichtsverhandlungen, denen er als psychiatrischer
Sachverständiger in Mannheim und Stuttgart häufig beizuwohnen hatte. Albert Welleks »Musikpsychologie«, Peter Gradenwitz’ »Orient und Okzident« oder Josef Wulfs
fünfbändige Dokumentation »Kultur im Dritten Reich« gehörten hierzu. Auch die zwei Bände von Dieter Kerners »Krankheiten großer Musiker«, die er von einer
pharmazeutischen Firma als Werbepräsent erhalten hatte, reichte er an mich weiter. Oft konnte ich diesen Büchern zunächst wenig abgewinnen, da sie sich nicht auf meine
aktuellen Interessen bezogen; später lernte ich sie jedoch schätzen und bemerkte, dass in ihnen durchaus wichtige Forschungsergebnisse festgehalten waren.
Klavier spielen konnte mein Vater ebenfalls, auch wenn sich sein Repertoire hauptsächlich auf ein kurzes Stück Unterhaltungs- oder Tanzmusik beschränkte,
welches sich vornehmlich auf den schwarzen Tasten abspielte und schon durch diesen Umstand imponierte. Ich habe die Musik noch heute im Ohr und könnte sie jederzeit
vorspielen, war aber nie in der Lage, sie zu identifizieren.
Neben Maser wurden in Gesprächen immer wieder einmal die Dirigenten Robert Heger und Robert Laugs erwähnt, ohne dass näher auf sie eingegangen wurde. Ende
der dreißiger Jahre war Heger musikalischer Leiter der Oper, Laugs war Staatskapellmeister und Generalmusikdirektor, und beiden verdankte das Musikleben
Kassels seinerzeit wichtige Impulse. Bei Richard Laugs, dem Sohn von Robert Laugs, der Direktor des Mannheimer Konservatoriums wurde, spielte ich im Herbst 1959 vor,
um in das dortige Konservatorium aufgenommen zu werden. Ihm verdanke ich es, Schüler der Pianistin Doris Rothmund (einer Schülerin Walter Giesekings) geworden zu
sein. Später hörte ich Richard Laugs mehrfach in Konzerten im Mannheimer »Rosengarten« oder in der Städtischen Kunsthalle gleich neben meinem Gymnasium
und bewunderte sein Klavierspiel sehr. Er verfügte über ein gigantisches Repertoire und führte zyklisch alle Schubert-Sonaten, das gesamte Klavierwerk von Brahms und einen
Großteil, wenn nicht alle Beethoven- und Mozart-Sonaten auf und schreckte auch vor Liszts Mephistowalzer nicht zurück. Trotz dieser durchaus nicht alltäglichen Leistungen
konnte er seinen Ruf meines Wissens kaum über den Mannheimer Raum hinaus ausdehnen. Doris Rothmund, die wohl einmal seine Schülerin war, bemängelte indessen
oft Gedächtnislücken, die ihn im Konzert immer wieder zu gewagten Sprüngen und Kürzungen des Notentextes gezwungen hätten, was mir und wohl den meisten anderen
im Publikum, die wir die Stücke weniger gut kannten, entgangen war. Auch Laugs’ Namen fand ich in Zeitschriften der dreißiger Jahre, als er in Berlin lebte und unter
anderem als Assistent von Artur Schnabel arbeitete.
Eine kurze Begebenheit möchte ich anfügen, da sie unmittelbar mit Klängen der Vergangenheit zu tun hat. Denn noch heute besitze ich die vier Klangstäbe, die einst
zum Schlagwerk einer hohen, etwas düsteren Standuhr aus dem Besitz meiner Großeltern gehörten. Da sie irgendwann nicht mehr funktionierte und sich vielleicht
auch nicht mehr reparieren ließ, hatte mein Vater das Uhrwerk erneuert und, seiner Gewohnheit gemäß, alle ausgedienten Einzelteile aufbewahrt. Die Klangstäbe mit dem
zugehörigen Hammerwerk schenkte er mir jedoch, als wir bei der Suche nach Anderem einmal auf sie stießen und ich mein Gefallen an ihnen äußerte. Später baute
ich diese Klänge in eine kleine Gelegenheitskomposition ein, die ich »Metallspiele« nannte und an anderer Stelle ausführlicher beschrieben habe.
Doch nicht von dieser Standuhr, sondern von einer anderen, kleineren und wohl auch älteren Uhr des Großvaters soll hier noch die Rede sein, einer solchen, wie man sie
früher in bürgerlichen Salons gerne auf Konsolen, Vertikos oder Kommoden platzierte. Für Karl Henck war sie ein Erinnerungsstück aus England, wo er im Ersten Weltkrieg
längere Zeit in einem Internierungslager auf der Isle of Man verbracht hatte – ein Umstand, dem er vielleicht sein Leben verdankte. Auf Grund seiner Ausbildung und
englischen Sprachkenntnisse war er hier bereits als Zahnarzt tätig geworden und hatte Zuneigung zu den Briten und der ihnen eigentümlichen Lebensart entwickelt. Die Uhr
besaß ein schönes dunkelbraun gebeiztes Holzgehäuse, klassisch streng und ohne Zierrat, und schlug zu jeder Viertelstunde: erst vier, dann acht, dann zwölf, und
schließlich alle sechzehn Töne der Melodie des berühmten Glockenspiels von Westminster, worauf zur vollen Stunde eine entsprechende Anzahl vierstimmiger
Akkorde folgte. Das Zifferblatt lag hinter einem gläsernen Türchen, das man zum Aufziehen der Federwerke von Uhr und Glockenspiel öffnen konnte, und die
Rückwand war mit einem stoffbespannten Türchen versehen, um die Klänge besser aus dem Gehäuse zu entlassen. Hier war auch der gesamte Mechanismus sichtbar und
Wartungen zugänglich. Kam es zum Glockenschlag, begann es in dem Räderwerk verheißungsvoll zu summen und zu schnurren, und dann holten die lederbezogenen
Hämmerchen einer nach dem anderen aus und klopften an die Metallstäbe. Diese steckten in einem eisernen Sockel, der ihre Schwingungen auf das Gehäuse übertrug.
Es war ein reiner, voller und doch silberheller Klang, der nichts mehr von der Wucht und Geschichtsträchtigkeit des Londoner Vorbilds hatte. Diese Uhr war noch zu
Lebzeiten von Karl Henck, warum auch immer, an meinen Vater gekommen und war am Boden eines Kleiderschranks abgestellt worden, wo sie allmählich in Vergessenheit
geriet. Doch in der Nacht im Jahre 1955, als Karl Henck starb, soll diese Uhr, die schon lange nicht mehr aufgezogen worden war, plötzlich angeschlagen haben. Und da
es zu töricht wäre, eine solche Geschichte ohne Not zu erfinden, denke ich, dass ihr ein wahrer Kern innewohnt; die Deutung der Ereignisse sei natürlich dahingestellt.
Drittes Kapitel Meine Mutter
Irmgard Maria Elisabeth Franziska Henck; ihr Mädchennamen lautete Christel. Sie wurde am 26. Januar 1925 in Treysa geboren und starb am 20. Februar 1966 in
Mannheim. Sie hatte keine Geschwister. Ihr Vater war Karl Christel (1899–1983), Wirt der Bahnhofsgaststätte in Treysa in zweiter Generation; sein Vater, ebenfalls Karl
mit Vornamen, war unter anderem Kellner im Londoner Crystal Palace gewesen, wo er einmal den Schah von Persien so vorbildlich bedient haben soll, dass dieser ihm eine
Krawattennadel mit Diamant schenkte. Er ging gerne zur Jagd. Die Mutter meiner Mutter hieß Änne Christel, geborene Linker. Sie lebte von 1904 bis 1951. Ihre Eltern
waren Karl und Elisabeth Linker; Karl von Beruf Schmied, anfangs auch Hufschmied; später stellte er seine Werkstatt auf Autos um und baute eine Tankstelle. Beide
Urgroßeltern, an die ich mich noch gut erinnern kann, müssen in den fünfziger Jahren in hohem Alter verstorben sein.
Vergleiche ich, wie viele Bücher und Notendrucke ich jedem Elternteil verdanke, überwiegt das aus dem Besitz meiner Mutter Stammende erheblich. Auch wenn man
jene Flötennoten meines Vaters hinzunimmt, die nicht wie die meisten anderen Notenbestände in meinen Besitz übergegangen sind, hatte meine Mutter eine ungleich
größere Anzahl von Musikalien angeschafft. Manches darunter mag ihr auch von ihrem Vater geschenkt worden sein, der gelegentlich nach Kassel fuhr und ihr dann das ein
oder andere mitbrachte. (In Treysa war dergleichen natürlich nicht erhältlich.) Sein Lieblingslied war jedenfalls das anrührende »Ännchen von Tharau« von Simon Dach,
das Friedrich Silcher später vertonte, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass der Vorname seiner ersten Frau Änne eine gewisse Rolle bei dieser Wahl gespielt haben mag.
Auch von meiner Mutter habe ich Schriften über Richard Wagner, so zum einen Eugen Schmitz’ Buch »Richard Wagner«, auf dessen Rückseite des Titelblatts handschriftlich
»Irmgard Christel, Treysa« steht und über dessen Vorwort sie mit Bleistift geschrieben hat: »Was deutsches Land heißt, stelle Kämpferscharen – Dann schmähet niemand
mehr das Deutsche Reich!« Hier handelt es sich um ein unwesentlich abgewandeltes Zitat vom Beginn des »Lohengrin«, das meine Mutter vermutlich Curt Zimmermanns
Broschüre »Richard Wagner, Leben und Werk« von 1941 entnahm, die ihr ebenfalls gehörte. Ich war ziemlich überrascht, als ich diesen Eintrag zum ersten Mal las, denn
ich habe meine Mutter kaum einmal ein Wort äußern hören, das sich konkret politisch, geschweige denn propagandistisch hätte deuten lassen. (Beide meine Eltern waren mit
allen Äußerungen, die die Politik betrafen, geradezu schamhaft verschwiegen, und der Begriff der »Partei« war offenbar noch so stark von den Erfahrungen des Dritten
Reichs belastet, dass sie lebenslang ein Hehl daraus machten, wem sie bei Wahlen ihre Stimme gegeben hatten und nur in Andeutungen darüber sprachen.) Ein weiterer
Druck, der unter anderem von Wagner handelte und den meine Mutter mit »2. Febr. 1941« datierte, war das Buch »Deutsche Meister« von Peter Raabe, dem 1935
ernannten Nachfolger von Richard Strauss im Amt des Präsidenten der Reichsmusikkammer.
Am deutlichsten lassen drei Notenhefte, in die sie Übungsaufgaben eintrug, die Absicht erkennen, sich später vielleicht beruflich, wahrscheinlich als Klavierlehrerin der Musik
zuzuwenden. Eigentlich sind es nur zwei Hefte, denn von dem dritten ist nur der Umschlag mit dem Titelschildchen »Irmgard Christel. Konservatorium« übrig. Die
beiden anderen Hefte tragen beide neben ihrem Namen die Aufschrift »Harmonielehre«. Das erste zeigt Datierungen zwischen dem 28. August 1941 und
dem 13. Januar 1942, das zweite zwischen dem 17. Februar und dem 21. April 1942. Als Kind übte ich auf einer freien Seite des letzteren Heftes, vermutlich in Ermangelung
eines eigenen, das Notenschreiben und fügte meinen Namen auf dem Umschlag hinzu.
Meine Mutter ging somit zumindest in den Jahren 1941/42 auf das erst im Herbst 1939 gegründete Kasseler Konservatorium zum Unterricht, wohin sie von Treysa aus stets
mit der Bahn fuhr (sie wohnte ja im Bahnhof). Dieser Zeitpunkt wird durch die wenigen Datierungen in ihren Musikbüchern und Noten bestätigt, die zwischen dem 7.
November 1940, als sie noch nicht ganz sechzehn Jahre alt war, und dem 2. Juli 1941 liegen. Ganz unbedenklich waren diese Fahrten nach Kassel sicher nicht, denn man war
im Krieg, und Züge wie Bahnstrecken galten als strategisch bevorzugte Ziele von Tiefflieger-Angriffen. Im Juli 1940 hatte es schon einen ersten Bombenangriff auf den
Kassel-Waldauer Flugplatz gegeben, im September des Jahres darauf den ersten Großangriff.
Neben den genannten Notenheften hat sich auch ein umschlagloses Oktavheftchen erhalten, dessen vierunddreißig Seiten sämtlich von meiner Mutter in ihrer rundlichen
deutschen Schrift erst mit Bleistift, dann mit Tinte beschrieben sind. Als Überschrift oder Randnotiz fügte sie in die Kopfzeile der ersten Seite ein »Artikel: Neue Bahnen«,
womit jener Aufsatz »Neue Bahnen« in der Leipziger »Neuen Zeitschrift für Musik« vom 28. Oktober 1853 gemeint sein muss, mit dem Robert Schumann den jungen
Brahms der Musikwelt als neu aufsteigenden Stern am Komponistenhimmel vorstellte. Brahms steht im Folgenden fast immer im Mittelpunkt, wobei biographische
Stichwörter, Werkübersichten, Erklärungen von Fremdwörtern oder mythologischen Figuren, gelegentlich Zeilen aus vertonten Gedichten und anderes zusammengetragen oder exzerpiert wurden.
Manche Informationen wiederholen sich mehrfach, was sich als Hinweis auf häufigere Unterbrechungen deuten lässt. Josef Joachims Name ist zweimal mit dem
eingeklammerten Vermerk »Jude!« versehen, und auch sonst werden rassische Merkmale der Komponisten festgehalten. An zwei Stellen finden sich Datierungen: »26.
I. 43« (Irmgards 18. Geburtstag) und »16. II. 43«, Tage düsterster deutscher Geschichte: die Monate der »totalen Mobilmachung«, des Untergangs der 6. Armee,
der Kapitulation von Stalingrad, der Ausrufung des »totalen Kriegs« durch Goebbels im Berliner Sportpalast.
Und dann sind da noch jene »5 Clavierstücke« von Schubert, die mein Vater Helmut seiner Braut Irmgard mit einer Widmung versehen zum Weihnachtsfest 1943 schenkte.
Das Paar trug seit dem Osterfest dieses Jahres die Verlobungsringe mit der Namensgravur des Partners, mein Vater, Sanitäts-Unteroffizier in einer Studenten-
Kompagnie, war an der Front gewesen und setzte sein Studium in Marburg fort, wo in seiner Abwesenheit ein Blindgänger mitten durch seinen Schreibtisch
geschlagen war. Für sie beide, die in Kassel ihre gemeinsame musikalische Heimat hatten, wo auch Freunde und selbst einige Verwandte lebten, wo das stattfand, an dem
man sich lieber orientierte und bildete als an dem Geschehen in der großen, fernen Reichshauptstadt Berlin, muss dies ein sehr bedrückendes Christfest gewesen sein,
denn Kassel war zwei Monate zuvor, am 22. Oktober 1943, einem Freitag-Abend, mit über vierhunderttausend Bomben – die genaue Zahl ist von britischer Seite verbürgt
– vernichtet worden. Der Begriff des Christbaums, wie im Volksmund die Leuchtbomben hießen, hatte einen makabren Nebensinn erhalten. »Kassel ist nicht
mehr«, notierte ein Luftwaffenhelfer, der am nächsten Tag durch die rauchenden Trümmer der Stadt ging, in sein Tagebuch. An die zehntausend Menschen waren bei
dem Luftangriff ums Leben gekommen, und man hatte den Feuerschein des Infernos, das in weniger als einer Dreiviertelstunde entfacht und nach sieben Tagen noch immer
nicht ganz gelöscht war, bis in eine Entfernung von einhundert Kilometern beobachtet. Auch in Treysa, erzählte man mir schon als Kind, war, »als Kassel brannte«, der
gespenstisch rote Schein im Nordosten in Richtung Allendorf und Fritzlar am Nachthimmel zu sehen gewesen.
Dass nun auch alle Hoffnungen begraben werden konnten, weiterhin nach Kassel zu fahren und den bereits im Krieg aufgenommenen Musikunterricht fortzusetzen, versteht
sich von selbst. Darüber hinaus gab es Unmengen von Arbeit zu Hause. Die Züge, sofern sie noch fuhren, und die Bahnhöfe, sofern sie noch standen, wurden von
abertausend Obdachloser und Flüchtender übervölkert, so dass in der Bahnhofsgaststätte meines Großvaters Karl Christel jede helfende Hand dringend
benötigt wurde und an Harmonielehre, Tonsatz, Klavier- und Flötenspiel vorerst nicht zu denken war. Ein vom Deutschen Sängerbund herausgegebenes Liederbuch für
Frauenchor, das meine Mutter aus dem Konservatorium entliehen hatte – es trägt fünf Stempel der Einrichtung –, blieb in ihrem Besitz und liegt heute vor mir. Wem hätte sie
es zurückgeben sollen? Gab es noch die Bibliothek, der es gehörte, lebte noch jemand, der es hätte entgegennehmen können, gab es noch ein »Konservatorium und
Musikseminar der Stadt Kassel«, ja gab es überhaupt noch eine Kölnische Straße, in der dieses einst als Nr. 36 gestanden hatte? 1944 heirateten meine Eltern, und mein
Vater reichte seine Doktorarbeit mit dem Thema »Muskelphysiologische Untersuchungen über die Wirkung des Thermothyrins« ein. Ende 1944 wurde meine
Mutter schwanger, im Juli 1945, der Krieg war erst elf Wochen vorbei, kam meine Schwester Edith zur Welt.
In Treysa selbst war nur eine einzige Bombe gefallen, deren Abwurf man zwar beobachtet hatte, die aber nicht detoniert war. Da man den Blindgänger auch nach
langer Suche nicht finden konnte, wusste man sich schließlich keinen anderen Rat, als einen Hellseher zu befragen. Dieser nahm sich der Sache an, ließ sich Landkarten
zeigen, verglich die Berichte der Augenzeugen und erklärte dann wirklich hellsichtig, man solle in der Schwalm, in dem durch Treysa ziehenden Flüsschen, suchen. Man wurde fündig.
Meine Mutter hatte bei Otto Kuwilsky ihren ersten Klavierunterricht bekommen, und vermutlich war er es gewesen, der sie bewogen hatte, zur Fortbildung nach Kassel ans
dortige Konservatorium zu gehen. Kuwilsky unterrichtete seit Mitte der zwanziger Jahre als Musiklehrer an der Volksschule in Treysa und wechselte in den fünfziger
Jahren an die Oberschule, die heutige Schwalmschule. Er baute ein Laienorchester (Collegium musicum) und einen Chor auf, mit denen er 1954 gar Bachs
Johannespassion zur Aufführung brachte. Heute erinnert in einem Treysaer Neubauviertel eine Straße an Kuwilskys Wirken. Sie führt im Halbrund beidseitig auf
die Ernst-Hohmeyer-Straße, die nach dem beliebten Nachkriegsbürgermeister benannt ist, an den selbst ich mich aus Kindertagen noch erinnere und mit dessen Tochter
Annemarie meine Schwester befreundet war (der Sohn wurde später Mitarbeiter beim Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«); und zwischen beiden verläuft die Alfred-Giebel-
Straße zum Andenken an jenen viele Jahrzehnte in Treysa tätigen Pfarrer, der meine Mutter taufte, konfirmierte und schließlich auch zur letzten Ruhe geleitete.
Einer der Kasseler Lehrer meiner Mutter war der Staatliche Musikdirektor Karl Hallwachs, der zugleich am Konservatorium arbeitete, vermutlich ein Verwandter,
vielleicht der Großvater oder Urgroßvater des jetzt häufiger im Fernsehen zu sehenden Schauspielers und Rezitators Hans-Peter Hallwachs. Die physiognomische Ähnlichkeit
ist, wie ich finde, deutlich. Karl Hallwachs war ursprünglich Dirigent und Komponist gewesen und hatte dem engeren Kreis um Stefan George angehört, während seine
Vorfahren mit Goethe verkehrten. Hallwachs muss, als meine Mutter Unterricht bei ihm erhielt, schon in höherem Alter gestanden haben, denn er wurde 1868 in Darmstadt
geboren und starb im August 1959, im einundneunzigsten Lebensjahr, in Kassel. Nach dem Krieg wohnte er, wie ich erst durch ein Telefonat im März 2006 erfuhr, eine
Zeitlang in Treysa, da er vielleicht in Kassel ausgebombt worden war. Einmal besuchte er sogar unsere Familie; aber wann genau das war, weiß ich nicht anzugeben, und
erinnern kann ich mich auch nicht an ihn. Es gab aber ein Gästebuch, in das er sich eingetragen und seine Worte durch einige Noten illustriert hatte. Ich blätterte manches
Mal in dem schweinslederen Band, der in den siebziger Jahren unter mysteriösen Umständen verloren ging. Der Name Karl Hallwachs, der mir später in einigen älteren
Musiklexika wiederbegegnete, stand jedenfalls in allerhöchsten Ehren, und man war sich der Auszeichnung wohl bewusst, die sein Besuch bedeutet hatte.
Ein anderes, jedoch auch heute noch vorhandenes Gästebuch, in dem sich Karl Hallwachs ebenfalls eintrug, soll bei dieser Gelegenheit erwähnt werden. Es ist das
Gästebuch des einst in der Treysaer Burggasse gelegenen »Hotels zur Burg«, das vormals »Hainer Hof« hieß, da Grundstück und Gebäude ursprünglich dem Kloster
Haina bei Frankenberg gehörten. Dieses Buch jedoch enthält nicht nur den doppelseitigen, nach Schwälmer Art in kräftigen, bunten Farben mit vielerlei Blüten,
Blumen, Ranken, Schmetterlingen, Vögeln und Herzen von H. Kissel umrahmten Eintrag zu Karl Hallwachs’ achtzigstem Geburtstag am 15. September 1948, sondern
gleichermaßen auch Worte des Dankes meiner Eltern, ein Gedicht und Zeichnungen von Fritz Henck, dem »Onkel Fritz«, sowie selbst noch Unterschriften von meiner
Schwester und mir, als wir im August 1956 von Sinsheim aus nach Treysa fuhren, die Ferien in der alten Heimat verbrachten und im Hotel zur Burg wohnten. Hans-Joachim
Petri (»Jochen«), der Sohn des früheren Hotelbesitzers Franz Petri, machte mir die Freude, all diese Seiten einzuscannen und mir die Bilder im Oktober 2008 auf einer
CD-ROM zu schicken, Dinge, die über ein halbes Jahrhundert zurückliegen, von denen ich entweder gar nichts wusste oder die mir ansonsten unweigerlich und
unwiederbringlich entfallen wären. Zu Karl Hallwachs sei noch angemerkt, dass er auch in diesem Gästebuch der Petris Noten festhielt, und zwar das Lied »Die Landschaft der
Schwalm« aus seinem Zyklus »Bilder der Schwalm« für Singstimmen und Orchester Op. 56, »geschrieben 1945 im Hainer Hof«.
Damit zurück zu meiner Mutter. Unser Klavier war von dem Vater meiner Mutter etwa 1937 oder 1938 in Kassel erworben worden. Es war ein Fabrikat der dort ansässigen
Firma Carl Scheel und war im Pianohaus Neumeyer gekauft. Dieses Klavier wurde jenes, auf dem ich Klavier spielen lernte. Ich verschenkte es in Stuttgart Anfang der
siebziger Jahre an Nachbarn, da ich für das inzwischen völlig abgenutzte und dringend reparaturbedürftige Instrument kein Geld mehr nehmen wollte und ein Transport in
meine Kölner Wohnung zu teuer war. Fast alle Teile der Mechanik, besonders die Hämmer, waren in hohem Maße abgespielt, und die Messingzunge des Fortepedals
war durch die jahrzehntelange Reibung am Leder der Schuhsohlen um ein gutes Stück verkürzt. Am schönsten war noch das haselnussbraune Holzfurnier. Zu meinem großen
Bedauern reichte das Instrument nur bis zum viergestrichenen A, was mir erstmals bei Brahms’ zweitem Klavierkonzert, in dessen langsamem Satz ein viergestrichenes Ais
vorgeschrieben ist, als Manko auffiel. Ob es ein gutes oder nur mittelmäßiges Instrument war, vermag ich nicht mehr zu sagen, denn da ich mit seinem Klang
aufwuchs und ihn vermutlich noch vor meiner Geburt kennen lernte, war er mir so vertraut, so eins mit mir wie der Klang der eigenen Stimme oder Sprache.
In den frühen siebziger Jahren nahm ich einen Super-8-mm-Kurzfilm auf, in dem ich die vielen Möglichkeiten einer neuen Filmausrüstung meines Vaters ausprobierte, und
wählte als Titel und Thema »Das Klavier«. Dieser (noch erhaltene) Film macht unser altes Kasseler Scheel-Klavier zum Hauptdarsteller. Im Verlauf der nur wenige Minuten
dauernden Spielzeit wird das Instrument gleichsam von Geisterhand auseinander genommen, wie ein Christbaum mit Lametta und bunten Kugeln geschmückt und dann
wieder zusammengesetzt. Zum Schluss sah man den dreibeinigen lederbezogenen Klavierhocker vor dem Instrument stehen, der Sitz wirbelte herunter, und dann saß ich
selbst urplötzlich darauf, um einen kräftigen Schlussakkord anzuschlagen. Es war reine Spielerei, nur dem privaten Vergnügen zugedacht, kein Film mit der Ambition, »Kunst« zu sein.
Auch dieses Klavier hatte den Krieg miterlebt und war nicht ganz ungeschoren davongekommen. Als nämlich 1945 die amerikanischen Soldaten das hessische Land
in Besitz nahmen, rückten sie auch in Treysa und der Bahnhofsgaststätte meines Großvaters ein. Nun stand das Klavier zwar in einem der hinteren, privaten Zimmer,
doch auch diese wurden, wie alle anderen Räume, nach Brauchbarem, nach Waffen, Alkohol, Andenken oder was auch immer durchsucht. Die Soldaten, vermutlich
betrunken, randalierten, genossen ihre Macht und feierten ausgelassen ihren Sieg, und auf dem Höhepunkt des Geschehens erklomm einer das Klavier und trampelte mit den
Schuhen auf den Tasten herum. Mein Großvater, ein hagerer, eher schwächlicher Mann, der gewöhnlich zurückhaltend, selbstbeherrscht und friedfertig war, nie trank,
gleichwohl gelegentlich zum Jähzorn neigte, geriet bei diesem Anblick so außer sich, dass er den Mann am Kragen packte, schüttelte, mit seinen Augen erstach und
hinauswarf. Die Meute war eingeschüchtert und zog ab. Zum Glück blieb der Vorfall, der schlimm hätte ausgehen können, ohne Nachspiel.
Von meiner Mutter lernte ich, noch ohne Noten zu kennen, Klavier spielen, und spätestens im Alter von sechs Jahren konnte ich Schumanns »Fröhlichen Landmann«
so gut nach dem Gehör wiedergeben, dass ich einmal den »alten Noll«, einen Steinmetz aus der Nachbarschaft, dessen Grabstein-Werkstatt in der Alten Postgasse ich
zeitweise täglich besuchte, in unsere Wohnung holte und ihm das Stückchen zum Besten gab. Ich hörte als Kind viel Radio, war beglückt, die Melodie des
»Gemeinsamen Wegs«, einer sonntäglichen Sendung über die Heimatvertriebenen, wiederzuerkennen, schnappte manches auf und amüsierte die Kundschaft des Friseurs
mit meiner Gesangsdarbietung von Vico Torrianis Schlager »Bravo, bravo, beinah’ wie Caruso« – da ich mich schämte, versteckt aus einem Winkel des Ladens heraus.
Verständnislos lauschte ich den täglich verlesenen endlosen Namenlisten der Vermisstensuche, hörte auch, ohne es zu wissen, erstmals elektronische Musik in Form
jenes Pausenzeichens von Hermann Heiß, das seit dem 1. Mai 1955 im Hessischen Rundfunk, unserem Haussender, erklang.
Noten lernte ich erst in Sinsheim an der Elsenz (ab 1955), wo ich dann, gleich meiner Schwester, regelmäßig Klavierstunden bei einer älteren Dame namens Tautz erhielt, die
ihren Mann im Krieg verloren hatte, vielleicht schon im Ersten Weltkrieg. Ihre Einrichtung wirkte auf uns Kinder sehr altmodisch und düster, denn überall gab es nur
dunkle verschnörkelte Möbel, Spitzendeckchen und Vitrinen. Sie war indes freundlich und alles andere als streng, und geduldig erklärte sie mir die verschiedenen Dauern der
Notenwerte durch die Vorstellung einer Tafel Schokolade, die man in zwei Hälften, vier Viertel usw. zerbricht. Als Unterrichtsbuch diente uns zunächst die Klavierschule
von Gustav Damm, die ich heute noch aufbewahre.
Auch wenn meine Mutter immer weniger spielte, setzte sie sich in den Mannheimer Jahren noch gelegentlich eine Stunde ans Klavier und nahm sich ein Notenheft vor oder
spielte auch auswendig. Insbesondere sind mir Schuberts »Impromptus« und »Moments Musicaux« in Erinnerung, unter diesen wiederum das in As-Dur notierte,
aber in As-Moll beginnende Impromptu aus op. 90. Dieses war eines ihrer Lieblingsstücke, und bis heute kann ich das Stück nicht spielen oder hören, ohne an sie
und die letzten Mannheimer Jahre denken zu müssen, in denen sich die Wolken über unserer Familie immer bedrohlicher zusammenzogen, in denen die Spannungen und
Aggressionen ins Unerträgliche wuchsen und die Scheidung meiner Eltern anstand, wäre nicht meine Mutter erkrankt und schließlich qualvoll gestorben. Ich kann mich bis
heute von diesen Erfahrungen und Erinnerungen nicht lösen, und wenn ich auch diese späten Schubert-Werke mit als das Schönste empfinde, was es an Musik überhaupt
gibt, so möchte ich sie dieser Erinnerungen wegen nicht selbst spielen, denn es würde unweigerlich die Vergangenheit zu lebendig und mich zu traurig machen.
Sehe ich die Noten meiner Mutter systematisch durch, teilen sie sich deutlich in zwei Hälften: eine mit sogenannter ernster und eine mit zur Unterhaltung bestimmter Musik.
Die »ernste« Musik besteht zumeist aus den üblichen Klassikerausgaben, die bei Peters, Breitkopf oder Schott erschienen waren; das zwanzigste Jahrhundert ist durch
Max Reger, Amin Knab, Joseph Haas und Gustav Adolf Schlemm vertreten. Zwischen ernster und unterhaltender Musik neigen die ebenfalls vertretene Salon- und
Operettenmusik, die Potpourris und Arrangements einmal der einen, einmal der anderen Richtung zu. Mengenmäßig kommt die zweite Hälfte der ersten fast gleich.
Sehenswert sind die Illustrationen auf den Umschlägen letzterer Noten, oft gekonnte, mit geübter Hand hingeworfene Plakatkunst, die etwas vom Stil dieser Epoche festhält
und nichts als gute Laune, Vergnügen, Sanges- und Tanzeslust versprühen möchte. Häufig handelt es sich um Sammelalben, die in vielbändigen Reihen vereint waren. Ihre
Titel lauten etwa: »Film- und Tanzmusik«, »Lachende Musik«, »Musik für dich (Die neuesten Tonfilm- und Tanzschlager)«, »Zum 5 Uhr-Tee«, »Musik zum Tanz«.
Tanzende Paare sind da zumeist auch zu sehen, feine, befrackte Herren mit Nelke im Knopfloch, in deren Armen sich vornehme junge Damen in wallenden, tief
ausgeschnittenen Abendkleidern wiegen. Man meint, ihr süßes Parfum zu riechen. Eine Welt, eine unverbrüchlich heile, luxuriöse Welt, in die sich des Bahnhofswirts sein
Töchterlein Irmgard, der »kesse Käfer«, wie ein Nazi-Bonze sie einmal vor versammelter Mannschaft beschämte, ungehindert am Klavier einträumen durfte.
Der Alltag sah wohl anders aus, auch wenn ich dies zum Teil nur aus Sekundärquellen erschließen kann. Sicher weiß ich, dass meine Mutter dem »Bund Deutscher Mädel«,
der Pflichtorganisation aller vierzehn- bis achtzehnjährigen Mädchen, angehörte; zuvor war sie altersgemäß vermutlich schon Mitglied des »Bundes Deutscher Jungmädel«
gewesen, in dem Mädchen zwischen zehn und vierzehn Jahren organisiert waren. Der Wechsel von der einen zur anderen Gruppierung müsste 1939 für sie stattgefunden
haben. Ihr Vermerk »Übung mit 2 Keulen« in einem Heft mit Kindertänzen lässt auf die Art gymnastischer Schulung schließen, die seinerzeit in großem Stil gepflegt wurde. Seit
1937 wurden alle Schüler zu Sammlungen herangezogen, die vorrangig der Wiederverwertung von Rohstoffen dienten. Zunächst waren es Kastanien, dann
Altpapier, Altmetall und schließlich Knochen, die man zur Gewinnung tierischer Fette und zur Seifenherstellung benötigte. Im Schuljahr 1938/39 sammelte jeder Schüler
Treysas im Durchschnitt fast achtzehn Kilogramm Knochen, womit man sich an die Spitze des Bezirkes setzte.
Noch zwei Dokumente in der Handschrift meiner Mutter besitze ich, beide stammen aus ihrem letzten halben Lebensjahr, wobei das zweite, unmittelbar vor ihrem
Krankenhaus-Aufenthalt geschriebene, die zu erledigenden Lebensmitteleinkäufe für die kommenden Tage und die Verhaltensmaßregeln für meine Schwester und mich in
der Zeit ihrer bevorstehenden Abwesenheit gibt. Das erste, etwas frühere Dokument ist ein in der Mitte gefaltetes Stückchen grauer Karton, nicht ganz so groß wie eine
Postkarte, auf dem mit rotem Kugelschreiber geschrieben steht: »Opus 3 – Richard Strauß – Gut!« Sie hatte die Musik, die »Fünf kleinen Stücke für Klavier«, damals im
Radio gehört; die Musik hatte ihr gefallen, und in dem Wunsch, sie mir zu empfehlen, hatte sie die Notiz schnell angelegt. Ich kenne die Stücke bis heute nicht und werde
auch nicht versuchen, sie kennen zu lernen, denn sie würden mich, ähnlich den Schubertschen Werken, von denen ich früher sprach, immer wieder neu und ob ich es
wollte oder nicht in die Mannheimer Vergangenheit zurückholen.
Von den Noten meiner Mutter machte ich von früh an regen Gebrauch, wenn es bei manchen Ausgaben auch nur bei einem bewundernd kopfschüttelnden Durchblättern
blieb wie im Falle des ersten Bandes der Beethoven-Sonaten oder besonders des zweiten Bandes des »Wohltemperierten Klaviers« (beide ergänzenden Hälften erwarb
ich erst später), denn mir war unvorstellbar, wie man etwas so Schweres je lernen und spielen könne. Es war noch jenseits meines Fassungsvermögens. Einen guten Schritt
weiter war ich gekommen, als im Radio Elly Ney, deren Name ich oft hatte nennen hören, Beethovens Es-Dur-Sonate op. 7 spielte und ich plötzlich die Noten ohne
größere Schwierigkeiten mitzulesen imstande war.
Erst im Mitlesen, welches von nun an das Hören immer häufiger begleitete, erschloss sich mir vieles an kompositorischen Zusammenhängen, und mein Sinn für die
interpretatorische Eigenheit der Musiker wurde zugleich geweckt. Für die Tanz- und Operettennoten und alle andere unterhaltende Musik interessierte ich mich in meiner
Jugend fast gar nicht, und das einzige Stück dieser Art, das ich eine Zeitlang spielte, war Kurt Noacks »Heinzelmännchens Wachparade«. Als ich meiner Lehrerin Doris
Rothmund, die von recht impulsivem Temperament war, davon erzählte, malten sich unverzüglich Entsetzen und höchste Besorgnis auf ihrem Gesicht, und sie machte mir
lange Vorhaltungen, wie verpönt am Konservatorium gerade dieses Stück sei, dass es ja fast schon zu den fürchterlichen »Schlagern« gehöre und Musik dieser Art überhaupt
den Anschlag verdürbe. Ich übertreibe nicht.
Die Musikbücher meiner Eltern benutzte ich erst, als ich mich im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren heftig für Gustav Mahler begeisterte, ständig die Programm-
Zeitschriften nach kommenden Rundfunksendungen seiner sinfonischen Werke durchforstete, immer wieder die Partituren aus dem Mannheimer Dalberghaus,
in dem die Städtische Musikbücherei untergebracht war, entlieh und später auch regelmäßig Klassenkameraden und -kameradinnen mit in die dortigen Abhörkabinen
schleppte, um sie am Erlebnis dieser wunderbar leidenschaftlichen Musik teilhaben zu lassen. Als wir nach Stuttgart umzogen, setzte ich diese Tradition im dortigen
Wilhelms-Palais fort. Auch meinen Vater drängte ich, nicht ohne Erfolg, zum Hören von Mahlers Werken, wobei auch er gerne eine Partitur zum Mitlesen gebrauchte;
später begleitete er mich gelegentlich gar zu Mahler-Konzerten in die Stuttgarter Liederhalle.
Diese Musik enthüllte alles, was ich damals empfand. Die Zweite Symphonie erschütterte mich so sehr, dass ich eine Zeitlang ernstlich erwog, unser schweres
Tonbandgerät irgendwie auf dem Gepäckträger meines Fahrrads zu meiner Mutter ins Krankenhaus zu transportieren, damit auch sie diese Musik kennen lerne. Da in den
Schluss-Chören jedoch so deutlich vom Sterben und von der Auferstehung die Rede war und sich dieses inmitten all der unbarmherzigen Lügen, Verharmlosungen und
Beschönigungen als ein versteckter Hinweis auf die wahre Natur ihres Leidens und ihren nahenden Tod hätte deuten lassen, ließ ich den Plan widerstrebend fallen. Ich las
alles über Mahler, was mir in die Hände kam, und so konsultierte ich auch die Bücher meiner Eltern. Wie groß war aber mein Erstaunen, etwa in Otto Schumanns
»Geschichte der deutschen Musik« (1940) Sätze wie diesen zu lesen: »Wie Mendelssohns glatte Süßlichkeit undeutsch ist, so müssen wir Mahlers überspitzte
Geistreichelei als fremd ablehnen. Erschütternd, aber auch abstoßend, wenn sich Einfühlungswille in deutsches Volkstum, jüdische Spitzfindigkeiten und vorderasiatische
Besessenheit gerade in der echt deutschen Form der großen Sinfonie zu verwirklichen und zu verbinden streben.« Ähnlich Abschätziges fand ich in Müller-Blattaus
»Geschichte der deutschen Musik« (1938). Eine artfremde Presse habe ihn sehr zu Unrecht verhimmelt, doch eine kurze Zeit der Besinnung habe genügt, nun sei sein
Schaffen in die Vergessenheit versunken. Ich ließ mich aber nicht beirren und schwärmte weiter für Mahler, denn es erschien mir völlig abwegig, einen Komponisten
nicht nach der klingenden Musik, sondern nach seiner vermeintlichen Rassereinheit zu beurteilen, und zu deutlich waren hier nicht jüdische, sondern deutsche Spitzfindigkeiten
und nicht vorderasiatische, sondern abermals deutsche Besessenheit federführend.
Viertes Kapitel Schaukeln und Hopsen
Als ich vier oder fünf Jahre alt war, gehörte ein altes mechanisches Grammophon, das inzwischen von seinen elektrischen Nachfolgern abgelöst und daher ausrangiert war, zu
meinen wertvollsten Besitztümern. Ein Federwerk, wie es sich heute noch als Antrieb in manchen einfachen Kinderspielzeugen findet, war mit einer kleinen Handkurbel vor
jeder Benutzung aufzuziehen. Schallplatten gab es auch einige, und sie wurden im Deckel des Gerätes verwahrt. Ein Metalldöschen enthielt Nadeln zum Auswechseln.
»Die Mühle im Schwarzwald« war meine Lieblingsplatte. Irgendwann, wie nicht anders zu erwarten, ging der Apparat kaputt, und da niemand das Gerät reparierte, blieb mir
nichts anderes übrig, als die Platte, die sich nun nicht mehr selbsttätig drehte, fortan mit meinem Finger auf ihrem Teller anzutreiben, wenn ich etwas hören wollte. Natürlich
klang das nicht mehr so schön wie früher, doch waren die Melodien und die Musik als solche immerhin erkennbar, und das Ding bereitete mir noch manche Freude.
Eines Tages jedoch war mein Grammophon verschwunden. Ich weiß nicht mehr, ob und wie man mir sein Verschwinden erklärte und ob ich gegebenenfalls die Gründe
einsah. Doch als ich später einen Teil seines schwarzen Gehäuses unter vielerlei demontierten Elektrogeräten wiederentdeckte, dämmerte mir, dass meine Eltern es mir
vielleicht absichtlich weggenommen hatten. Mag sein, dass sie »Die Mühle im Schwarzwald« in meiner handbetriebenen, jaulenden und eiernden Fassung einfach
nicht mehr hören mochten, mag sein, dass sie sich von einem wie immer gearteten pädagogischen Drang in ihrem Tun leiten ließen. Ich weiß es nicht, war aber damals
noch zu jung, die Zusammenhänge zu verstehen, zu jung, um nicht enttäuscht zu sein.
Doch ein ähnlicher Vorfall war dem geschilderten vorausgegangen, und auch hier wurde mir erst viele Jahre später klar, was sich eigentlich zugetragen hatte. Ich besaß
nämlich ein Schaukelhähnchen, ein aus Holz gefertigtes, bunt lackiertes Spielzeug mit runden Kufen und zwei Griffen am Kopf, auf dem ich sitzen und mich hin und her
wiegen konnte. Man kennt das von den verbreiteteren Schaukelpferden. Und auch dieses Schaukelhähnchen war eines Tages nicht mehr da gewesen. Bald darauf jedoch,
der Verlust war fast schon vergessen, entdeckte ich auf unserem Hühnerhof zwischen den Klötzen und zerkleinerten Balken des Brennholzes ein zersägtes Brett, das ich auf
Grund seiner Bemalung zweifelsfrei als zu meinem alten Schaukelhähnchen gehörig erkannte.
Heute wäre es mir natürlich ein Leichtes, von missverstandener Erziehung und verfehlten Maßnahmen, von Blindheit für die Bedürfnisse eines Kindes oder kurz von
Grausamkeit zu sprechen. Doch was und wem nützt das noch? Ohne mich allzu sehr in die Untiefen psychologischer Deutungen zu begeben, sehe ich jedoch eine Verbindung
zwischen dem zuletzt Geschilderten und dem Beginn einer motorischen Auffälligkeit in meinem Verhalten, die sich fortan über meine gesamte Jugend erstreckte und erst im
Erwachsenenalter sich legte und die, da sie unmittelbar mit Musik zu tun hatte, der eigentliche Grund ist, diese für manchen Leser vielleicht schon lächerlichen
Begebenheiten hier überhaupt zur Sprache zu bringen.
Ich entwickelte nämlich die Angewohnheit, immer dann, wenn ich Musik hörte und mich unbeobachtet glaubte, im Sitzen meinen Körper vor- und zurückzuwiegen, man
könnte auch sagen hin- und herzuschaukeln, die Hände neben den Knien beiderseits auf die Sesselkante gestützt. »Hopsen« nannte man das etwas boshaft in unserer
Familie, denn weder meinen Eltern noch meiner Schwester konnte dieses ungewöhnliche Verhalten, das alles um mich herum ausschloss, auf Dauer entgehen;
und da sie offensichtlich nicht damit umzugehen wussten, äußerten sie sich etwas abfällig darüber und stichelten. Doch ich gab nicht auf, vorerst jedenfalls nicht, auch
wenn mir selbst das Ganze mit zunehmendem Alter merkwürdig genug erschien und ich darauf achtete, wirklich alleine zu sein, sobald ich diesem fast schon autoerotischen Vergnügen nachging.
Da ich überaus gerne Musik hörte, hopste ich auch gerne. Zunächst wohl zu allem, was an Musik aus dem Radio drang; später verfeinerte sich mein Geschmack. Ich hopste
ebenso zu Beethoven und Schubert, Liszt und Schumann, Tschaikowsky, Mussorgskij und Rimskij-Korsakow, wie zu Brahms und Bruckner, Dukas und Debussy, um nur
einige meiner Lieblinge zu nennen. Was für wunderschöne Musik das alles war! Welch ein Zauber, den ich nur mit geschlossenen Augen ganz in mich aufnehmen konnte. Dazu
still zu sitzen, überstieg meine Kräfte. Ich musste mich bewegen, sitzend tanzen, tanzend sitzen, eins sein mit dem Atem der Musik, dem Puls der Klänge. Vielleicht
wollte ich zugleich auch etwas nachholen von dem, was mir an Schaukelei auf meinem Holzhähnchen entgangen war. Wem hätte ich das alles erklären sollen, da es mir selbst
ja nicht bewusst und schon gar nicht in Worte fassbar war? Am besten hopste sich jedenfalls in einem riesigen Ledersessel, der aus dem Besitz der Itals stammte und ein
Abschiedsgeschenk der Hermann-Göring-Werke war, in dessen Direktorium einer dieser Verwandten zeitweilig gearbeitet hatte. Doch hatte der Sessel in mir seinen
Meister gefunden, und über die Jahre strapazierte ich das dunkelhäutige Monster so hartnäckig, dass schließlich die Federung zu erneuern und das abgewetzte Leder durch
einen Stoffbezug zu ersetzen waren.
Selbst heute noch, nachdem sich diese »schlechte Angewohnheit« des Hopsens, dieses »Laster«, wie man mich glauben machen wollte, längst verloren hat und nur in der
Erinnerung noch lebt, kostet es mich Überwindung, darüber zu sprechen, und ich bin mir durchaus nicht sicher, ob dies ein gutes oder schlechtes Zeichen ist; vielleicht
beides. Von solch persönlichen, belastenden Erfahrungen zu berichten, über die man lange aus Scham geschwiegen hat, teils weil sie für andere zu nichtig sein mögen, teils
weil sie Anlass zu Spott und Häme sein könnten, ist immer schwierig. Gleichwohl ist oder war Verschwiegenheit und Verdrängung dessen, was uns in der Kindheit
begegnete, ja oft nur eine Form des Schutzes, der hindern soll, zu vormaligen Verletzungen und Demütigungen neue hinzutreten zu lassen. Der Zustand der
Abhängigkeit, der Wehrlosigkeit und des Ausgeliefertseins erlaubt dem Kind, will es nicht trotzen und rebellieren, oft nur den Rückzug auf sich selbst, die Wendung nach
innen, und schnell erliegt es dem Wahn, Klein- und Jungsein bedeute etwas Minderwertiges, möglichst bald zu Überwindendes. Daher bedarf es, um nicht der
eigentlichen Lust am Leben verlustig zu gehen, so notwendig der Liebe, der Anerkennung und des Verständnisses für seine Eigenheit und für sein Alter.
Doch da die meisten Menschen durchaus vergleichbare Erfahrungen gemacht haben dürften und dieses Kapitel nicht allzu ernst oder mit zu allgemeinen Betrachtungen
ausklingen soll, sei noch eines anderen musikalischen Einflusses meiner Kinderzeit gedacht, wenngleich er nur von kürzerer Dauer war. Der Musikclown Grock hatte
nämlich, nachdem ich ihn im Alter von acht oder neun Jahren einmal im Fernsehen gesehen hatte, mein ganzes Herz erobert, und seine Späße verwunderten und erfreuten
mich in unvorstellbarem Maße. Offenbar hatte er eine Sprache entwickelt, die auch Kinder sofort verstanden, eine Sprache, die nicht oder kaum der Worte bedurfte – sei
es, dass er den immer wieder sich lösenden Sitz seines Klavierstuhls mit Spucke klebte, dass ihm die Klappe beim Klavierspiel auf die Hände fiel, er einen Geigenbogen
nur hinter einem Vorhang halb verborgen, nie jedoch direkt vor dem Publikum wieder auffangen konnte oder er seine Geige verkehrt herum hielt und sich über den Verbleib
der Saiten wunderte. Alle diese und andere Späße ahmte ich nach, soweit es mit meinen einfachen Mitteln möglich war, gelegentlich zum leichten Entsetzen meines
kleinen Publikums, das auf dergleichen Scherze nicht vorbereitet war und zunächst ein Missgeschick vermutete, wenn mir die Klavierklappe plötzlich auf die Hände schlug
oder ich mich durch meinen Sitz, den ich nach Entfernung des Polsters mit einem Tuch abgedeckt hatte, plumpsen ließ. Dass ich mich beim nächsten Karneval als Grock
schminkte und verkleidete, verstand sich von selbst. Wie es der Zufall wollte, begegneten wir Grock, der damals schon ein betagter Herr war und sich bereits von
der Bühne verabschiedet hatte, einmal im wirklichen Leben, denn wir sahen auf irgendeiner Reise ein vornehmes Auto langsam an uns vorüberfahren, auf dessen
Rücksitz wir den populären Clown erkannten. Wir winkten, und er beugte sich ans Fenster, um besser sehen zu können, und winkte freundlich zurück. Ich war wie aus dem Häuschen.
Deinstedt, 2001–2008
Erste Eingabe ins Internet: 9. Juni 2003; diverse Ergänzungen Letzte Änderung: Sonntag, 12. Juli 2009
© 2003-2008 Herbert Henck
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