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Improvisation
Der Anfang sei die Hälfte des Ganzen, meinte Aristoteles; und dieser Satz, der für so viele Bereiche des menschlichen Lebens gilt, scheint auf den ersten Blick auch wie geschaffen, den Beginn
musikalischer Improvisation zu beschreiben. Gleichviel bedarf es noch einer zusätzlichen Voraussetzung, die vielleicht ebenso unerlässlich ist wie der gute Wille und das Überwinden eines anfänglichen
Widerstands. Man kann nämlich, zumindest meiner Erfahrung nach, nur dann wirklich improvisieren, wenn man Lust zu ihr verspürt und das Verlangen erwacht, Inneres mit den je eigenen künstlerischen Mitteln
nach außen zu tragen. Der Anfang als solcher ist dabei keineswegs schon die Hälfte eines am Ende greifbaren musikalischen Ergebnisses. Die Lust zu improvisieren hat zuvorderst kein Ziel, kein
Fertigzustellendes im Auge, das nachträglich den Anfang rechtfertigt – das Tun als solches ist bereits ihr Ertrag.
Diese Lust, diese Freude am Unvorhergesehenen stellt sich freilich von alleine ein, oder sie tut es auch nicht; erzwingen, unterrichten oder üben lässt sie sich ebenso wenig wie die Fähigkeit, Gedichte zu
schreiben, denn es handelt sich nicht um eine bloße Technik und deren routinierte Anwendung, sondern um eine Kraft zur Aussage. Wie schön das ist, was man improvisierend hervorbringt, und wie sehr oder
wenig es anderen gefällt, ist dabei eine untergeordnete Frage. Den Vorrang hat, glaube ich, allemal das eigene Gefallen an dem, was zustande kommt, die eigene Zustimmung. Vorrang hat die Einschätzung,
dass durch die Musik sich etwas ausdrücken lässt, das die Seele bewegt. Und dass die Klänge die ihnen anvertraute Botschaft vernehmlich werden lässt, ist letztlich alles, was zählt.
Herbert Henck
Deutsche Original-Fassung Englische Übersetzung in: Horizons Touched. The Music of ECM, edited by Steve Lake and Paul Griffths, London: Granta Books, © 2007, S. 305
Erste Eingabe ins Internet: 23. März 2007 Letzte Änderung: Mittwoch, 7. Oktober 2009 © 2007-2008 Herbert Henck
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