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Lotte Kallenbach-Greller
Eine Philologin, Philosophin und Musikwissenschaftlerin im Berliner Schönberg-Kreis
Teil 2
von Herbert Henck
Teil 1
Kap. 1 Vorbemerkung und Überblick
Kap. 2 Herkunft und Ausbildung, Czernowitz – Wien – Berlin Kap. 3 „Grundriss einer Musikphilosophie“ – Vorgeschichte und Folgen Kap. 4 „Das musikalische Hören“ und andere Aufsätze; erste Briefe an Hesse
Anmerkungen zu Teil 1
Teil 2
Kap. 5 „Grundlagen der modernen Musik“, Vorbereitung und Veröffentlichung
Kap. 6 Die Buchbesprechungen und der Konflikt mit Arnold Schönberg Kap. 7 Hauskonzerte und IGNM
Kap. 8 „Ich bin Jüdin“ – Kallenbach-Greller zur Zeit des Nationalsozialismus Kap. 9 Eine Bleistiftzeichnung Dolbins und ein Brief von 1937
Anmerkungen zu Teil 2
Teil 3
Kap. 10 Nach 1945. Erfurt und letzte Jahre
Kap. 11 Heinrich Kallenbach – Ergänzungen
Anlass der Ergänzungen
Die Berliner Adressbücher
Die Festschrift „100 Jahre Baugesellschaft C. Kallenbach“
Neue Vermutungen Kap. 12 Chronologische Übersicht unter Einbezug der Korrespondenz Kap. 13 Die Schriften von Lotte Kallenbach-Greller im Überblick
Anmerkungen zu Teil 3
Anhang
Häufiger zitierte und abgekürzte archivalische Quellen Abbildungen
„Grundriss einer Musikphilosophie“ (Buch-Cover) „Grundlagen der modernen Musik“ (Buch-Cover) Lotte Kallenbach-Greller (Porträt-Foto)
Heinrich Kallenbach (Porträt-Foto) Abbildungungsnachweise
Kapitel 5 „Grundlagen der modernen Musik“, Vorbereitung und Veröffentlichung
Ist das Jahr 1927 durch Publikationen und Briefe vergleichsweise gut erschlossen, so gilt für das folgende Jahr das genaue Gegenteil, denn nicht ein einziges Dokument trat hier bislang in
Erscheinung. Erst 1929 setzten die Quellen erneut ein, die nun aber eng mit dem 1930 erschienenen Buch Grundlagen der modernen Musik in Verbindung stehen dürften. Anzunehmen ist, dass Kallenbach-Greller in der Zwischenzeit an ihrem Buch arbeitete und es in eine druckfähige Form brachte. Hinzu kam die Suche nach einem Verleger, der finanziell unabhängig genug war und sich nicht scheute, das komplexe und kaum einem breiten Leserkreis zugedachte Werk zu veröffentlichen.
Da das Vorwort des Buches mit „Berlin, im Juni 1929“ unterzeichnet ist, dürfte das Manuskript zu diesem Zeitpunkt wohl weitgehend vorgelegen haben, doch ließ sich auch ein Brief vom Donnerstag, dem 30. Mai 1929 nachweisen, den Kallenbach-Greller, als sie gerade in Wien weilte, an Josef Matthias Hauer richtete und in dem sie darum bat, ihn wahlweise am Montag-Nachmittag oder am Mittwoch (3. bzw. 5. Juni 1929) besuchen zu dürfen. Sie habe so viel mit ihrem Buch zu tun gehabt, dass sie „nicht früher abkommen konnte“, und sie reise leider schon in der folgenden Woche (3.–9. Juni) zurück nach Berlin. Sie legt Hauer eine Karte bei und bittet ihn, ihr Tag und Stunde für einen Besuch anzugeben.[76] Ob dieser Besuch tatsächlich zustande kam, ist ungewiss. Auf jeden Fall ging Kallenbach-Greller mehrfach in ihrem Buch auf Hauer ein, und ihre Informationen stammten unter Umständen aus erster Hand und eigener Anschauung.[77] Der Kürze des Briefes nach zu urteilen, war dies freilich nicht der erste Kontakt zu Hauer, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass diesem Schreiben ein oder mehrere Briefe, ein Telefonat oder selbst eine persönliche Begegnung vorausgingen, zumal Hauer im Januar 1928 für ein Konzert in Berlin weilte.[77a]
Ein Brief des Musikwissenschaftlers und -kritikers Alfred Einstein (1880–1952) vom 18. Juli 1929 zeigt, dass sich Kallenbach-Greller damals noch auf der Suche nach einem Verleger
befand und ihr Buch inzwischen dem Berliner Verlag Max Hesse angeboten hatte. Dieser 1880 in Leipzig gegründete Verlag wurde seit 1915 in Berlin von Prof. Dr. Johannes Krill (1884–1946) geleitet,[78] und Einstein scheint als eine Art von Berater oder Lektor für Krill tätig gewesen zu sein. Einstein schrieb an Kallenbach-Greller: „Die verlegerische Seite steht nun leider so, dass Professor Krill es ablehnen muss, das Werk [Geistige
und tonale Grundlagen der modernen Musik] zu erwer- ben, und zwar aus rein geschäftlichen Gründen: er ist mit einer grösseren Unternehmung so engagiert, dass er sich nicht weiter belasten
möchte.“[79]
Ein weiteres Schreiben, das von Ludwig Volkmann [80] (1870–1947), dem Leiter des Leipziger Verlages Breitkopf & Härtel, stammt, ist auf den 27. Juli 1929 datiert.[81] Wie er anfangs schreibt, folge sein Brief mit „einige[n] persönliche[n] Zeilen“ einem Brief seiner Firma. Dieser früher geschriebene und offiziellere Brief ist zwar verschollen, vermutlich hatte er aber die Annahme von Kallenbach-Grellers Buch zum Inhalt. Ihm, Volkmann, sei durch Zufall ein Werk des Wiener Kunsthistorikers Dagobert Frey (1883–1962 oder 1963) in die Hände geraten, auf das er Kallenbach-Greller hinweisen möchte, da es ihr Thema „sehr
erheblich“ streife. Es handele sich um das Buch Gotik und Renaissance als Grundlagen der modernen Weltanschauung,[82] das „auf die verschiedensten Gebiete der Wissenschaft und Kunst“ eingehe, auch auf die Musik. Des Weiteren schreibt Volkmann: „[…] und ganz am Schluß […] behandelt er [D. Frey] anläßlich der geistigen Entwicklung der Gegenwart in ihrem Gegensatz zur Vorstellungsweise der Renaissance neben der Relativitätstheorie, dem Kubismus und Expressionismus, auch die atonale Musik, das 12-Ton-System und die moderne Heterophonie. Diese Gedanken liegen also in der Luft, und ihre Einreihung in eine allgemeine geistesgeschichtliche Betrachtung wird offenbar an verschiedenen Stellen versucht.“[83]
Weitere Quellen zur Vorgeschichte von Kallenbach-Grellers Buch waren vorerst nicht in Erfahrung zu bringen, und so sei zu seinem Erscheinen übergegangen.[84] Zunächst eine Abbildung des Äußeren:
Lotte Kallenbach-Greller Geistige und tonale Grundlagen der modernen Musik im Spiegel der Gegenwart und Vergangenheit Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1930
Kallenbach-Greller sandte ein Exemplar des Buchs an Arnold Schönberg und versah es mit den Worten: „Herrn Professor Arnold Schönberg | in Verehrung überreicht von
der Verfasserin | Berlin, 9. Mai [19]30.“ Die Datierung, die mit der Erfassung des Titels in Hofmeisters Musikalisch-literarischem Monatsbericht gut übereinstimmt,[85] lässt darauf schließen, dass der Druck spätestens Anfang Mai 1930 erschienen sein muss. Das Widmungsexemplar ist in Schönbergs Bibliothek erhalten, und der
Komponist, der auch über buchbinderische Talente verfügte, band das Buch eigenhändig.[86]
Kapitel 6 Die Buchbesprechungen und der Konflikt mit Arnold Schönberg
Die Reaktionen auf Kallenbach-Grellers Buch fielen zwar unterschiedlich, doch vergleichsweise differenziert aus, und man beschränkte sich nicht auf wenige kurze
Bemerkungen, sondern bemühte sich sichtlich um eine verantwortliche Behandlung durch erfahrene und mit der Materie vertraute Autoren. Recht einhellig war die
Meinung über eine mangelhafte Definition der Begriffe, von welchen Kallenbach- Grellers Untersuchung ausging, sowie die Nichteinbeziehung neuerer Erkenntnisse und
wichtiger Literatur. Man kritisierte die schwierige, gelegentlich unverständliche Sprache der Verfasserin, die das Lesen des Buches zu einer bisweilen verdrießlichen Aufgabe
macht. Andererseits wurden der geisteswissenschaftliche Ansatz Kallenbach-Grellers als solcher sowie bestimmte Einzelbeobachtungen insgesamt begrüßt. Die Vorbehalte überwogen freilich.
Auffindbar waren Rezensionen von Theodor Adorno [87] (1903–1969), Dénes von Bartha (1908–1993) [88], Siegfried Günther [89] (1891–1992), Alois Hába [90], Hans Költzsch (1901 bis nach 1974) [91], Hans Kuznitzky [92] (1901–?), Rudolf Schäfke [Schaefke] [93] (1895–1945) sowie eine mit M. C. signierte Rezension in der Revue de Musicologie [93a]. Die Abfolge des Erscheinens dieser Besprechungen ließ sich nicht endgültig klären.
Auch von dem Komponisten Max Marschalk (1863–1940) [94] erschien eine Rezension, und zwar am 13. Dezember 1931 in der Literaturbeilage der Berliner Vossischen Zeitung, an der Marschalk seit 1895 Musikreferent war. Marschalk,
der Schwager Gerhart Hauptmanns, war zugleich auch Inhaber des Berliner Dreililienverlags, in dem einige frühe Werke Schönbergs, darunter die Verklärte Nacht, publiziert waren. Der hieraus entstandene Konflikt zwischen Schönberg
und Marschalk wird zwar nicht angesprochen, schwelt im Hintergrund aber wohl mit und macht das Bemühen Marschalks verständlicher, einen Keil zwischen die Autorin und Schönberg zu treiben.[95] Da ihm dies auch durchaus gelang und seine Kritik Kallenbach-Grellers Verhältnis zu Schönberg eine Zeitlang belastete, sei die Rezension
vollständig zitiert.
„,Geistige und tonale Grundlagen der modernen Musik im Spiegel der Gegenwart und Vergangenheit‘ – es ist ein schwerer Titel; und es ist ein
schweres Buch, das er deckt. Die grundgescheite, grundgebildete, die grundmusikalische Lotte Kallenbach-Greller hat sich ihre Arbeit nicht leicht
gemacht; und sie verlangt Arbeit auch von dem Leser, der ihren Gedanken- gängen folgen will, ihren Gedankengängen über ,den Begriff und das
Erlebnis Musik‘, die sie darzustellen versucht ,frei von jeder vorgefaßten akademischen Dogmatik oder Methode‘. Das Buch ist schwer, wie gesagt; aber
wenn die Verfasserin wegen ,der öfter sehr schwerfälligen Ausdrucksweise‘ um Nachsicht bittet, so ziemt es sich für den Leser, ihr zu bekennen, daß die
Gewöhnung an ihre Ausdrucksweise schnell eintritt und daß ihre Selbstbezichtigung der Schwerfälligkeit als hinfällig empfunden wird. Im ersten
Kapitel ,Musik als organisches Denkgebilde des menschlichen Geistes‘ überschreitet die philosophisch geschulte Verfasserin immer wieder weit die ihr
durch die Musik gezogenen engen Grenzen. Die ,geistige Lage der modernen Musik‘ behandelt das zweite Kapitel. Die Anlagen der Menschen, die sich früher kunst-
schöpferisch ausgewirkt haben, sind verkümmert, so führt die Verfasserin aus, und diese Tatsache läßt sie den Niedergang der Kunst ,sehr einfach‘
erklären. Wir lesen den Satz: ,Vergebens erwartet man das kommende Genie.‘ Die Verfasserin sieht also in unserer Zeit eine Uebergangszeit, in der das
musikalische Leben ,vollständig vom Experiment‘ beherrscht wird. So hält sie auch Arnold Schönberg, mit dem sie sich besonders intensiv beschäftigt
– ,seine Bedeutung liegt in seinem Ethos‘ –, nicht für den neuen Messias, als der er immer wieder ausgerufen wird. Sie erkennt ,an ihm die ekstatischen
Verzerrungen einer Persönlichkeit ohne Hintergrund, eine auf die Spitze getriebene Subjektivität, voll heiliger Einfalt, in den Gesetzen der Phänomene
die Berechtigung zu einer Eigenwilligkeit des Ausdrucks zu suchen, die sich der Teilnahme der Zuhörer entzieht‘. Von ähnlichen zugespitzten, ich möchte beinahe
sagen, kühnen Formulierungen wimmelt das geistbeschwerte, bei Breitkopf u[nd] Härtel, Leipzig, erschienene Buch, das in seinen sechs Kapiteln nicht nur dem Musiker eine Fülle von Anregungen bringt.“[96]
Kallenbach-Greller schrieb Schönberg im Hinblick auf diese Besprechung Marschalks am 5. Februar 1932 einen Brief,[97] den sie mit den Worten einleitete: „Nichts
wünsche ich so sehr, als dass Sie mir glauben, wie erschüttert ich über die Marschalk- sche Kritik war, die völlig unsachlich eine wirkliche Kenntnis meines
Buches vollkommen vermissen lässt, denn nur so wäre es zu erklären, dass Herrn Marschalk beim Durchblättern des Buches grade [sic] jener Satz in die Augen stach,
der aus dem Zusammenhang gerissen meine Stellungnahme zu Ihnen ablehnend erscheinen lässt, ein Missverständnis, das nicht hätte entstehen können, wenn
Marschalk den Satz im Zusammenhange aufgefasst hätte […].“ Doch räumt Kallenbach-Greller ein gewisses Mitverschulden ein: „Diese Zeilen aber haben den
Zweck[,] Sie zu bitten[,] mir meinen ungeschickten Satz nicht übelzunehmen und Herrn Marschalk nicht seine Oberflächlich- keit, der aus einem Buche, das gerade Ihre
Persönlichkeit und Schaffensweise zum Mittelpunkt der Darstellung macht, nur diesen einen Satz hervorzuheben wusste!“ Marschalks Verhalten ist Kallenbach-Greller umso
weniger verständlich, als sie, wie sie am Ende ihres Briefes an Schönberg schreibt, mit diesem befreundet sei.
Die Bemerkungen über Schönberg, die Marschalk zitiert und an denen Schönberg besonders Anstoß genommen hatte, lassen sich vergleichsweise leicht im Buch von Kallenbach-Greller nachweisen.[98]
Ein Antwortschreiben Schönbergs zu dem Brief Kallenbach-Grellers vom 5. Februar 1932 ist ebenso wenig erhalten wie ein Dank für die Übersendung ihres Buches, doch
hatte Schönberg seinen Ärger über Marschalks Besprechung bereits anderweitig kundgetan. In einem aus Barcelona an Josef Rufer [99] (1893–1985) gerichteten Brief
vom 16. Dezember 1931 (drei Tage nach Erscheinen der Kritik) heißt es nämlich: „Anbei sende ich Ihnen einen Zeitungsausschnitt aus der Vossischen [Zeitung]. Frau
Kallenbach habe ich vor einiger Zeit Ihrer Aufmerksamkeit empfohlen; ich hatte in ihrem Buch ein paar Seiten gefunden, in denen ich freundlich behandelt werde: grund
[sic] genung [sic], dass ich, der ich das gar nicht gewöhnt bin, die restlichen, wo wahrscheinlich das Gegenteil steht, gar nicht erst gesucht habe. Ich habe mit dieser Empfehlung Pech gehabt […].“[100]
Etwas verwunderlich ist in diesem Zusammenhang, dass Kallenbach-Greller erst am 5. Februar 1932 an Schönberg schrieb, denn Marschalks Kritik in der Vossischen Zeitung war bereits am 13. Dezember 1931 erschienen. So hat es zumindest den
Anschein, als habe Kallenbach-Greller erst spät von Schönbergs Unwillen erfahren, und erst dieser Umstand habe sie bewogen, sich bei ihm gleichsam zu entschuldigen.
Die Verzögerung mag sich aber auch daraus erklären, dass Schönberg damals aus gesundheitlichen Gründen schon länger in Barcelona wohnte [101] und es für
Kallenbach-Greller fraglich gewesen sein mag, ob er die Besprechung Marschalks überhaupt kennengelernt und ihr gegebenenfalls Beachtung geschenkt habe.
In seinem Brief erklärt Schönberg Rufer, dass er noch kurz zuvor Kallenbach-Greller für einen Lexikonartikel über sich habe empfehlen wollen, doch dass er bei genauerer
Lektüre und Analyse dessen, was sie über ihn in ihrem Buch geschrieben habe, von dieser Absicht wieder abgekommen sei. Gereizt bricht er den Stab über
Kallenbach-Greller, da er Marschalks Kritik offenbar als berechtigt empfindet. Da Schönbergs Brief im Original im Internet nachzulesen ist,[102] scheint ein weiteres
Zitieren seiner zornigen Ausbrüche an dieser Stelle entbehrlich, zumal der Komponist in späteren Jahren, bei ruhigerer Betrachtung, doch wohl auch einiges Richtige in
Kallenbach-Grellers Buch gefunden haben muss – vielleicht auch in Folge der Erklärung, die ihm die Verfasserin im Februar 1932 gesandt hatte. 1938, im fünften
Jahr seines amerikanischen Exils, schrieb jedenfalls der Musikologe Hugo Leichtentritt (1874–1951) an Schönberg und fragte ihn, welche deutschen Musikbücher ihn
interessierten. In seiner Antwort vom 3. Dezember 1938 wies Schönberg ihn zunächst in gewohnter Manier darauf hin, dass er „mit fast allem nicht einverstanden“ sei und er
die Bücher, die er auflistet, meist nur „sehr oberflächlich“ kenne. Nichtsdestoweniger erinnere er sich „an manch guten Gedanken“. Kallenbach-Grellers Buch nennt er in
seiner dreizehn Titel umfassenden Liste im Anschluss an Bücher von Heinrich Schenker, Wilhelm Werker, Alois Hába, Fritz Cassirer, Robert Mayrhofer und Walter
Howard immerhin an siebter Stelle, dann folgen noch Arbeiten von Paul Stefan, Guido Adler, Richard Specht, Heinrich Bellermann (dessen Kompositionslehre Schönberg mit
sieben Ausrufezeichen versieht), Bernhard Marx und Hermann Erpf.[103]
Ein Brief Schönbergs, den er am selben Tag wie seinen Brief an Rufer verfasste (beide Barcelona, 16. Dezember 1931), verschafft Klarheit darüber, für welches Lexikon er
Kallenbach-Greller ursprünglich hatte empfehlen wollen.[104] Dieser Brief nämlich ist
an Dr. Jacob [Jakob] Klatzkin (1882–1948) beim Berliner Eschkol-Verlag gerichtet, in welchem seit 1928 die vielbändige Encyclopaedia Judaica. Das Judentum in Geschichte und Gegenwart erschien.[105] Schönberg riet Klatzkin auf jeden Fall ab, Alfred Einstein als Verfasser eines Artikels über sich zu verpflichten („Ich wollte Sie vor
Herrn Einstein warnen; als Fachmann!“), erwähnt Kallenbach-Greller aber nirgends.
Fand Kallenbach-Grellers Buch bald nach seinem Erscheinen nur noch geringe Beachtung, so ist doch immerhin Kurt Herrmanns 1934 erschienenes Büchlein Die Klaviermusik der letzten Jahre erwähnenswert, da sein Verfasser Kallenbach-
Grellers Publikation in die „Literatur über Neue Musik“ und hier in die Rubrik „Musik- geschichte“ aufnimmt.[106] Hervorzuheben ist auch noch die terminologische Studie Klangfarbenmelodie von Rainer Schmusch, die 1995 unter anderem auf das Buch
von Kallenbach-Greller verweist.[107]
Lotte Kallenbach-Greller 1893-1968 im Dezember 1930 aufgenommen von Carl Franz Julius Brandt in Arosa vergrößerter Ausschnitt; Bildkommentar und Quelle
Kapitel 7 Hauskonzerte und IGNM
Spätestens in die Jahre um 1931 fallen zwei Tätigkeiten Kallenbach-Grellers, die unmittelbar mit der konzertanten Verbreitung von Musik zu tun haben und in gewisser
Weise das Bedürfnis der Autorin zeigen, nach einer betont theoretischen und wissenschaftlichen Anstrengung, wie sie von der Ausarbeitung ihres Buch gefordert
war, wieder in das gesellschaftliche Leben Berlins zurückzukehren. Die aufgefundenen Quellen geben dabei vorerst nur punkthaft wieder, was sich in Wirklichkeit über
größere Zeiträume erstreckt haben dürfte. Zum einen handelt es sich um jene Hauskonzerte, die in Kallenbach-Grellers Wohnung stattfanden (Kurfürstendamm 96),
zum andern um ihre Funktion als Schriftführerin der IGNM in der Ortsgruppe Berlin.
Zwar gibt es über die privaten Aufführungen eine ausführlichere Behandlung in Karla Höckers Buch Hauskonzerte in Berlin, die auf den Erinnerungen von Hans Heinz
Stuckenschmidt (1901–1988) und Else C. Kraus (1890–1979) beruht, doch ist beiden Berichten nur ungefähr zu entnehmen, wann diese Konzerte stattfanden.[108] Die Bemerkung Stuckenschmidts, dass im Hause Kallenbach „Else C. Kraus die wohl allererste Aufführung des Klavierstückes Op. 33a von Arnold Schönberg spielte“[109], weist auf die Zeit vor Ende Januar 1931, denn in seiner großen Schönberg-Biografie gibt Stuckenschmidt als Tag der (offiziellen) Uraufführung dieses Werkes den
31. Januar 1931 an.[110] Bereits am 6. Januar 1931 war jedoch ein Artikel von Stuckenschmidt in der B. Z. [Berliner Zeitung] am Mittag erschienen, der eben jenes
Hauskonzert besprach, in dem Schönbergs op. 33a zum „allerersten“ Mal öffentlich gespielt wurde. Darin hieß es unter anderem: „Am geschlossensten wirkt, nicht nur
dank Else C. Kraus’ klarem, erlebten Spiel, die Mittelgruppe: Hermann Heiß, Arnold Schönberg und Norbert v[on] Hannenheim. […] Schönbergs neues Klavierstück
op. 33a hat, neben allen Geheimnissen des Satzes einen Zug ins Virtuose, fast ins Brillante, den die Kraus sehr wirksam unterstreicht.“[111] Somit lässt sich sagen, dass
zumindest dieses Hauskonzert kurz vor dem 6. Januar 1931 stattfand, möglicherweise noch vor dem Jahreswechsel.
Aus Karla Höckers Buch sei noch ein Zitat ergänzt. In Bezug auf die Berliner Privathäuser, in denen Konzerte veranstaltet wurden, schrieb Stuckenschmidt im
Rückblick: „[D]as wichtigste für mich war damals das Haus Kallenbach-Greller. Die Kallenbach-Grellers waren wohlhabende Leute, die eine große Wohnung am
Kurfürstendamm hatten; sie war eine ausgebildete Musikwissenschaftlerin und hat auch ein recht bedeutendes Buch über moderne Musik geschrieben. Und in diesem Hause,
wo allerdings die Einladenden nicht selbst musizierten, hörte man ganz erstaunliche Dinge.“[112]
Als Stuckenschmidt in seiner Schönberg-Biografie über den Komponisten und Schönberg-Schüler Erich Schmid (1907–2000) spricht, erwähnt er beiläufig zwei
Konzerte, die sich als weitere Hauskonzerte bei Kallenbach-Greller verstehen lassen: „Schmid hörte in einem Berliner Privathaus (vermutlich bei Frau Dr.
Kallenbach-Greller) unter Fritz Stiedrys Leitung die Suite opus 29 und Schönbergs gesamtes Klavierwerk von Else C. Kraus gespielt.“[113] Da Else C. Kraus dieses
Programm mit Schönbergs Klavierwerk (op. 11, 19, 23, 25 und 33a) [114] mehrfach
im ersten Halbjahr 1931 aufführte, würde auch eine solche Veranstaltung bei Kallenbach-Grellers auf das Jahr 1931 verweisen. Dasselbe gilt für die Aufführung von
Schönbergs Suite op. 29 mit Fritz Stiedry als Dirigenten, die am 28. Januar 1931 in Berlin als IGNM-Veranstaltung stattfand. Auf sie wird im folgenden Abschnitt eingegangen.[115]
Ebenfalls auf Hans Heinz Stuckenschmidt geht eine Bemerkung zurück, die in der schon zitierten Kritik vom 6. Januar 1931 ein spezielles Bedürfnis der Hörerschaft dieser Hauskonzerte beschrieb:
„Merkwürdig: die modernen Kammerkonzerte sind schwach besucht; die Salons, in die zu einer Stunde Musik geladen wird, überfüllt. Ist es nur wegen
der Tasse Tee? Oder vielleicht doch, weil hier ein wirklicher Kontakt mit dem Problematischen, schwer Zugänglichen spürbar wird? Gleichviel, die Kom-
ponisten, die unlängst im Hause Callenbach [sic] zu Gehör kamen, fanden ein Publikum von seltener Zahl und höchster Aufmerksamkeit. […]“[116]
Die Überfüllung der Salons scheint mir freilich noch eine gewöhnlichere und nicht minder begreifliche Erklärung in einer gewissen Neugierde zu haben. Denn dem
Publikum ging es vielleicht auch darum, sich hier, ungehindert durch eine unbequeme Bestuhlung und andere Beschwerlichkeiten der Konzertsäle, nicht nur in einer liberalen
Atmosphäre, sondern zugleich auch in einer Art von Luxus und Exklusivität zu bewegen und einmal mitzuerleben, wie es bei „reichen Leuten“ aussah und zuging. Dass diese
Gastgeber zudem promoviert waren und man bei ihnen angesehenen, ja berühmten Persönlichkeiten des Musiklebens begegnen konnte, erhöhte vermutlich noch den Reiz. In Kapitel 11 dieser Arbeit wird neben anderem auf die ökomomischen Hintergründe
dieser Hauskonzerte bei Kallenbach-Greller eingegangen.
Von diesen Hauskonzerten spricht Kallenbach-Greller vermutlich auch, als sie in ihrem Lebenslauf von 1946 auf Blatt 2 schrieb: „Politisch stand ich stets linksradikalen
Kreisen nahe. In meinem Hause in Berlin verkehrten sämtliche antifaschistisch ein- gestellten Tonkünstler, ganz gleich[,] welcher Rasse sie angehörten, in der Mehrzahl waren es jedoch Juden.(2) [117] Nach der Machtübernahme zerstreute sich dieser Kreis in alle Winde.“
*
Was Kallenbach-Grellers Mitarbeit in der Ortsgruppe Berlin der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für neue Musik (IGNM) betrifft, so liegen gegenwärtig
auch hier nur spärliche Hinweise vor. Dass sie Mitglied des Vorstands der Ortsgruppe Berlin e.V. der IGNM war, geht aus den gedruckten Mitteilungen der Sektion Deutschland e.V. vom April 1931 hervor.[118] In dieser Ausgabe heißt es im Teil Berichte der Ortsgruppen unter der Überschrift Ortsgruppe Berlin e.V.:
„Geschäftsstelle: Kurt Westphal, Wilmersdorf, Uhlandstr. 96 | Vorstand: Dr. Fritz Stiedry / Dr. Hans Curjel / Kurt Westphal | Dr. Lotte Kallenbach / Direktor Ludwig Berliner / Dr. Kurt Liebert | Musikausschuß: Nicolai Lopatnikoff / Franz
Osborn / Niko Skalkottas | Erich Walter Sternberg / Dr. Ernst Toch / Wladimir Vogel“; dann folgt ein Abschnitt Veranstaltungen 1930/31 mit einem Kammerkonzert
unter Leitung von Fritz Stiedry am 28. Januar [1931] (Arnold Schönberg, Suite op. 29, Paul Hindemith, IV. Streichquartett op. 32, Igor Strawinsky, Oktett) und am 10. April
[1931] einem von Otto Klemperer dirigierten Orchesterkonzert mit dem Berliner Funkorchester und Funkchor (Alfredo Casella, Serenata; Ernst Toch, Cellokonzert
[Feuermann]; Conrad Beck, Konzert für Streichquartett und Orchester; Anton Webern, Symphonie; Mathias Hauer, Drei Szenen aus der Oper Salambo).[119]
Auch Heinz Tiessen erwähnt Kallenbach in seinem Aufsatz Das Verhältnis zum heutigen Schaffen, als er auf die Berliner Ortsgruppe der IGNM zu sprechen kommt.[120] Nicht auszuschließen ist derzeit noch, dass solche Berliner IGNM- Konzerte zum Teil wenigstens als Hauskonzerte bei Kallenbach-Greller stattfanden.
Ein weiterer Hinweis auf Kallenbach-Grellers Tätigkeit in der Berliner IGNM-Sektion, aus der zugleich ihre Funktion als Schriftführerin hervorgeht, stammt vom September
1931 und erschien in der Rubrik Der Querschnitt in der Prager Musikzeitschrift Der Auftakt. Hier heißt es: „Die Berliner Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft
für neue Musik ersucht um Einsendung neuer Kompositionen jeglicher Gattung und Besetzung an den Schriftführer Dr. L[otte] Kallenbach, Berlin-Halensee,
Kurfünstendamm [sic] 96, unter Beifügung des Rückportos. Nicht freigemachte Sendungen werden nicht zurückgeschickt.“[121] Eine fast gleichlautende Mitteilung
brachte das September-Oktober-Heft 1931 der Wiener Zeitschrift Anbruch.[122]
*
Ein einzelnes Dokument aus dem Jahre 1931 ist anzuführen, da sich die Teilnahme Kallenbach-Grellers an der Zweiten Rundfunkmusik-Tagung (6.–8. Juli 1931) in München belegen ließ.[123] Erhalten hat sich nämlich eine Postkarte vom 7. Juli 1931, die der Schönberg-Meisterschüler Walter Gronostay (1906–1937) zum Abschluss der
Tagung an Eva Gronostay schrieb.[124] Ihr Text lautet kurz und bündig: „Alles fertig.
Gott sei Dank“. Mitunterschrieben hatten Max Dessoir, Eberhard Preussner, Georg Schünemann, Oskar Sala, Paul Hindemith, Val[entin] Härtl, Lotte Kallenbach und Friedrich Trautwein.[125] Da Kallenbach-Grellers Name in der Berichterstattung nicht auffindbar war, nahm sie wohl nicht aktiv an der Veranstaltung teil, sondern war eher
gekommen, um sich zu informieren.
Kapitel 8 „Ich bin Jüdin“ – Kallenbach-Greller zur Zeit des Nationalsozialismus
Ließ sich beobachten, dass die Anzahl der Quellen zu Lotte Kallenbach-Grellers Biografie seit Anfang der dreißiger Jahre stark rückläufig war, so versiegten diese für
die Zeit des Nationalsozialismus zunächst fast ganz. Außer ihrem eigenem Zeugnis, dass sie von 1916 bis 1943 in Berlin wohnte, einem Brief von 1937 und einem melde-
amtlich bestätigten Wohnungswechsel von Berlin nach Erfurt im März 1944 [126]
ließen sich in der Musikliteratur nur die marginalen und bereits zitierten Hinweise von Kurt Herrmann (1934) und Walter Trienes (1940) finden.[127] Eine Anfrage im Bundesarchiv Berlin ergab auch keinen Hinweis auf das, was man als eine national-
sozialistische Belastung nennen könnte, denn diesbezügliche Unterlagen sind dort weder über sie noch ihren Mann Heinrich Kallenbach vorhanden.[128] Eine Fortsetzung der
musikwissenschaftlichen Bestrebungen scheint nach 1930 nicht mehr stattgefunden zu haben.
Vermutete ich noch in der ersten Fassung dieser Arbeit (im Internet seit dem 28. Mai 2006) auf Grund solcher wie anderer Umstände, dass es sich bei Kallenbach-Greller
um eine Jüdin oder zumindest eine sogenannte Halbjüdin gehandelt haben könnte, so ließ sich diese Vermutung im September 2006 zweifelsfrei belegen, nachdem mir das
Thüringische Hauptstaatsarchiv Weimar mehrere Dokumente aus den Nachkriegs- jahren zugänglich gemacht hatte. Diese Dokumente waren im Rahmen einer Bewerbung
Kallenbachs um Aufnahme in den Erfurter Schuldienst angefallen; hierunter befanden sich als Teile von Personalakten aus dem Bereich Volksbildung ein Personalbogen (1947), ein Fragebogen (1946 [1947]) sowie ein Lebenslauf (1947), Schriftstücke, die entweder von Kallenbach-Greller handschriftlich ausgefüllt oder im Falle des Lebens-
laufs von ihr handschriftlich unterschrieben wurden.[129]
In dem Fragebogen vom Februar 1946 [1947], dessen Eintragungen durch Unterschrift
eidesstattlich zu beglaubigen waren, schreibt Kallenbach im Hinblick auf eine national-sozialistische Verfolgung oder Behinderung: „Ich bin Jüdin u[nd] konnte mich
seit 1933 nicht mehr frei bewegen u[nd] auch nicht arbeiten.“[130] Und ein Jahr später erklärt sie in dem Personalbogen (1947) zur Frage ihrer politischen Einstellung: „Opfer des Faschismus, Ausweis Nr. 3601“.[131]
Ausführlicher kommt Kallenbach in ihrem Lebenslauf (Erfurt, 6. Februar 1947) auf die
Ereignisse Anfang der dreißiger Jahre zu sprechen:
„Glücklicherweise wurde ich bereits 1930 gewarnt, dieses Ziel [die Planung einer Habilitation in Musikphilosophie und Musikpsychologie] wegen meiner
rassischen Abstammung nicht weiter zu verfolgen oder zumindestens zu verschieben. Ich beschäftigte mich dann mit kulturkritischen und anderen freien
schriftstellerischen Arbeiten und wartete ab. 1933 brach dann die gefürchtete Katastrophe herein. Ueber diese Zeit möchte ich mich nicht äußern, ich hoffe
aber in Kürze einiges darüber veröffentlichen zu können. Als Opfer der Nürnberger Gesetze bedeuteten die Jahre von 1933–1945
für mich eine völlige Vereinsamung und einen einschneidenden Stillstand der bisherigen Tätigkeit. Politisch habe ich mich vor 1933 nicht unmittelbar betätigt,
sympathisierte jedoch mit den Unabhängigen Sozialdemokraten, wie die meisten Intellektuellen ,links-radikal‘ eingestellt.“[132]
Leider war die Veröffentlichung Kallenbachs über die Zeit des Nationalsozialismus, von der sie hier spricht und die sie Anfang 1947 wohl weitgehend fertiggestellt hatte, bisher
nicht auffindbar, und auf die Frage, wie es Kallenbach gelang, den Nationalsozialismus zu überstehen, gibt es selbst nach Einbeziehung der im Folgenden beschriebenen
Dokumente vorerst keine schlüssige Erklärung. Gleichwohl wurden mir im Dezember 2008 aus dem Stadtarchiv in Erfurt bei der Nachfrage nach Heinrich Kallenbach noch
einige Dokumente bekannt, die bisher nicht in Erscheinung getreten waren. Hierbei handelte es sich um einen Antrag Lotte Kallenbach-Grellers, der sich auf ihre
Anerkennung als „Verfolgte des Naziregimes“ (VdN) bezog und die Ausstellung des bereits genannten Ausweises „Opfer des Faschismus“ zur Folge hatte.[133] In diesen Unterlagen aus dem Jahre 1946 befand sich auch ein weiterer, jedoch fünfseitiger Lebenslauf Kallenbachs, der durch einen zweiseitigen Kommentar Bemerkungen zum Fragebogen ergänzt wurde. Letztere zwei Dokumente gehören offenbar zusammen,
und ihr Inhalt dürfte sich inhaltlich wenigstens teilweise mit dem verschollenen Text über den Nationalsozialismus aus dem Folgejahr überschnitten haben.
Da sich die Bemerkungen zum Fragebogen unmittelbar mit den hier anstehenden Fragen befassen, seien sie als wörtliches Zitat einbezogen:
„Bemerkungen zum Fragebogen.
Der Rasse nach Volljüdin vertrete ich den Standpunkt, daß alle auf Grund der national-sozialistischen Staatsideologie verfolgten Rassejuden, auch wenn
sie nicht mosaischen Glaubens waren, in ihrer Gesamtheit als O p f e r dieses Systems anzusehen sind[.]
Es kommt gar nicht darauf an, ob Juden sich politisch oder sonst illegal betätigt haben, da auch die harmlosesten und noch so bescheiden lebenden
Menschen auf Grund von eigens zu diesem Zwecke erlassenen Gesetzen
d i f f a m i e r t , v e r f o l g t und v e r n i c h t e t worden sind, nur weil sie
der jüdischen Rasse angehörten. Einigen ist es gelungen[,] durch ein im Sinne
der Nazi-Gesetzgebung u n g e s e t z l i c h e s Verhalten der Verfolgung und
Vernichtung zu entschlüpfen, ohne daß sie sich damit einen anderen Vorteil verschafft hätten, als den, am Leben geblieben zu sein, was schließlich ihr gutes Recht war. Ich hatte das Glück, daß meine Eltern nicht in Deutschland lebten, außerdem
zog ich mich sofort nach der Machtübernahme geschickt aus der Oeffentlichkeit zurück unter Preisgabe meiner bisherigen, wissenschaftlichen, Tätigkeit.
Ueberdies ließ ich mich 1938 von meinem arischen Manne scheiden, dessen Leben, Stellung und Vermögen durch meine Rassezugehörigkeit gefährdet
waren. Damit verlor ich jedes von den Nazis den Mischehen zugestandenes
Privileg. Ich wurde v o g e l f r e i ! Auch andere Menschen konnte ich nicht
um Schutz angehen, da ich sie in Gefahr gebracht hätte. In dieser Zeit war mein einziger Schutz mein , W i l l e ‘, mich auf keinen Fall erwischen zu lassen, da
ich den Zusammenbruch des Hitlerismus voraussah. Diese Ueberzeugung hielt mich aufrecht. Ich spielte auf eigene Verantwortung va banque mit meinem
Leben. Es war ein unnatürliches Dasein, zu dem mich der Hitlerismus zwang, denn ich führte innerhalb des Gefüges des national-sozialistischen Staates eine
i l l e g a l e Existenz und habe damit die Ordnungen dieses Staates sabotiert[.]
Ich sehe vollkommen ein, daß Juden und alle anderen durch den Hitlerismus Verfolgten, denen es nicht wie mir gelungen war, sich dem Zugriff der Gestapo
zu entziehen, das erste und vornehmste Anrecht darauf haben, als O p f e r des
Faschismus angesehen zu werden. Aber als w a s sollen wir Anderen gelten? Sollen wir trotz der zermürbenden Bedrohung unseres Lebens seit 1938 und der
rechtlichen wie wirtschaftlichen Schädigung unserer Existenzen seit 1933 zu den übrigen mehr oder weniger antifaschistisch fühlenden Deutschen gezählt werden,
obgleich die Verfolgung der Juden primär nicht wegen ihrer politischen
Stellungnahme erfolgte, sondern aus r a s s i s c h e n Gründen und eine
t o t a l e war? Die r e s t l o s e V e r n i c h t u n g der jüdischen Rasse in
Deutschland und den übrigen Teilen Europas, die während des Krieges unter die Diktatur der Nazis geraten war, bildete einen wesentlichen Programmpunkt
des 3. Reiches. Es müßte daher, meinem Empfinden nach, dem öffentlichen Rechtsgefühl zuwiderlaufen[,] die in Deutschland übrig gebliebenen Juden
nach Aufhebung der Nürnberger Gesetze, was sogleich nach der Besetzung Deutschlands durch die Alliierten erfolgt war, einfach mit den übrigen nicht der
Partei angehörigen Deutschen gleichzuschalten, die zwar in mancher Hinsicht auch kein angenehmes Leben im 3. Reich geführt haben, aber keineswegs im
gleichen Sinne wie die Juden als Opfer einer ,gesetzlich‘ geregelten Diffamierung und Vernichtung ausersehen waren. [das Folgende handschriftlich:]
Karoline Kallenbach
Erfurt im Jan[uar] 1946“[134]
Nicht nur Kallenbach-Grellers Haltung nach der Machtergreifung wird durch den Lebenslauf von 1946 verständlich, sondern auch das Verhältnis zu ihrem Mann und
ihre Scheidung kommen zur Sprache:
„Ich blieb meines kranken Mannes wegen [nach der Machtergreifung] in Berlin, zog mich jedoch sofort von jeder Tätigkeit und jeder Einmischung in die
deutsche Kultur zurück. Die Verhältnisse wurden aber immer schwieriger[,] und die Verfolgung der Juden steigerte sich von Tag zu Tag, so daß ich mit Recht
befürchten mußte, über kurz oder lang als Jüdin ermittelt zu werden. Mit Rück- sicht auf meinen Mann, der zwar Freimaurer und Antifaschist war[,] aber durch
geschäftliche und berufliche Interessen an seine arische Familie gebunden sich keine jüdische Frau leisten durfte, kam es am 24. Juni 1938 zur Scheidung, um
Vermögen, Stellung und Ansehen des Mannes nicht noch mehr zu gefährden. Auch für mich war es im Hinblick auf die Familie meines Mannes das kleinere Uebel.“[135]
Ebenso geht aus diesem Lebenslauf ausführlich hervor (S. 4 und 5), dass Kallenbach- Grellers Beziehungen zur Familie ihres geschiedenen und dann verstorbenen Mannes
alles andere als gut waren, wenngleich sich das Verhältnis im Laufe der Jahre wieder entspannt zu haben scheint.
Kapitel 9 Eine Bleistiftzeichnung Dolbins und ein Brief von 1937
Aus dem Jahre 1937 wurde mir ein Brief Karoline Kallenbachs bekannt, den sie an Bord der „MS St. Louis“ [135a] auf der Überfahrt von Europa nach Amerika
geschrieben und auf den 26. September 1937 datiert hatte. Dieser Brief war an den Karikaturisten und späteren Journalisten Benedikt Fred Dolbin (1883–1971) gerichtet,
über den ich zwar einiges als ehemaligen Schüler von Arnold Schönberg und früheren Ehemann von Ninon Hesse wusste, auf den ich aber nun durch das Internet-Angebot
einer vom Künstler signierten, undatierten Zeichnung, die das Porträt von „Dr. Lotte Kallenbach“ zeigte, erneut aufmerksam geworden war.[135b] Diese Zeichnung wurde
mir freundlicherweise von dem Osnabrücker Antiquar Klaus Harlinghausen als Scan übersandt, so dass ich die Möglichkeit erhielt, sie kennenzulernen.[135c] Aufgrund
der Zeichnung ließ sich zumindest annehmen, dass Lotte Kallenbach und Dolbin einander persönlich begegnet waren, auch wenn danach, wie man dem Brief entneh-
men kann, der Kontakt abgerissen zu sein scheint. Zur Frage der Datierung teilte mir Harlinghausen noch mit, dass die Bleistiftzeichnungen Dolbins, die er gekauft habe, aus der Zeit „1929–1933“ stammten.[135d] Dies besagt, dass auch die Entstehung des Bleistiftporträts von Kallenbach-Greller in die genannten Jahre fallen müsste.
Die Zeichnung, deren Reproduktion an dieser Stelle infolge monatlich anfallender Kosten bei der „VG BILD-KUNST“ nicht möglich ist, löste eine Internet-Suche nach
dem Nachlass von Dolbin aus, über den ich aber schnell durch das von Claudia Bartels bearbeitete und auch online zugängliche Findbuch informiert wurde.[135e] In diesem
Findbuch war auch der Brief einer nicht näher identifizierten „K. Kallenbach“ verzeichnet (S. 30), und nach Prüfung der Handschrift konnte ich mit hinreichender
Sicherheit sagen, dass es sich hier um einen Brief von Lotte Kallenbach-Greller handeln musste, die sich in späterer Zeit „Karoline Kallenbach“ nannte. Dass die Abkürzung
des Vornamens als „Karoline“ aufzulösen sei, war naheliegend. Dieser Brief befand sich in Dolbins Nachlass im „Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund“, so
dass er, ebenso wie die Zeichnung, in diese Studie einbezogen werden konnte.[135f]
Wann und unter welchen Umständen Kallenbach und Dolbin einander begegnet waren, wann Dolbins Zeichnung genau entstand oder ob das in dem Brief vom 26.9.1937
angeregte Treffen mit Dolbin in New York zustande kam, geht aus den ausgewerteten Dokumenten nicht hervor. Aufschlussreich ist der Brief von 1937 insofern, als er zu
den wenigen Dokumenten über Lotte Kallenbach aus der Zeit des Nationalsozialismus gehört; vorerst handelt es sich sogar um das einzige Dokument aus den Jahren 1933 bis 1938.
Der Brief lässt verlauten, dass er auf einer kurzen Reise verfasst wurde, die sich über- raschend ergeben hatte. Die Landung war in Halifax (Nova Scotia, Kanada) für den
28. September 1937 vorgesehen.[135g] Im Anschluss hieran war eine Fahrt nach
New York City geplant, die über Montreal, Detroit, die Niagara-Fälle, Chicago und Washington D.C. führen sollte. Der Aufenthalt in New York war für den 11. bis 14.
Oktober angesetzt, und als Adresse für diese Zeit gab Kallenbach das „Shelton Hotel“ an, das mitten in Manhattan liegt, 1924 als das damals weltgrößte Hotel erbaut wurde
und über 1200 Zimmer und 34 Stockwerke verfügte.[135h]
Dass Lotte Kallenbach nicht allein, sondern in Begleitung kam, geht aus demselben Brief hervor, in dem sie zu Beginn mehrfach von „wir“ und „uns“, also im Plural spricht.
Ob diese Begleitung ihr Ehemann Heinrich Kallenbach war, müsste zumindest bei den Grenzübertritten von Kanada in die USA amtlich bescheinigt worden sein; diese
Dokumente, für deren Existenz es Hinweise gibt, konnten bisher nicht eingesehen werden.[135i]
Nicht beantworten kann ich die Frage, welchem Zweck die Reise diente, ob Inter- essen geschäftlicher Art bei Heinrich Kallenbach eine Rolle spielten oder der Besuch
in Amerika durch ganz andere Umstände veranlasst war. Das Ereignis der Reise tritt einstweilen ohne erkennbaren Zusammenhang in der Zeit des Nationalsozialismus auf.
Dass Kallenbach-Greller jedoch noch unterwegs, vom Schiff aus, Verbindung mit Dolbin, einem jüdischen Exilanten, aufnahm und sie an die Zeit vor dessen Emigration
im Jahre 1935 anknüpfte, spricht meines Erachtens eher für als gegen Lotte Kallen- bach. Auch an im Brief erwähnten Einzelheiten dieser Reise wird erneut erkennbar,
dass die Kallenbachs offenbar keine finanziellen Sorgen hatten und ihnen ein luxuriöses Leben möglich war.
Fortsetzung (Teil 3)
Anmerkungen zu Teil 2
[76] Der Brief, der mit „Dr. Kallenbach“ unterzeichnet ist, befindet sich in der
Handschriftenabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien unter der Signatur 598/56-1. Im Januar 2005 wurde mir dankenswerterweise eine Fotokopie desselben überlassen.
[77] Vgl. die Erwähnung Hauers in den Grundlagen der modernen Musik auf S. 169, 187, 204, 208, 229, 242 und 243.
[77a] Vgl. vom Verfasser den Abschnitt Exkurs: Hauers Musik in Berlin, in: ders., Hermann Heiß (wie Anm. [2]), S. 111–115; hier S. 112.
[78] Vgl. den Artikel Hesses Verlag, Max, in: Hans Joachim Moser, Musiklexikon,
3. Auflage, Hamburg: Sikorski, 1951, S. 458. Ferner den Artikel Krill, Johannes, in: Paul Frank und Wilhelm Altmann, Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon (wie Anm. [42]), S. 321. Nach letzterer Quelle war Krill seit 1911 Teilhaber, seit 1. Januar
1927 „alleiniger Inhaber des Verlags Max Hesse“, in dem seit 1929 auch die Zeitschrift Die Musik erschien. Krill war Neuphilologe und Gymnasialprofessor in Wien und
seiner Heimatstadt Eger. Vgl. auch Hugo Riemann, Musiklexikon, 1929 (wie am Ende von Anm. [63]), Bd. 1, S. 750 f., Artikel Hesse, Max: „jetziger Inhaber Prof.
Dr. J. Krill“; ferner Alfred Einstein, Vorwort zur elften Auflage, ebd., S. VII (Ende).
[79] Maschinenschriftlicher, handschriftlich unterzeichneter Brief (1 Seite) von Alfred
Einstein (Berlin, den 18. Juli 1929), Original im Archiv des Verlages Breitkopf & Härtel (wie Anm. [72]).
[80] Vgl. Hugo Riemann, Musiklexikon, 1929 (wie Anm. [63]), S. 225 f. im Artikel Breitkopf & Härtel (S. 224–226). Ferner Wolfgang Schmieder, [Artikel] Breitkopf
& Härtel, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2, Kassel: Bärenreiter 1952, Sp. 256–265; hier Sp. 264 zu Volkmann. Vgl. auch den Wikipedia-Artikel Ludwig Volkmann.
[81] Maschinenschriftlicher, handschriftlich unterzeichneter Brief (2 Seiten) von
Ludwig Volkmann (Berlin, den 27. Juli 1929), Original im Archiv des Verlages Breitkopf & Härtel (wie Anm. [72]).
[82] Augsburg: Dr. Benno Filser Verlag G.m.b.H., Copyright 1929.
[83] Frey erwähnt auf S. 290 neben Ferruccio Busoni, Arnold Schönberg und Bruno Weigl auch Josef Matthias Hauer.
[84] Lotte Kallenbach-Greller, Geistige und tonale Grundlagen der modernen Musik im Spiegel der Gegenwart und Vergangenheit, VIII (S. II und VIII leer) +
251 S. (S. 252 leer), 150 × 235 mm, Hochformat (Cover-Abbildung). Ein Exemplar des Buches mit dem Besitzervermerk des Pianisten Alfred Hoehn (1887–1945) wurde im Jahre 2006 von dem Freiburger Antiquariat Markus Wolter
angeboten. Hoehn hatte seit 1929 eine Lehrstelle am Hochschen Konservatorium in Frankfurt am Main und galt als einer der herausragenden Pianisten seiner Zeit.
[85] Vgl. Hofmeisters Musikalisch-literarischer Monatsbericht, 102. Jg., Nr. 5,
Leipzig: Friedrich Hofmeister, Mai 1930, S. 127, linke Spalte.
[86] Schönberg Center Wien, Schönbergs Bibliothek, Signatur K4. – Ein Scan der
Widmung und Auskünfte über das Exemplar in Schönbergs Bibliothek wurden mir freundlicherweise vom Schönberg Center Wien im November 2004 übermittelt (Dr. Therese Muxeneder).
[87] Theodor Adorno, Was will die neue Musik? [Rezension von Lotte Kallenbach-Greller, Geistige und tonale Grundlagen etc.], in: Literaturblatt der
Frankfurter Zeitung, 63. Jg., Nr. 51, Frankfurt am Main, 18. Dezember 1930, S. 4. Wiederab- druck in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, hg. von Rolf
Tiedemann und Klaus Schultz, Bd. 19: Musikalische Schriften VI, 1. Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1984, S. (346)–348.
[88] Dénes von Bartha, [Rezension von Lotte Kallenbach-Greller, Geistige und tonale Grundlagen etc.], in: Deutsche Literaturzeitung. Wochenschrift für Kritik
der internationalen Wissenschaft, hg. vom Verbande der deutschen Akademien der Wissenschaften Berlin, Göttingen, Heidelberg, Leipzig, München, Wien, Schriftleiter:
Paul Hinneberg, Dritte Folge, 1. Jg. (= 51. Jg. der ganzen Reihe), Heft 50, Leipzig: Quelle & Meyer, 13. Dezember 1930, Sp. 2384–2388. Zu Dénes Bartha vgl. dessen
von ihm selbst verfassten Artikel in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 1, Kassel: Bärenreiter, 1949, Sp. 1345.
[89] Siegfried Günther, [Rezension von Lotte Kallenbach-Greller, Geistige und tonale Grundlagen etc.], in: Die Musik, 23. Bd. (1930/31), S. 221. Zu Siegfried
Günther vgl. den betreffenden Artikel in: P. Frank und W. Altmann, Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon (wie Anm. [42]), S. 215.
Ludwig Johannes Siegfried GÜNTHER, geb. 10. Juli 1891 in Bernburg (Saale) – [Geburtenbuch] Nr. 593 –, gest. 19. Juli 1992 [sic] in Heidenheim an der Brenz
[Baden-Württemberg] (477/1992). Als Eltern sind genannt der Lehrer Ludwig Günther und seine Ehefrau Clara Günther, geb. Antonius. Eine Fotokopie der Geburtsurkunde
mit Beischrift über das Ableben liegt vor. Zu danken ist dem Archivar Christian Brenk, Stadtarchiv Bernburg (Saale).
[90] Alois Hába, [Rezension von Lotte Kallenbach-Greller, Geistige und tonale Grundlagen etc.], in: Der Auftakt. Moderne Musikblätter, Chefredaktion Erich
Steinhard, 11. Jg., Heft 10, Prag, 2. November 1931, S. 253–254
[91] Hans Költzsch, [Rezension von Lotte Kallenbach-Greller, Geistige und tonale Grundlagen etc.], in: Zeitschrift für Musik, 99. Jg., Heft 6, Berlin (u. a.), Juni 1932,
S. 519–520. Zu Hans Költzsch vgl. den betreffenden Artikel in: P. Frank und W. Altmann, Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon (1936; wie Anm. [42]), S. 308; im selben Lexikon 15. Aufl., Bd. 1, Wilhelmshaven: Heinrichshofen’s Verlag, 1974, S. 365.
Költzsch gehörte zu den Referenten der Wiener Tagung 1927, an der auch Kallenbach-Greller teilnahm, und sein Referat Das Gestaltungsproblem in der Instrumentalmusik Franz Schuberts kam in dem Kongressbericht
Beethoven-Zentenarfeier (wie Anm. [63], S. 222 ff.) zum Abdruck. – Vgl. ferner Annkatrin Dahm, Der Topos der Juden (wie Anm. [65], passim).
[92] Hans Kuznitzky, Neue Wege musikalischer Kunstwissenschaft [Rezension von Lotte Kallenbach-Greller, Geistige und tonale Grundlagen etc.], in: Allgemeine
Musikzeitung, 57. Jg., Nr. 42, Berlin, 17. Oktober 1930, S. 977. Zu Hans Kuznitzky vgl. den betreffenden Artikel in: Paul Frank und Wilhelm Altmann, Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon (wie Anm. [42]), S. 330.
[93] Rudolf Schäfke, [Rezension von Lotte Kallenbach-Greller, Geistige und tonale Grundlagen etc.], in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft,
25. Bd. (1930), Hamburg: Meiner, S. 289 ff. Zu Rudolf Schaefke vgl. den betreffen- den Artikel in: Hans Joachim Moser, Musiklexikon, 2. Aufl., Berlin 1943, S. 804;
dass., 3. Aufl., Hamburg 1951, S. 1008.
[93a] M. C., in: Revue de Musicologie, August 1930, S. 212–212. (Lag nicht vor.)
[94] Zu Marschalk vgl. Hugo Riemann, Musik-Lexikon, Zehnte Auflage, bearbeitet
von Alfred Einstein, Berlin: Max Hesses Verlag, 1922, S. 787; Artikel Marschalk, Max, in: E. H. Müller, Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden: Limpert, 1929,
Sp. 889 sowie P. Frank und W. Altmann, Kurzgefaßtes Tonkünstler-Lexikon (wie Anm. [42]), S. 379. Ferner Kürschners Deutscher Musiker-Kalender 1954,
hg. von Erich H[ermann] und Hedwig Mueller von Asow, Berlin: Walter de Gruyter & Co., 1954, Sp. 1665. Zu den Beziehungen zwischen Marschalk und Schönberg
vgl. H[ans] H[einz] Stuckenschmidt, Schönberg. Leben, Umwelt, Werk, Zürich und Freiburg i. Br.: Atlantis, © 1974, passim.
[95] Möglicherweise war Schönberg nicht sehr gut auf Marschalk zu sprechen,
da ein Brief von ihm im Jahr zuvor (Berlin, 10. Mai 1929) Marschalk in so knappem wie kühlem Ton daran erinnerte, dass er „seit geraumer Zeit“ „weder Geld noch
Abrechnung“ von diesem erhalten habe. Vgl. Faksimile bzw. Transkription.
[96] M[ax] M[arschalk], Musikalische Uebergangszeit?, in: Literarische Umschau. Beilage zur Vossischen Zeitung, Nr. 50, Sonntag, 13. Dezember 1931,
S. [6], Spalte [3]; = Beilage zu: Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen, Nr. 587, Morgen-Ausgabe, Berlin, Sonntag, den 13. Dezem-
ber 1931. Kursives des obigen Zitats im Original gesperrt.
[97] Der zweiseitige maschinenschriftliche, handschriftlich signierte Brief ist auf
vorgedrucktem Briefpapier ausgefertigt und befindet sich heute im Arnold Schönberg Center in Wien. Er wurde mir im Februar 2002 dankenswerterweise von dort in fotokopierter Form zugänglich gemacht.
[98] L. Kallenbach-Greller, Grundlagen der modernen Musik (wie Anm. [60]),
S. 91.
[99] Rufer war von 1925 bis 1933 Assistent Schönbergs an der Berliner Akademie der Künste.
[100] Der Brief ist vollständig vom Schönberg Center Wien im Internet abzurufen, sowohl das Original (Seite 1, Seite 2) wie eine Transkription mit den archivalischen Daten.
[101] Vgl. zu Schönbergs Aufenthalt in Barcelona H. H. Stuckenschmidt, Schönberg (wie Anm. [94]), S. 312–314.
[102] Wie Anm. [100].
[103] Vgl. H. H. Stuckenschmidt, Schönberg (wie Anm. [94]), S. 389 (Richard
Specht ist hier übersprungen). Auch dieser Brief ist im Original und als Transkription im Internet abrufbar.
In Skizzen für eine von Schönberg geplante, aber nicht ausgeführte Autobiografie (72 Manuskriptseiten) aus den Jahren von ca. 1932 bis 1945 erscheint Kallenbach-
Grellers Name nochmals unter der Überschrift Music critics and theorists in einer Namenliste. Ihrem Namen gehen die von Schenker, Hauer und Reich voraus,
es folgen Krist van der Linden und Hába. Im April 2004 wurde mir vom Schoenberg Center in Wien ein Scan dieser Seite überlassen (Signatur: T42_03_2v).
Dass Hugo Leichtentritt von Lotte Kallenbach-Greller die beiden Einzeldrucke Grundriß einer Musikphilosophie (1925) und Geistige und tonale Grundlagen der
modernen Musik (1930) besaß, geht aus folgendem Katalog hervor: Carol E. Selby (Hg.), A Catalogue of Books and Music Acquired from the Library of Dr. Hugo
Leichtentritt by the University of Utah Library, Salt Lake City, Utah (Builletin of the University of Utah, Vol. 45, No. 10, May 1954, S. 25). Ebenso hatte Leichtentritt Bekkers Buch Von den Naturreichen des Klanges (1925) in seiner Bibliothek (ebd.,
S. 12), von dem in Kapitel.3 die Rede war.
[104] Vgl. die Transkription sowie die von dort aufrufbaren beiden Brief-Faksimiles
(Faksimile: Seite 1, Seite 2).
[105] Encyclopaedia Judaica. Das Judentum in Geschichte und Gegenwart,
hg. von Jakob Klatzkin und Ismar Elbogen, Bde. 1–10 (mehr nicht erschienen), Berlin: Eschkol A.-G., 1928–1934. Der 10. Band soll großtenteils in der sogenannten
Reichskristallnacht (9./10. November 1938) verbrannt sein. Klatzkin, ein jüdischer Philosoph, war Chefredakteur des aufwändigen Werkes, das durch Eingreifen der
nationalsozialistischen Regierung nur bis zum 10. Band (Kimchit – Lyra) von fünfzehn geplanten Bänden mit etwa vierzigtausend Artikeln fortgeführt werden konnte. Vgl. den Artikel Encyclopaedia Judaica in der Wikipedia.
[106] Kurt Herrmann (Hg.), Die Klaviermusik der letzten Jahre. Nachtrag zu [Robert] Teichmüller - [Kurt] Herrmann, Internationale moderne Klaviermusik [1927], Leipzig: Gebrüder Hug & Co., Copyright 1934, S. 87.
[107] Rainer Schmusch, Klangfarbenmelodie (S. 221–234), in: Terminologie der Musik im 20. Jahrhundert, hg. von Hans Heinrich Eggebrecht (Reihe: Handwör-
terbücher der musikalischen Terminologie, Sonderband 1), Stuttgart: Hans Steiner, 1995, S. 226, linke Spalte (Text, Details [bei Nichterscheinen der Webseite, diese
aktualisieren]).
[108] Vgl. Karla Höcker, Hauskonzerte in Berlin, Berlin: Rembrandt-Verlag, 1970, S. 99–100.
[109] Ebd., S. 99.
[110] Vgl. H. H. Stuckenschmidt, Chronologisches Werkverzeichnis mit Uraufführungsdaten, in: ders., Schönberg (wie Anm. [94]), S. 514 unter dem Entstehungsjahr 1928 „30.1.1931, Hamburg, Else C. Kraus“. Die Konfusion über die Uraufführung von Schönbergs op. 33a wird durch die im Folgenden vorgelegten
Quellen schnell ersichtlich: Abweichend von Stuckenschmidts Schönberg-Biografie findet man den 29. Januar 1931 in folgender Publikation: Internationale Gesellschaft
für Neue Musik. Mitteilungen der Sektion Deutschland (wie Anm. [118]), S. 12 unter dem genannten Datum die „Veranstaltungen [der Ortsgruppe Hamburg]
1930/31“: „Klavierabend. Das Klavierwerk Arnold Schönbergs 1920–1930 (op. 11, 19, 23, 25, 33a) (Erstaufführungen [sic]). Einleitender Vortrag von Wolfgang [recte:
Norbert] von Hannenheim, Berlin. Ausführende: Else C. Kraus, Berlin“. Da dieses Mitteilungsblatt an anderen Stellen von „Uraufführungen“ spricht, ist mit
„Erstaufführung“ wohl die erste Aufführung in Hamburg gemeint. Ebenfalls den 29. Januar nennt Walter Gieseler in seinem Aufsatz Das Haus Wylerberg und die Musik.
Zur Erinnerung an Alice Schuster (1893–1982) und Else C. Kraus (1893 [recte: 1890]–1979), in: Haus Wylerberg / Huis Wylerberg. Ein Landhaus des Expressio-
nismus von Otto Bartning. Architektur und Kulturelles Leben, Nijmegen 1988, S. 104–131; hier S. 111. Gieseler schreibt: „Wenn mich meine
Unterlagen nicht trügen, fand das erste Konzert mit allen (vgl. Anm. [114]) Schönbergschen Klavierwerken am 27. Januar 1931 im Kleinen Glockensaal in
Bremen statt (als Veranstaltung der GEDOK) […]. Das gleiche Programm gab es am 29. Januar 1931 bei der Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Hamburg.“ [Kursives wie im Original]. Gieseler zitiert in diesem
Zusammenhang mehrfach aus Presseberichten, da er den Nachlass von Else C. Kraus und deren Zeitungsausschnittsammlung für seine Arbeit auswerten konnte. Für Berlin
nennt Gieseler ein Konzert am 1. März 1931 im Berliner Tonkünstlerverein und zitiert aus der Berliner Börsen-Zeitung vom 3. März 1931. Die Webseite des Wiener Schönberg Center (Details) gibt dagegen wie Stuckenschmidt den 30. Januar 1931 an,
nennt als Erstaufführungsort aber Berlin, so dass es gegenwärtig fünf Varianten über Ort und Zeitpunkt dieser ersten öffentlichen Aufführung gibt:
1.) Berlin, vor dem 6. Januar 1931 („allererste Aufführung“), Hauskonzert bei Kallenbach-Greller [siehe oben], 2.) Bremen, 27. Januar 1931 [Gieseler],
3.) Hamburg, 29. Januar 1931 [IGNM-Mitteilungen sowie Gieseler (möglicherweise aber nur Hamburger Erstaufführungen gemeint)],
4.) Hamburg, 30. Januar 1931 [Stuckenschmidt, Schönberg-Biografie] und 5.) Berlin, 30. Januar 1931 [Webseite des Schönberg Centers Wien].
[111] H[ans] H[einz] Stuckenschmidt, Parade der Komponisten. Ein Produktions-Bericht; hier unter der Überschrift Salonkonzerte und singende Aerzte,
in: B. Z. [= „Berliner Zeitung“] am Mittag, 55. Jg., Nr. 4, Berlin: Verlag Ullstein, 6. Januar 1931, S. [6], Sp. [2]–[3] (von 4); hier Sp. 1. (Freundlicher Hinweis von Dieter
Acker, München.) Wie aus der Besprechung hervorgeht, kam neben Schönbergs Klavierstück op. 33a noch Musik von Norbert von Hannenheim (1898–1945),
Hermann Heiß (1897–1966) und Elsa Geyring [Else Geiringer, auch Elisabeth Gyring] (1886–1970) zur Aufführung.
[112] Stuckenschmidt, zitiert in Karla Höckers Buch Hauskonzerte in Berlin (wie Anm. [108]), S. 99. Stuckenschmidt weist hier auch darauf hin, dass bei einem dieser
Hauskonzerte Wolfgang Fortners erstes Streichquartett (1929 komponiert, Druck in Mainz: Schott, 1930) aufgeführt wurde. Schönberg war anwesend, und
Stucken-schmidt machte ihn mit Fortner (1907–1987) bekannt. Fortner erinnert an seine Bekanntschaft mit Schönberg „bei Callenbach am Kurfürstendamm“ in dem Aufsatz Die Weltsprache der neuen Musik; vgl. Josef Müller-Marein und Hannes
Reinhardt, Das musikalische Selbstportrait von Komponisten, Dirigenten, Sängerinnen und Sängern unserer Zeit, Hamburg: Nannen-Verlag, © 1963, S. 386–(397); hier S. 391.
[113] H. H. Stuckenschmidt, Schönberg (wie am Ende von Anm. [94]), S. 303 (der Seitenverweis fehlt im Register).
[114] Was Stuckenschmidt hier als „gesamtes Klavierwerk“ und Gieseler mit „allen Schönbergschen Klavierwerken“ (vgl. Anm. [110]) bezeichnet, bezog sich allerdings
nur auf die veröffentlichten Stücke mit Opuszahlen; ausgeklammert war auch das Klavierstück op. 33b , das im Oktober 1931 in Barcelona entstand und von Else
C. Kraus erst im September 1949 in Frankfurt am Main uraufgeführt wurde.
[115] Wie Anm. [118].
[116] Wie Anm. [111].
[117] Die „(2)“ bezieht sich auf eine Fußnote in dem Typoskript, die besagt: „Pressebelege dafür vorhanden“.
[118] Vgl. Internationale Gesellschaft für Neue Musik. Mitteilungen der Sektion Deutschland e.V., Nr. 3, April 1931, S. 11. Das Heft ist vorhanden im Archiv der
Sacher-Stiftung in Basel (IGNM). Zwei weitere Ausgaben dieser Publikation (1928 und 1929) sind offenbar im Nachlass von Heinz Tiessen im Archiv der Akademie der
Künste in Berlin erhalten. Vgl. dazu Martin Thrun, „Feste und Proteste“. Über das nationale Prinzip der Organisation der „Internationalen Gesellschaft für Neue Musik“ nach 1922, in: Nationale Musik im 20. Jahrhundert. Kompositorische
und soziokulturelle Aspekte der Musikgeschichte zwischen Ost- und Westeuropa, Konferenzbericht Leipzig 2002, hg. von Helmut Loos und Stefan Keym, Leipzig:
Gudrun Schröder Verlag, 2004, S. (457)–470, hier S. 460 zu den drei Folgen der Mitteilungsblätter (pdf-Internetpublikation).
[119] Wie Anm. [118], erstgenannte Quelle, S. 11. Kursivsatz wie im Original.
[120] Vgl. Für Heinz Tiessen 1887–1971. Aufsätze, Analysen, Briefe, Erinnerungen, hg. von Manfred Schlösser, Berlin: Akademie der Künste, 1979
(Schriftenreihe der Akademie der Künste, Bd. 13), S. 97–120; hier S. 115–116 zur Ortsgruppe Berlin der IGNM.
[121] Der Querschnitt, in: Der Auftakt. Moderne Musikblätter, Chefredaktion
Erich Steinhard, 11. Jg., Heft 89, Prag, Mitte September 1931, S. 224, rechte Spalte.
[122] Vgl. Anbruch. Monatsschrift für moderne Musik, hg. von Paul Stefan,
13. Jg., H. 6/7, Wien: Universal-Edition, Sept./Okt. 1931, S. 167, rechte Spalte.
[123] Die Erste Rundfunkmusik-Tagung fand im Mai 1928 in Göttingen statt.
[124] Die Postkarte befindet sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin
(Walter-Gronostay-Archiv, WGA 159–165). Freundlicher Hinweis von Iris Pfeiffer, die mir auch den Text und die Namen der Unterzeichneten zugänglich machte. Von Pfeiffer stammt der Aufsatz Walter Gronostay. Ein Pionier aus Schönbergs
Meisterklasse, in: Ludwig Holtmeier (Hg.), Arnold Schönbergs „Berliner Schule“ (wie Anm. [2]), S. 140–151.
[125] Zu der genannten Tagung vgl. ferner d.g., Rundfunkprobleme. Zweite Tagung für Rundfunkmusik, München, 10.7. [1931], in: Deutsche Allgemeine Zeitung, 70.
Jg., Nr. 311, Ausgabe Groß-Berlin, Berlin, 11. Juli 1931 (Sonnabend Morgen), S. [6], Sp. [2]–[3] sowie vom selben Verfasser: Elektrische Musik. Abschluß der Tagung für Rundfunkmusik, München, im Juli [1931], ebd., Nr. 315, Ausgabe Groß-Berlin,
Berlin, 14. Juli 1931 (Dienstag Morgen), S. [5], Sp. [2]–[3]. Ferner Ludwig Lade, Zweite Tagung für Rundfunk-Musik, in: Melos, 19. Jg., Heft 8/9, Aug./Sept. 1931,
S. 284–286 sowie Leo Kestenberg, Musik im Rundfunk. Bericht von der Mün- chener Rundfunkmusik-Tagung, in: Die Sendung, Nr. 29, Berlin, 17. Juli 1931,
S. 563–564. Vgl. auch Iris Pfeiffer, Walter Gronostay (wie Anm. [124]), S. 148 mit Anm. [54]. (Jeweils ohne Erwähnung Kallenbach-Grellers.)
[126] Zum ersten Zeitpunkt vgl. Fragebogen von 1946 [1947] (Anm. [34]). Zum zweiten Zeitpunkt: Nach Auskunft des Stadtarchivs Erfurt (5. Mai 2004) zog
Kallenbach-Greller am 17. März 1944 von Berlin-Halensee in Erfurt zu (Anm. [35])
und wohnte dann in der Dorotheenstraße 13, „bei Wilhelm Kallenbach“. In der Folge sei sie unter verschiedenen Adressen in Erfurt gemeldet gewesen, wobei die letzte,
vom 4. Oktober 1948 bis zum 13. Oktober 1950 gültige Adresse lautete: Gustav-Freytag-Str. 60. – Kallenbach-Greller schreibt auf Seite 3 ihres Lebenslaufs von 1946, dass sie sich seit Frühjahr 1944 wegen der Angriffe auf Berlin in Erfurt aufhielt.
[127] Vgl. das durch Anm. [106] belegte Zitat sowie Anm. [68].
[128] In einer schriftlichen Auskunft des Bundesarchivs vom 4. Mai 2004 hieß es:
„zu Karoline (Lotte) und Heinrich Kallenbach konnten in den personenbezogenen Beständen und Sammlungen des ehem. BDC [Berlin Document Center] sowie anhand
der geprüften Findmittel (v[or] a[llem] R 32 Reichskunstwart, R 55 RMVP) keine Nachweise ermittelt werden.“ Für die Recherche ist Jana Blumberg, Bundesarchiv Berlin, Abteilung Reich, vielmals zu danken.
[129] Zu Details vgl. IV. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar.
[130] Fragebogen von 1946 [1947], Bl. 16r, zweiter Absatz.
[131] Personalbogen von 1947, Bl. 2r, Frage [römisch:] V e) zur „Politischen
Einstellung“.
[132] Lebenslauf von 1947, Bl. 4r–5r. Die genannten „Nürnberger Gesetze“, auch als
„Nürnberger Rassengesetze“ bezeichnet, wurden im Rahmen des 7. Reichsparteitages der NSDAP in Nürnberg von dem eigens hierher einbestellten Reichstag am 15. Sep-
tember 1935 einstimmig beschlossen. Die antisemitischen Gesetze sollten das Zusam- menleben von Juden und Ariern und die „Reinhaltung des deutschen Blutes“ juristisch regeln. Vgl. auch den Artikel Nürnberger Gesetze der Wikipedia. Die von Kallenbach erwähnten „Unabhängigen Sozialdemokraten“ meint die USPD
(Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), die sich während des Ersten Weltkriegs wegen der Verweigerung von Kriegskrediten von der SPD abgespalten
hatte. Die 1917 gegründete Partei existierte nur bis 1922 als Massenpartei, danach noch als Splitterpartei, die 1931 in der marxistischen SAPD (Sozialistische Arbeiter- partei Deutschlands) aufging.
[133] Vgl. das durch Anm. [131] belegte Zitat.
[134] Vgl. Bemerkungen zum Fragebogen, S. (1). Die Notwendigkeit, hier einige
Interpunktionszeichen zu ergänzen, wurde vermutlich durch einen geringen Textverlust während des Fotokopierens am rechten Rand hervorgerufen; Unterstreichungen und
Sperrungen sind vom Original übernommen. (Auf dieses wichtige Dokument wurde ich vom Stadtarchiv Erfurt im Dezember 2008 aufmerksam gemacht, und der wissen-
schaftlichen Mitarbeiterin Astrid Rose sei ebenso für diesen wie andere Hinweise vielmals gedankt.)
[135] Lebenslauf von 1946, S. 2.
[135a] Vgl. den Wikipedia-Artikel MS St. Louis (MS = Motorschiff).
[135b] Zu Dolbin vgl. die Kurzbiographie auf der Webseite des Instituts für Zeitungsforschung. Dolbin, der mit einer amerikanischen Frau verheiratet war, emi-
grierte 1935 in die USA.
[135c] Vgl. die Inserate auf den Webseiten ILAB bzw. ZVAB. Die Originalzeichnung ist weiterhin käuflich. Sie wird in dem Inserat unter anderem beschrieben: „Brustbild
nach halblinks. Bleistiftzeichnung von Benedikt Fred Dolbin um 1930, vom Künstler monogrammiert. Ca. 220 x 165 mm; sehr schönes Exemplar.“ – Klaus Harlinghausen
sei vielmals gedankt für all sein Entgegenkommen.
[135d] Klaus Harlinghausen in einer E-Mail am 2. Oktober 2009.
[135e] Claudia Bartels (Bearb.), Nachlass Benedikt Fred Dolbin, Findbuch,
Dortmund: Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund, 2005, S. 30, Nr. 01310, handschriftlicher Brief vom 26.9.1937 (online-Ausgabe des Findbuchs unter der in Anm. [135b] angegebenen Webseite).
[135f] Der Brief umfasst 2 Seiten; im Briefkopf steht links oben das gedruckte Signet „H.A.P.A.G.“ (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actiengesellschaft), darunter als Text „HAMBURG–AMERIKA LINIE“. Rechts gegenüber steht der Vordruck „An
Bord“ [handschriftlich:] „der St. Louis“, darunter der Vordruck: „den“, [handschrift- lich:] „16. Sept. [19]37“. Besitzende Institution: „Institut für Zeitungsforschung der
Stadt Dortmund“, Dolbin-Nachlass, Signatur: 01310.
[135g] Vgl. auch Anm. [135i]
[135h] Heutiger Name: „The New York Marriott East Side“ (Manhattan, Lexington
Avenue, 49th Street). Vgl. die Fotos sowie den Text von Carter B. Horsley in The Midtown Book.
[135i] Vgl. http://search.ancestry.com.au/search/: Suche nach „Kallenbach, Karoline“ sowie nach „Kallenbach, Heinrich“; beide Links ergeben sich nach Eingabe der Namen
und Geburtsdaten, und beide Schiffspassagen führten von Deutschland nach Halifax in Nova Scotia, Kanada, so dass die Vermutung nahe liegt, hier seien jene Karoline und
jener Heinrich Kallenbach gemeint, von denen hier die Rede ist.
Fortsetzung Teil 3
Erste Eingabe ins Internet: 28. Mai 2006 Letzte Änderung: Donnerstag, 1. Juli 2010
© 2006-2010 Herbert Henck
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