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Sinsheim an der Elsenz
Autobiographische Studien II 1955–1959
Teil 1
von
Herbert Henck
Kapitel 1: Aus dem Leben der Anstalt (I) Kapitel 2: Im Unterschied zu Treysa
Kapitel 3: Heimweh, Wurst und Bauernmöbel Kapitel 4: Wohnverhältnisse. Die Familienkutsche Kapitel 5: Wohnverhältnisse (Forts.) Kapitel 6: In Park und Garten Kapitel 7: Aus dem Leben der Anstalt (II) Einzelne Pfleglinge Kapitel 8: Erste Schulerfahrungen Kapitel 9: Chemie (Anfang)
Erstes Kapitel Aus dem Leben der Anstalt (I)
Im Sommer 1955, bald nach meiner Einschulung, übersiedelten wir aus dem hessi- schen Treysa an der Schwalm nach Sinsheim an der Elsenz in Süddeutschland, wo
mein Vater, qualifiziert durch seine Ausbildung als Facharzt für Nerven- und Gemüts- krankheiten und seine in den Heimstätten von Hephata gesammelten Erfahrungen, die
Stelle eines Direktors der Kreispflegeanstalt übernahm. Wir wohnten hier nicht ganz vier Jahre, bevor wir Anfang 1959 nach Mannheim umzogen.
Die kleine badische Kreisstadt Sinsheim liegt etwa in der Hälfte zwischen Heidelberg und Heilbronn, und die malerisch auf einem Hügel erbaute Anstalt, deren Hauptgebäu-
de aus dem ersten Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende stammen, befand sich damals am östlichen Ausgang der Ortschaft. Am Fuße des Hügels floss stadteinwärts neben
der Hauptstraße die Elsenz, ein düsteres, totes Flüsschen, von dem sich die Pflanzen- und Tierwelt dank seiner hochgradigen Verschmutzung verabschiedet hatte. Ein schma-
ler Fußgängersteg führte auf das andere Ufer hinüber zu den Auen und Feldern des Wiesentals, über das man von der Anhöhe der Anstalt weit ins Land hinaus bis zur
fernen Ruine Steinsberg blicken konnte, deren ringsum sichtbaren Bergfried man auch den Kompass des Kraichgaus nennt.
Diese Kreispflegeanstalt diente nicht der Behandlung akut Kranker, für die es das nahe gelegene örtliche Krankenhaus gab, sondern sie war Wohn- und Heimstatt pfle-
gebedürfdürftiger und geistig behinderter erwachsener Patienten. Auch wenn eine geschlossene Abteilung vorhanden war, so habe ich diese nie betreten und erfuhr nicht
einmal, in welchem Gebäude sie untergebracht war. Die Pfleglinge und Patienten lebten möglichst selbständig, standen aber stets unter ärztlicher Aufsicht und wurden von
geschultem Personal betreut. Manchen merkte man ihre diagnostizierten Sonderlich- keiten, Entwicklungs- oder Verhaltensstörungen oder wie immer man es nennen
mochte überhaupt nicht an, oder erst, wenn man mit ihnen sprach. Andere fielen schon von weitem durch ihre Haltung oder ihre Art zu gehen und sich zu bewegen auf. Als
Kind betrachtet man solche Eigentümlichkeiten indes mit anderen Augen und nimmt sie, ohne dabei an Krankheit zu denken, wie etwas Naturgegebenes, Selbstverständliches
an, was sicherlich nicht die schlechteste Sichtweise des allzu oft Unabänderlichen ist.
Aus Treysa, wo man den sogenannten Hephatanern, manchmal eine ganze Schar Kin- der in Begleitung eines Erwachsenen, häufiger auf der Straße begegnete, waren uns
solche Menschen durchaus bekannt, ja vertraut, und wir sahen keinen Grund, irgend Angst oder Abscheu vor ihnen zu haben. Und da uns die Eltern auch in Sinsheim den
Umgang mit den Patienten nicht untersagten oder uns vor ihnen warnten, gingen wir auf viele zu und redeten oder spielten auch mit einigen von ihnen, waren interessiert oder
gelangweilt, je nachdem, ob sie jünger oder älter, zugänglich oder zurückhaltend waren. Wir waren arglos und sahen keinen Grund zu besonderer Vorsicht, zumindest nicht
mehr als bei anderen Fremden, und erkannten kaum, in welchem Umfang diese Men- schen aus der Gesellschaft ausgegrenzt, ja ausgestoßen waren und ein Leben nach
eigenen Gesetzen führen mussten, manche darunter von klein auf. Die meisten hatten aber fast immer Zeit für uns, wenn wir sie ansprachen, und dies nahm uns bereits für sie ein.
Nur selten kam uns zu Bewusstsein, dass diese Anstalt für viele Pfleglinge die letzte Station ihres irdischen Daseins war, denn wir sahen nur jene, die ins Freie gelangten
und somit als ungefährlich, umgänglich und friedfertig betrachtet wurden. Zu den eigentlichen Häusern mit ihren Schlaf- und Aufenthaltsräumen oder den Speisesälen
hatten wir keinen Zutritt. Dasselbe galt natürlich erst recht für die Stationen mit Bett- lägerigen und allen schwereren Pflegefällen, und nur aus den leeren Infusionsflaschen,
Kanülen, Plastikschläuchen und anderem benutzten medizinischen Zubehör, das an einer stillen Ecke des kleinen Müllplatzes der Anstalt gleich neben der Kompostier-
anlage deponiert war, ließ sich erahnen, dass es hinter den ernsten Mauern und Fas- saden Bereiche gab, in denen diese Welt vielleicht noch ganz anders und weit düsterer
aussah. Starb ein Pflegling, was des öfteren vorkam, erschien eine schwarze, einspän- nige und vielfach verzierte Kutsche als Leichenwagen und überführte in langsamer und
einsamer Feierlichkeit die schon im Sarg Ruhenden aus der Anstalt zum städtischen Friedhof hinunter. Auch das Pferd trug Trauer, denn man hatte ihm eine schwarze ge-
stickte Decke über den Rücken gelegt.
Arbeitsfähige Patienten wurden nach Möglichkeit beschäftigt, wozu es in den vorhan- denen Werkstätten, in der Landwirtschaft oder der Gärtnerei mancherlei Gelegenheit
gab. Andere konnten sich in den großen, dank der vielen helfenden Hände stets mus- tergültig gepflegten Anlagen frei bewegen, spazieren gehen oder sich in eine der Lau-
ben setzen, durften das Anstaltsgelände aber nicht verlassen. An einer Pforte, die auch nachts besetzt war, wurde kontrolliert, wer Zugang hatte und wer die Anstalt verlassen
durfte. Ankömmlinge mussten läuten, und über eine Gegensprechanlage erkundigte sich der Pförtner nach den Wünschen der Besucher, telefonierte im Zweifelsfall, machte
einen Eintrag im Besucherbuch und drückte schließlich, um sich nicht jedes Mal vor- beugen zu müssen, mit einem hölzernen Lineal auf einen unter seinem Fenster gelegenen
Knopf, wodurch sich draußen das elektrische Schloss der schmiedeeisernen Tür öff- nete. Für eintreffende Fahrzeuge musste der Pförtner sein Häuschen verlassen und das Haupttor von Hand bedienen.
Je nach Art der Erkrankung und Schwere des Falles war einigen Patienten auch das Verlassen der Anstalt gestattet, und sie konnten allein oder in Begleitung in die Stadt
hinunter gehen; zu den Mahlzeiten oder spätestens am Abend erwartete man sie je- doch zurück. Gewiss waren es ärztliche Entscheidungen, die all dies regelten und ver-
antworteten. Zu den Freigängern gehörte etwa ein schon betagter Mann, den alle nur den Professor nannten, denn er sollte früher einmal Mathematikprofessor gewesen sein.
Er war schlank, ja hager, trug unabhängig von der Jahreszeit einen hellgrauen Anzug und hatte sein strähniges, gelblich-weißes Haar nach hinten gekämmt. Er war fast nur
eine Silhouette, mit der sich nicht sprechen ließ, denn Schweigen schien seine Hauptbe- schäftigung. Gleichwohl sah man ihn auf seinen Spaziergängen nie allein, sondern stets
in Begleitung einer Pflegerin oder Angehörigen. Gelegentlich bückte er sich und las eine Zigarettenkippe von der Straße auf, zerkrümelte sie und stopfte das Restchen Tabak in
eine kleine Pfeife, um es zu rauchen. Von dieser zwanghaften Angewohnheit, die offen- sichtlich Ausdruck eines Leidens war und die wohl auch keine ärztliche Kunst mehr zu
heilen vermochte, hatten sich seine Fingerspitzen im Laufe der Zeit völlig gelb gefärbt.
Was mein Vater bei seiner Bewerbung um diese Anstellung wohl nicht recht erkannt hatte (oder hatte erkennen können) und was später zunehmend Auseinandersetzungen,
ja Ärger mit den geldgebenden kommunalen Behörden verursachte, war der Umstand, dass er nicht nur die ärztliche Leitung der Einrichtung übernommen hatte, sondern sich
gleichzeitig auch um deren wirtschaftliche Belange zu kümmern hatte. Man verfügte nicht über die Mittel oder die Einsicht, vermutlich über keines von beiden, dass ein
eigener Verwaltungsdirektor die ungleich bessere Lösung gewesen wäre, und so sparte man am falschen Ende. Vorschläge, die mein Vater im wirtschaftlichen Bereich machte,
stießen oft, wie er uns freimütig wissen ließ, auf Unverständnis, ja Engstirnigkeit, und als Beispiel erzählte er wiederholt, welch harte Kritik ihm allein seine Anweisung eingetra-
gen habe, die trüben alten 15-Watt-Glühbirnen in den Anstaltstoiletten durch hellere ersetzen zu lassen. „Des goat mer noch net nunner!“ (Das geht mir noch nicht ’runter!),
zitierte er den selbstgerechten Ausspruch eines Ratsmitgliedes, dem solche Verschwen- dung nicht einleuchten wollte.
Streitigkeiten dieser Art waren meinem Vater fremd, und es hätte wohl härterer Bandagen, längerer politischer Erfahrung oder größeren diplomatischen Geschicks
bedurft, sich gegenüber der vereinten Macht des manchmal eher auf Sparsamkeit als auf das Wohl der Patienten und Pfleglinge bedachten Provinzialismus zu behaupten.
Auch die von meinem Vater angeregte Verlegung des Haupteingangs der Anstalt an eine am anderen Ende des Geländes befindliche Stelle, wo es in einer ruhigen Seiten-
straße bereits hinreichend Platz zur Einfahrt für Last- und Lieferwagen und sogar schon ein großes Tor in der Mauer gab, wurde zunächst kategorisch abgelehnt. Man wollte
unbedingt an der alten Auf- und Einfahrt festhalten, obwohl diese für größere Fahr- zeuge in zu spitzem Winkel von der Hauptstraße abzweigte; doch der höhere Reprä-
sentationswert und günstige Eindruck, den Besucher von diesem einladenden Empfang gewannen, gaben den Ausschlag, sich gegen eine Änderung zu sträuben. Nach meines
Vaters Ausscheiden verwirklichte man seinen Plan jedoch, da auf längere Sicht dessen Zweckmäßigkeit nicht zu übersehen war. Der Landrat, ein Herr Dr. Herrmann, der uns
Kindern durch eine große dunkle Hornbrille auffiel, fuhr des öfteren in seinem vorneh- men Dienstwagen mit Chauffeur vor und besuchte die Anstalt. Er hatte zunächst die
Wahl meines parteilosen Vaters begünstigt, doch scheint es später gerade mit ihm die ernstesten Meinungsverschiedenheiten gegeben zu haben, die meinen Vater schließlich
bewogen, sich nach einer anderen Anstellung umzusehen und zu kündigen.
Das Gehalt, das man meinem Vater zahlte, war nicht übermäßig hoch, doch stellte man, gewiss zu Recht, die Benutzung einer schön gelegenen, bequemen und fast schon herr-
schaftlichen Dienstwohnung und sonst mancherlei Annehmlichkeit, welche die enge Nachbarschaft zur Anstalt bot, in Rechnung. Zu diesen Vorzügen gehörten neben freier
Heizung und Warmwasserversorgung etwa, dass unsere Wäsche in der Anstaltswä- scherei gewaschen wurde und gestärkt und gebügelt ins Haus zurückgebracht wurde,
dass Maler-, Klempner-, Schreiner- oder Schusterarbeiten zügig von den Handwer- kern der Anstalt erledigt wurden oder der Anstaltsgärtner mit seinen Gehilfen auch
unseren Garten mitversorgte, soweit dies meinen Eltern erwünscht war.
Zweites Kapitel Im Unterschied zu Treysa
Der Unterschied zu Treysa war riesig, doch es gab Vor- und Nachteile. In Treysa hatten zahlreiche Verwandte beider Elternteile gewohnt – Großeltern, ja Urgroß-
eltern, viele Großtanten und Großonkels. Lebten auch nicht alle unmittelbar in Treysa, so doch zumeist in der näheren Umgebung wie in Schrecksbach, Ziegenhain, Malsfeld,
Melsungen oder Alsfeld. Die in Treysa ansässigen kamen zwanglos auf einen Sprung vorbei, unangemeldet versteht sich, je nachdem wie nah sie meinen Eltern standen.
Man machte da wenig Umstände und lud sich kurzerhand selbst. Auch Pfleglinge aus Hephata klingelten regelmäßig, nicht nur der alte stadtbekannte Friedrich, der die Ge-
burtstage aller Treysaer Einwohner auswendig wusste und pünktlich zur Gratulation erschien, um sein Stückchen Kuchen in Empfang zu nehmen. Sich andere Zahlen zu
merken, soll ihn hoffnungslos überfordert haben, und mein Vater versicherte, dass man ihm selbst einen so einfachen Auftrag wie den Einkauf von vier Heringen und drei
Brötchen nicht habe anvertrauen können, da er die Zahlen unweigerlich verwechselt hätte. Auch zu anderen Festtagen und feierlichen Anlässen soll er erschienen sein und
nicht gezögert haben, allen einen Frohen Totensonntag! zu wünschen.
Unser Fernsehapparat im Wohnzimmer, den Erzählungen meines Vaters zufolge der dritte in Treysa überhaupt, war oftmals ein beliebter Treffpunkt und Sammelplatz ge-
wesen, sei es, um 1953 an der Krönung der englischen Königin Elisabeth II. oder im Jahr darauf am Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft teilzunehmen. Zu solchen her-
ausragenden Anlässen war das Zimmer brechend voll, und besonders bei der genann- ten Fußballübertragung herrschte eine solche Hochstimmung, dass man in heller Be-
geisterung mit den Füßen in der Luft strampelte und vor Aufregung ein Sofakissen zerriss. Oder wir gingen zur Bahnhofsgaststätte meines Großvaters hinunter, wo tags-
über immer Betrieb war und ich schnell gelernt hatte, Gläser zu spülen oder Bier vom Hahn zu zapfen und den Gästen zu servieren, was mir des öfteren einen Fünfer oder
einen Groschen zur Belohnung eintrug.
Auf der Straße gab es allzeit vertraute Gesichter, denn wir mussten nur wenige Schritte die Burggasse hinaufgehen, vorbei am Hotel zur Burg, einem alten Fachwerkhaus mit
Butzenscheiben, dem Pfarrhaus und der Totenkirche mit dem Buttermilchturm, um schon in der Mitte der Stadt, auf dem Rathausplatz und am Johannisbrünnchen zu sein.
Als Kinder waren wir in der Nachbarschaft bekannt, mancherorts gern gesehen und willkommen, sofern es die Zeit erlaubte, sei es bei dem Feuerwehrmann Schuh, dem
Zahnarzt Muhl, dem Polizisten Ross oder den Steinmetzen Noll, Vater und Sohn. Wir kannten den alten Naumann, der sich immer mit stark zitternder Hand auf seinen Spa-
zierstock stützte, und die alten Kramers im Dachgeschoss unseres Hauses, die gele- gentlich von einem Kind mit Namen Heiner Besuch hatten. Zwei Schulfreundinnen
meiner Schwester kamen aus der Ascheröder Straße von jenseits der Eisenbahnlinie herüber, Renate Wetzel, die Tochter unseres ersten Schullehrers, und Annemarie
Hohmeyer, die Tochter des Bürgermeisters. Auch bei Hilde Ferber waren wir gern gesehen, soweit sie nicht gerade zu beschäftigt war. Sie wohnte direkt über uns und
führte mangels eines eigenen Anschlusses häufiger recht ausgedehnte Telefonate an unserem Apparat. (Telefone waren noch die Ausnahme, doch Ärzte besaßen natürlich
ein solches.) Sie wurde unmittelbar nach dem Krieg als erste Leiterin der Oberschule eingesetzt und unterrichtete dort in der Folge als Kunstlehrerin. In ihrer Wohnung malte
und zeichnete sie viel und arbeitete auch an großformatigen Entwürfen für Kirchenfens- ter. All dies sorgte für Abwechslung und Anregung, wehrte der Langeweile und ver-
schaffte der kindlichen Neugierde stets frische Nahrung. Ich wurde von den verschiedensten Leuten angesprochen und fand auch immer jemanden, den ich
meinerseits ansprechen konnte, so dass sich mit zunehmendem Alter ganz von selbst ein Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit einstellte.
In Sinsheim kannten wir keinen einzigen Menschen, von einem auf den anderen Tag war alles neu. Allein unser leicht hessisch gefärbtes Hochdeutsch oder, anders gesagt,
das Fehlen der breiten und etwas behäbigen badischen Aussprache wies uns schnell als Fremdlinge aus und war nicht selten unter den Gleichaltrigen Anlass spöttischer, ja
hänselnder Bemerkungen, welche die Zugewanderten ihre Unzugehörigkeit spüren ließen. Konnte ich in Treysa die neue Schule, deren erste Klasse ich nach erfolgter
Aufnahmeprüfung noch einige Wochen lang besuchte, schon von unserem Haus in der Burggasse aus am anderen Ufer der Schwalm sehen, schien sich mein jetziger Sins-
heimer Schulweg, den ich bis weit in die vierte Klasse hinein zur Sidlerschule zurückzu- legen hatte, geradezu endlos in der Länge zu ziehen. Natürlich gab es weder einen Bus
noch andere öffentliche Verkehrsmittel, und ein Fahrrad, das ich ohnedies nicht besaß, wäre auf der vielbefahrenen Hauptstraße zu gefährlich gewesen. So hatte ich stets den
Ranzen auf den Rücken und die Füße in die Hand zu nehmen, im Gepäck die Schiefer- tafel mit Tafellappen, der anfangs an einer Schnur baumelte, ein wasserdichtes Blech-
döschen für den Schwamm, ein hölzerner Griffelkasten und die bunte Fibel. Ein ein- gewickeltes Pausenbrot steckte in einem eigenen Ledertäschchen zum Umhängen, um
Tafel und Hefte nicht fettig zu machen.
Auch meiner Mutter machten die ungewohnten Entfernungen zu schaffen, denn täglich hatte sie den weiten Weg zu den Lebensmittelgeschäften in der Sinsheimer Innenstadt
zu Fuß zurückzulegen, und täglich schleppte sie die notwendigen Einkäufe für unseren vierköpfigen Haushalt in Einkaufstaschen nach Hause, nur zu selten von uns Kindern
unterstützt. Dass man sich hierfür ein billiges Fahrrad hätte zulegen können, und sei es nur, um die Taschen auf dem Rückweg daran aufzuhängen und es dann zu schieben,
oder ab und an auch unser Auto für einen Großeinkauf hätte nutzen können, kam niemandem in den Sinn. Vielleicht erschien meinen Eltern so etwas nicht standesge-
mäß, nicht passend, oder man war grundsätzlich zu ängstlich, das Thema überhaupt anzuschneiden. Meine Mutter, die keine berufliche Ausbildung genossen hatte, sich
ganz in materieller Abhängigkeit befand und ganz in den Wünschen meines Vaters aufging, fügte sich jedenfalls in ihr Schicksal, litt und schwieg. Wie so oft stellte sie
ihre eigenen Interessen hintan oder wusste sie nicht mit dem nötigen Nachdruck zu vertreten. Vielleicht schämte sie sich auch heimlich. Frau Direktor auf dem Fahrrad,
ein solches gar schiebend oder am Steuer des Autos, offenbar waren dies Bilder, die man nach außen hin nicht zu präsentieren wünschte, aus welchen Vorstellungen und
Gefühlen der Minderwertigkeit heraus auch immer.
Doch die Natur rächte sich in der Folge, denn meine Mutter, die sich mit ihren schweren Einkaufstaschen auch noch in den sich anschließenden Mannheimer Jah-
ren auf einem nicht minder weiten Weg abschleppte, entwickelte auf Grund dieser zu großen Beanspruchung ein Überbein am Handgelenk, das zunehmend schmerzte und
schließlich im Krankenhaus chirurgisch behandelt werden musste. Dass es mein Vater als Arzt freilich so weit kommen ließ und seine geschulte Beobachtungsgabe in einem
so eklatanten Fall in seiner allernächsten Umgebung versagte, kann ich bis heute nicht verstehen, wenn ich auch seine Fähigkeit kaum unterschätze, alles, was eine Störung
seiner Bequemlichkeit, seines latent tyrannischen Harmoniebedürfnisses und inneren Friedens hätte bedeuten können, so lange als irgend möglich zu verharmlosen, von sich
zu schieben, ja geflissentlich zu übersehen oder aber so gereizt und ergrimmt darauf zu reagieren, dass es geraten schien, solche Themen nicht ein zweitesmal anzuschneiden.
Sein Verfahren, den Kopf in den Sand zu stecken, bewährte sich zwar mitunter, denn manche Probleme lösen sich bekanntlich von selbst; in anderen Fällen, wie dem er-
wähnten, vergrößerte sich der Schaden gerade durch das Abwarten; die Dinge ent- glitten und übten ab einem bestimmten Punkt aus sich heraus einen Druck aus, der
schließlich zum Handeln zwang und dann nurmehr wenig Spielraum ließ.
Drittes Kapitel Heimweh, Wurst und Bauernmöbel
Trotz einer ganzen Reihe wohnlicher Verbesserungen und bislang ungeahnter Annehm- lichkeiten, die der Umzug mit sich gebracht hatte, schmerzte auch meine Eltern die Ent-
fernung von der Heimat und die damit unvermeidlich fortschreitende Entfremdung und Isolation, und sie versuchten auf mancherlei Weise die Verbindung nach Hessen auf-
recht zu erhalten. Meine Mutter schrieb viele und manchmal sehr lange Briefe an die Treysaer Verwandtschaft, um über die neuen Verhältnisse und die inzwischen statt-
gefundenen Geschehnisse und Veränderungen zu berichten, und wohl auch, um gele- gentlich selbst Post zu empfangen und über die Neuigkeiten in der Heimat etwas zu
lesen, wobei mein Vater sich stets nur mit wenigen Zeilen und einem obligatorischen Gruß unterzeichnete. Noch bis in die Mannheimer Jahre ließ man sich den Schwalm-
boten, die Treysaer Lokalzeitung, mit der Post nachschicken, so dass man über das Geschehen dort im Allgemeinen gut unterrichtet war und anhand der Familienanzeigen
wenigstens wusste, welches Paar vor den Traualtar getreten war, wo Kinder das Licht der Welt erblickt hatten oder wer nicht länger unter uns weilte.
Die Anhänglichkeit an das Altgewohnte erstreckte sich in besonderem Maße jedoch auf die Mahlzeiten und das tägliche Essen. Da wir vor allem den süddeutschen Wurst-
waren keinen rechten Geschmack abgewinnen konnten, schickte mein Vater hin und wieder eine Bestellung an die Treysaer Metzgereien Bornmann und später Thieme,
welche die begehrten roten Schwälmer Wurstringe oder auch die in Schweinsblasen gefüllte Lauterbacher Leberwurst alsbald in einem Paket mit der Post lieferten. Die
rote Wurst sollte möglichst lange an der Luft getrocknet und, wie man sagte, knüppel- hart sein, denn so konnte sie leichter in feine Scheiben geschnitten werden und so ver-
feinerte sich zugleich ihr Aroma. War sie noch zu frisch und weich, was gewöhnlich beim ihrem Eintreffen der Fall war, ließ sie sich mit einigem Nachdruck noch auf dem
Brot verstreichen, doch aß man dann nur eine Wurst gleich nach dem Öffnen des Pakets zur Probe. Die restlichen Ringe und Blasen wurden in der Speisekammer an
kühlem und luftigem Ort aufgehangen, gleichwohl, plötzlichen Eingebungen und Ge- lüsten folgend, gewöhnlich hervorgeholt und verzehrt, noch ehe die erwünschte Schnitt-
festigkeit und der stets gepriesene vollere, reifere Geschmack endgültig erreicht waren. Sie schmeckte auch so, und Vorstellung und Erinnerungen ersetzten das Fehlende.
Diese Würste aus Metzgereien wurden zwar von uns allen in höchstem Maße ge- schätzt, zumal sie vergleichsweise einfach zu beschaffen waren. Doch noch ein Stück-
chen näher an der Heimat und enger an der Kost des Schwälmerlandes war man mit Würsten, die man, selten genug, direkt über die Verwandtschaft aus bäuerlicher Haus-
schlachtung bekam. Diese verfügten bereits über die korrekte Festigkeit und verkör- perten an Geschmack das absolute Nonplusultra, dessen Würste überhaupt fähig
waren. Gab es irgendwo auf der Welt gute Wurst, so war es diese von der Schwalm. Die allerletzte Sprosse des Genusses wurde indes erklommen, sobald man zusätzlich
eines der riesigen runden und etwas flachen Bauernbrote habhaft werden konnte, die auf den Dörfern der Schwalm noch immer in einem gemeinschaftlich genutzten Back-
haus hergestellt wurden, große runde, manchmal an die viele Pfund schwere, dunkel-, ja schwarzbraune Laibe, die aus Roggenmehl und Sauerteig bestanden und obenauf
schön glänzten und an deren mehliger Unterseite manchmal noch kleine Holzkohle- stückchen aus dem Backofen klebten. Die Kruste war, wie dies bei Brot natürlich ist,
der würzigste und schmackhafteste Teil, doch in Verbindung mit der feinporigen, leicht säuerlichen und nur schwach gesalzenen Krume stellte es in überbutterter Form eine
hervorragende Grundlage nicht nur für Wurstbeläge aller Art, sondern auch für die guten selbstgekochten Heidelbeer-, Himbeer- und Erdbeermarmeladen oder das
beliebte Pflaumenmus dar. Indes waren die Brote zu schwer für den Versand oder hätten auf einem Transport, in verpackter Form, ihre Frische vorzeitig eingebüßt.
Zudem hatten die Schwälmerinnen, selbst wenn es ihnen großzügig vergütet wurde, gewöhnlich Besseres zu tun, als auswärtige, etwas nostalgisch veranlagte Liebhaber
ihres täglichen Brots mitzuversorgen. Es war und blieb die Ausnahme, und man war auf günstige Gelegenheiten, die sich anlässlich eigener Besuche in der Heimat ergaben,
sowie auf die Gutmütigkeit und Geneigtheit der Herstellerinnen angewiesen, denn in Geschäften gab es dergleichen Wunderbares nirgends zu kaufen.
Die Küche meiner Mutter, durch die sich, da wir schon einmal beim Essen sind, ein kurzer Streifzug anschließen soll, griff nur zögerlich Süddeutsches auf und hielt sich bei
der warmen Mittagsmahlzeit im Wesentlichen an Bewährtes und Beliebtes wie das von Suppe und Nachtisch umrahmte und mitunter von Salat begleitete Dreierlei von Fleisch,
Gemüse und Kartoffeln, wobei wie man sieht Kartoffeln nicht als Gemüse gerechnet wurden. Als Vorspeise gab es oft eine einfache, klare Bouillon, gelegentlich mit Stern-
chen- oder Buchstabennudeln, Eierstich oder Markklößchen als Einlage. Als Haupt- gang dienten Rouladen, Kotelett oder Schnitzel, Brat- und Kochwurst, Rindfleisch mit
Meerrettich, Irish Stew aus Wirsing und Hammelfleisch, Frikadellen, Eisbein mit Sauer- kraut und Kartoffelbrei, Weckewerk, Kartoffelklöße in einer milchigen Specksoße,
Hefeklöße mit zerlassener Butter und Backobst, Spiegeleier mit Spinat, Falscher Hase, gebratene Leber, Gulasch, Kasseler Rippenspeer, Kartoffelpfannkuchen mit Apfelbrei,
Linsen- und Erbsensuppe mit Speck und Würstchen, Pellkartoffeln mit Frankfurter Grüner Soße und anderes mehr an gutbürgerlichen, nicht allzu aufwändigen, doch
schmackhaften und sättigenden Gerichten. Fisch kam trotz der Angelleidenschaft mei- nes Vaters nur selten auf den Tisch, vielleicht weil er bei uns Kindern der vielen Gräten
wegen unbeliebt war. Reis gehörte bereits zu den exotischen Speisen, sofern es sich nicht um den mit Zucker und Zimt bestreuten Milchreis für uns Kinder handelte, der
zu sehr an den früher genossenen Haferbrei erinnerte und dem wir uns bereits entwach- sen fühlten. Zu Weihnachten gab es den traditionellen Gänsebraten, seltener eine Ente,
natürlich mit Rotkraut oder Rosenkohl und Kartoffeln. Im Sommer kam ein frischer Gurken- oder Blattsalat, der mit Dill, Schnittlauch, Borretsch und Schmand angemacht
war, zum Hauptgericht hinzu, und gewöhnlich beschlossen ein Vanillepudding mit Him- beersauce, ein »Zappelpudding« oder ein Kompott wie solches aus Rhabarber die Mahlzeit.
An Backwerk, an dem Kindern ja immer viel mehr gelegen ist als an Gesottenem, Geschmortem oder Gebratenem, gab es im Laufe des Jahres die ein oder andere
Obsttorte, mit und ohne Schlagsahne, sei sie mit frischen Erdbeeren, Zwetschgen oder eingemachten Kirschen belegt, mitunter auch ein ganzes großes Backblech
mit Pflaumen-. Apfel- oder Streuselkuchen. Weihnachten wurden die beliebten Christstollen gebacken, zu Karneval Kräppeln aus Hefeteig mit Pflaumenmus gefüllt
und zu Ostern manchmal ein Frankfurter Kranz mit angerösteten Haferflocken, die an der äußeren Buttercreme klebten, schichtweise aufgetragen. Auch an Vanillewaffeln
mit Puderzucker, Kalten Hund, Schinkenhörnchen, verschiedene Napfkuchen aus Hefe- oder Rührteig, mit oder ohne Rosinen, Marmor- und Mohnkuchen kann ich
mich erinnern. Nicht zuletzt durch die Künste des Fernsehkochs Clemens Wilmenrod inspiriert nahm ich in dieser Zeit an allem Geschehen in der Küche eifrig Anteil, halb
helfend, halb störend und fast immer im Weg, wie das Kinder nun einmal tun; denn dass ich einmal Koch werden wolle, war abgemacht und gehörte zu meinen frühesten
Berufswünschen, die sich nicht nur auf die Bewunderung vorerst unerreichbarer Ziele, sondern auf eigene Tätigkeit, konkrete Anschauung, Kenntnisse und Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge stützten.
Mein Vater hatte vergleichsweise wenig Beziehung zu dem, was in der Küche geschah. Ihn interessierte nicht, auf welche Art die Speisen zubereitet wurden, ihm war einzig an
ihrem Geschmack gelegen und dass sie ihn sättigten. War er unterwegs, mundete ihm, im Auto sitzend, ein Stück in der nächstbesten Metzgerei gekaufte Kochwurst und ein
trockenes Brötchen aus der Hand allemal besser als jedes Essen in einer Kantine, Gaststube oder gar einem Restaurant, denn das Aussuchen, Bestellen und Warten auf
die Bedienung waren ihm unangenehm. Am besten schmeckte es ihm in den eigenen vier Wänden, wo er die Gerichte kannte, wo pünktlich zu Mittag gegessen wurde, was
auf den Tisch kam, und wo er nach der Mahlzeit zwanglos aufstehen und sich bei einem Mittagsschläfchen erholen konnte.
Gerne gab mein Vater mit großen Gesten, bedeutungsvollen Blicken und eindringli- chem Tonfall ein Gedicht zum Besten, das zu Weihnachten in einer Küche spielte und
die dort vorbereiteten festlichen Speisen miteinander reden oder schweigen ließ. Er hatte dieses Gedicht als Kind bei einer Weihnachtsfeier seiner Schule vorgetragen, wo-
bei er, mit einem hohen weißen Hut, Schürze und einem großen Holzlöffel versehen, als Koch verkleidet war. Dieses Gedicht, dessen Verfasser ihm nicht bekannt war, besaß
er nicht schriftlich und sagte es stets aus dem Gedächtnis auf, was ihm auch mühelos gelang und sichtlich Freude bereitete. Eine Niederschrift, die er erst um sein siebzigstes
Lebensjahr herum anfertigte und mir schickte, kann ich gegenwärtig leider nicht wieder- finden. Doch hörte ich das Gedicht so oft, dass es sich mir, abgesehen von einer Lücke
nach der sechsten Strophe, schließlich ebenfalls einprägte. Wer das Gedicht schrieb, weiß ich freilich noch immer nicht.
Es stand auf einem Küchentisch, mit grüner Petersilie gar wunderbar geschmückt ein Fisch aus vornehmster Familie. Er ruhte groß und schwer und dick
auf einem Bette von Aspik.
Auf einer zweiten Schüssel gar (was übrigens natürlich, da es ja Weihnachtsabend war) erhob sich fein und zierlich ein Tortenbau aus Haselnuss
mit einem Zuckerüberguss.
Doch halt! Welch wunderbarer Duft (er kam von einem Braten) erfüllte wonnevoll die Luft! Wird einer es erraten?
Wer will es sagen und wer kann’s? Ganz richtig! Er war eine Gans!
Gerupft, geschmort und mit der Gabel gar vielemal durchstochen hielt diese Gans zu aller Qual
noch immer nicht den Schnabel. Obwohl man den ihr doch geraubt, denn, ach, der Ärmsten fehlt das Haupt.
Sie warf sich in die Gänsebrust: „Wie, seid ihr auch geladen!?
Na freilich, hätt’ ich das gewusst …! Doch will ich euch nicht schaden. Die Erste bin doch ich, das heißt nicht nur an Körper, auch an Geist!“
Die beiden andern schwiegen stumm – der Fisch, teils weil er stumm war, die Torte, weil ihr die dumme Gans zu dumm war. Vor innerer Verärgerung bekam jedoch sie einen Sprung
quer durch die Zuckerdecke! Die Köchin sah’s mit Schrecke.
Hier die angekündigte Lücke. Die Speisen werden nun eine nach der anderen in das Esszimmer getragen, und die Schüsseln kehren alsbald geleert in die Küche zurück. So
stellt sich die Frage nach dem Schicksal der Speisen. Was ist mit ihnen nur geschehen?
Wenn du es weißt, dann tritt hervor und sag es dreist …! [nach kurzer Pause und mit veränderter Stimme] „Sie sind verspeist, verspeist, verspeist!“
Um die kulinarische Seite nach dieser kleinen Einlage vorerst abzuschließen, sei noch erwähnt, dass Trudel, eine ältere, dickliche Bedienstete mit etwas schaukelndem Gang,
jeden Mittag und Abend ein Tablett mit Essen aus der Anstaltsküche brachte, damit mein Vater sich ein Urteil über die Verpflegung der Patienten bilden könne. Manches
war uns unbekannt, sah befremdlich aus und roch und schmeckte bedenklich in dieser Kost, wie die sauren Nierchen, die gefüllten Paprika, Schwartenmagen, Sülzen oder
der Ochsenmaulsalat. Doch die kurzen, von uns Knieschützer genannten gebogenen Nudeln mochten wir überaus gern und empfanden sie als Bereicherung; andere Nudeln,
wie Spaghetti oder Maccaroni, wurden ebenso wie Pizza oder Paprikagerichte erst später, nicht zuletzt durch die wachsende Zahl südländischer Gastarbeiter, populär.
Ebenso begehrt waren große, süße Rosinenbrötchen aus Hefeteig, manchmal sogar mit feinem Zimtaroma, die aus der Anstaltsbäckerei stammten und dort blecheweise
produziert wurden. Noch heute sind einige der ovalen Porzellanteller, auf denen abends zumeist einige Scheiben Brot, Aufschnitt und ein Eckchen Schmelzkäse lagen, in unse-
rem Haushalt in Gebrauch; dank ihrer schweren, soliden Ausführung hat ihnen selbst ein halbes Jahrhundert nichts anhaben können, auch wenn sie zuletzt nur noch zur Auf-
nahme des Katzenfutters dienten.
Wir gehörten damals noch zu jenen Christen, die nach althergebrachter Weise vor Beginn des Essens angesichts dampfender Schüsseln und Teller ein Gebet sprachen.
Dann reichten wir einander, manchmal im Scherz, manchmal aber auch im Ernst, die Hände, so dass ein geschlossener Kreis entstand, sagten im Chor Mahlzeit! und griffen
erst jetzt zu dem Besteck. Auch nach dem Essen gab es manchmal ein kurzes Tisch- gebet. Diese Bitten um Segen und dieser Dank für die Gaben des Herrn verloren sich
über die Jahre hin, als seien es Worte und Handlungen, die nur für kleine Kinder Be- deutung hätten, und als sei der Pflicht Genüge getan, uns selbige zu überliefern. Die
Vorstellung fällt mir jedenfalls schwer, meine Eltern hätten auch in Abwesenheit ihrer Kinder gemeinschaftlich zu zweit gebetet. Sie ließen es sich angelegen sein, uns eine
einfache, sicherlich etwas oberflächliche religiöse Grundlage mitzugeben und uns in die gebräuchlichsten Rituale des Glaubens einzuführen, eine Aufgabe, die allein meiner
Mutter zuzufallen schien, denn mein Vater kümmerte sich um dergleichen nicht. So lehrte uns auch meine Mutter zwei oder drei Gebete, die wir vor dem Einschlafen und
beim Erwachen aufsagen konnten. Je älter wir Kinder wurden, um so mehr erlahmte aber das Bestreben, auch nur ein einziges weiteres Wort in Glaubensfragen an uns zu
verschwenden, und es genügte vollends, dass wir in der Schule in diesem Fach unterwiesen und später in Mannheim, wie es sich gehörte, auch konfirmiert wurden.
Inneren Anteil nahmen sie an all dem nicht, die Wahrung der Form reichte, und von irgendeiner Art religiösen Eifers, einer sich hiermit verbindenden geistigen Anregung
und Ausstrahlung oder einem lebendigen Durchdrungensein war nichts zu spüren. Andererseits lockerte diese elterliche Haltung den anfänglich kaum wahrgenommenen
rituellen Druck und überließ es schließlich jedem, sich seinen eigenen Reim auf all diese Traditionen zu machen, sie fallen zu lassen oder sich bei Bedarf selbständig darin weiterzubilden.
Eine weitere Brücke, die uns an die Schwälmer Jahre erinnerten, schuf eine Reihe alter Bauernmöbel, die aus dem Besitz meiner Mutter stammten. Sie wurden, ihrem inneren
wie äußeren Wert angemessen, auf dem Flur, gleich hinter der Wohnungstür dekorativ aufgestellt, wo sie jedem Besucher ins Auge fallen mussten, dem Kenner unsere Her-
kunft verrieten und für Gespräche willkommene Anknüpfungspunkte schufen, wie etwa jenem Mannheimer Pfarrer, der unserer Familie vor der Konfirmation den üblichen
Hausbesuch abstattete. Dieselbe Platzierung im Eingangsbereich fand später auch in Mannheim statt. Es waren dies zwei verzierte und geschnitzte Stühle, von denen der
eine ein bunt bemalter Hochzeitsstuhl war, auf dem einst eine Braut an ihrem Hoch- zeitstag gesessen haben mag. Herzen waren in seine Rückenlehne geschnitten. Dann
gab es einen Milchschrank, in dessen Türe ein in kräftigen Grundfarben bunt bemaltes Lattengitter eingelassen war, um hinter einem gespannten Tuch zum Säuern eingestellte
Milch vor Staub und Fliegen zu schützen.
Das größte und imposanteste Möbel war eine mit zahlreichen gedrechselten Leisten geschmückte Truhe, wie der Milchschrank aus dunkelgebeiztem Eichenholz, in der ein
massiver schmiedeeiserner Schlüssel steckte, deren gewichtiger Deckel aber nur sel- ten geöffnet wurde. Mochte die Truhe einst zur Aufbewahrung wertvoller Kleider oder
von Leinen gedient haben, wie sie vormals zur Aussteuer der Bauernbräute gehörten, so war sie nunmehr mit längst verjährten Steuerpapieren meines Vaters gefüllt und ent-
hielt auch manches selten hervorgeholte Erinnerungsstück, etwa einen muffigen Solda- tentornister aus Pferdefell, ein rundes Burschenschaftsmützchen meines Vaters, Gra-
tulations- oder Kondolenzpost vergangener Tage und dergleichen mehr. Da es an Belüftung fehlte, roch alles stickig und alt. Auf der Truhe standen gewöhnlich einige
dickbauchige Tonkrüge, die so schwarz waren wie die Röcke der Bäuerinnen, für die sie einst hergestellt worden waren. Der größte trug die Jahreszahl 1875. Er hatte einst
Leinöl enthalten, von dem man nach dem Abnehmen eines Deckelchens und unter Zu- hilfenahme einer Taschenlampe tief unten am Boden noch verharzte, ranzig riechende
Reste betrachten konnte. Einige Mikadostäbchen, mit denen wir Kinder das alte Öl hatten erreichen wollen, um ein wenig davon nach oben zu befördern und es näher
zu untersuchen, verloren wir freilich unwiederbringlich in dem enghalsigen Gefäß, wo sie wahrscheinlich heute noch kleben. Mehrere tönerne Teller mit Schwälmern und
Schwälmerinnen in Tracht oder dem Ziegenhainer Wappen vervollständigten an den Wänden die Ausstattung unserer Bauerndiele. Sie gehörten zu einer Art von Keramik
und Steingut, wie man es noch heute bei der traditionsreichen Töpferfamilie Dörr- becker im Treysaer Töpferweg kaufen kann.
Viertes Kapitel Wohnverhältnisse. Die Familienkutsche
Das Haus, in dem wir nun lebten, war zweigeschossig und geräumig, und als wir in Sinsheim eintrafen, wohnte noch Papa Hefner, wie wir ihn nannten, der Vorgänger
meines Vaters, im Obergeschoss. Im Parterre war bis zu seinem Auszug und zum Abschluss anstehender Renovierungsarbeiten für unsere Familie eine kleine Über-
gangswohnung hergerichtet worden. Papa Hefner, der etwas Ähnlichkeit mit dem alten Wilhelm Busch hatte, stammte sicher noch aus dem neunzehnten Jahrhundert,
war bärtig, dick und würdig, trug gerne einen Hut und kleidete sich schwarz, denn seine Frau war kurz zuvor verstorben. Oft hatte er einen zotteligen, gutmütigen Hund
in Art und Größe eines Bernhardiners an seiner Seite, der etwas streng roch, stark haarte und überall Spuren hinterließ. In Papa Hefners Wohnung habe es dagegen oft
nach Weihrauch gerochen, und er habe fließend Latein und Griechisch lesen können, behauptete mein Vater. Dazu kann ich nichts sagen; aber da mein Vater einige Monate
vor unserem Umzug schon in Sinsheim arbeitete und immer nur an Wochenenden zu- rück nach Treysa kam, nehme ich an, dass der alte den neuen Arzt gelegentlich zu sich
bat, um ihn einzuarbeiten und für die Amtsübergabe Notwendiges zu besprechen oder, wie sich das unter Kollegen gehört, bei einem Gläschen Höherprozentigen ein wenig zu
fachsimpeln. Man lebte schließlich unter einem Dach.
Nach dem Auszug Papa Hefners wurde das Haus von Grund auf modernisiert und zum Teil sogar umgebaut, was mehrere Monate in Anspruch nahm. Ein Badezimmer
wurde eingerichtet, eine neue Zwischenwand schuf ein zweites Kinderzimmer, Par- kett wurde abgezogen und versiegelt. Man installierte eine Zentralheizung und verlegte
Warmwasserrohre. In einem Anbau wurde ein riesiger Koksofen aufgestellt, der zu- gleich auch die benachbarte Anstaltskirche mit Wärme versorgte. Ein meistens schlecht
gelaunter Herr Müller kam täglich, um die Anlage zu warten, Asche auszufegen, Kohle zu schippen und nachzufeuern. Schließlich wurden Gerüste aufgebaut, und das Haus
bekam auch von außen einen neuen, freundlichen Anstrich, wobei zugleich die Fens- terläden neu lackiert wurden. Bald nachdem mein Vater sich unser erstes Auto ange-
schafft hatte, wurde ihm der Bau einer Garage bewilligt, die ihre Rückwand mit der Anstaltspforte teilte und damit an den Eingang unseres kleinen Parks zu stehen kam.
Dieses Auto, kein großes Modell, doch Symbol wachsenden Wohlstands, war ein blaugrüner Opel (Olympia Rekord), dessen Kennzeichen ich sogar heute noch weiß,
im Unterschied zu dem fast aller anderen Autos, die ich später selbst kaufte oder fuhr.
Leider wurde dieses Auto für mich nun Ort fast wöchentlich wiederkehrender Qualen, denn ich vertrug das Fahren nicht. Hatten mir alle Ausflüge im halboffenen Beiwagen
unseres Treysaer Motorrads, eingequetscht neben meiner Schwester und mit einer Motorradbrille und ledernen Haube gegen den Fahrtwind geschützt, durchaus Freude
bereitet, wurde mir in dem geschlossenen Auto unweigerlich übel, und mein Vater musste regelmäßig anhalten, damit sich mein Magen am Straßenrand entleeren könne.
Saß ich auf dem Beifahrersitz, von wo aus ich die Fahrtrichtung und die kommenden Kurven besser im voraus sehen und mich auf sie einstellen konnte, ließ sich das Mal-
heur hinauszögern, aber nicht umgehen. Meinen Vater schien all dies nicht weiter zu beunruhigen, und in gewisser Weise ignorierte er es sogar, denn er stellte nicht einmal
sein Rauchen während dieser Fahrten ein. Für ihn war die Hauptsache, wochenends am Steuer zu sitzen und unter dem bald recht suspekten Vorwand, die Gegend kennen
lernen zu wollen, mehr oder minder ziellos durch die Lande zu kutschieren, die Familie zur Bewunderung seines neuen Gefährts sowie seiner Fahrkünste im Gepäck.
Diese Touren oder besser Torturen führten im Norden bis nach Amorbach hinauf, im Westen gar bis Rotenburg ob der Tauber und dauerten somit viele, viele Stunden,
die mir so manches Wochenende verdarben. Kürzere, doch nicht minder anstrengende Ausflüge folgten dem Neckar und endeten in Eberbach, Mosbach oder südlicher über
Bad Rappenau in Bad Wimpfen. Besonders ärgerlich war, dass die Ziele selten vor Antritt einer Fahrt festgelegt wurden, sondern sich erst unterwegs ergaben. Man hatte
insgesamt nur eine grobe Vorstellung, in welche Richtung man sich bewegte; das Wich- tigste war, überhaupt erst einmal loszufahren, man würde dann schon sehen. Später
erinnerte man sich plötzlich, von bestimmten Ortschaften, deren Namen man auf den Wegweisern las, schon einmal gehört zu haben, und dies genügte nach einem Blick
auf die Uhr gemeinhin, die Unternehmungslust neu zu entfachen und den Wunsch zu wecken, diese Orte doch einmal spontan zu besuchen, wobei man sich noch den ein
oder anderen Abstecher gönnte. Für Aufenthalte am Bestimmungsort gab es dank der langen Anfahrten verständlicherweise kaum je Zeit, und so beschränkten sich die Be-
suche der verhießenen und erhofften Sehenswürdigkeiten fast immer auf Durchfahrten, die Bewunderung eines Panoramas oder allenfalls einen kurzen Rundgang um Markt-
platz, Kirche und Rathaus. Dann sah man schon wieder auf die Uhr, denn man musste ja noch den ganzen weiten Weg zurück, und tanken musste man auch noch. Nachdem
wir solchermaßen Land und Leute sattsam kennen gelernt hatten, schliefen wir Kinder, nach Bedarf mit Süßigkeiten beschwichtigt, auf dem Heimweg vor Langeweile oft auf
den Rücksitzen ein und erwachten erst bei Dunkelheit, wenn wir wieder zu Hause ein- trafen und der Motor endlich verstummte. Meine Mutter besaß selbstredend keinen
Führerschein, und dass ebenso sie anstelle meines Vaters am Steuer unseres heiligen Wägelchens hätte sitzen können, überstieg unser aller Vorstellungskraft. Man wusste schließlich, was sich gehört.
Fortsetzung (Kapitel 5–9)
Erste Eingabe ins Internet: Donnerstag, 19. Februar 2004 Letzte Änderung: Montag, 25. Juli 2011
© 2004-2008 Herbert Henck
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